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von Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank
22. April 2010
Griechenland belastet weiter - IWF revidiert Wachstumsprognosen
EUR/USD eröffnet heute bei 1.3390 (07.25 Uhr), nachdem im amerikanischen und asiatischen Geschäft Tiefstkurse der letzten 24 Handelsstunden bei 1.3374 markiert wurden. Der USD notiert gegenüber dem JPY bei 92.85. EUR-JPY stellt sich in der Folge auf 124.30, während EUR-CHF bei 1.4330 oszilliert.
Die Gespräche zwischen Griechenland, EU und IWF begannen gestern bezüglich des 45 Mrd. Euro Hilfspakets. Die Gespräche werden mindestens 10 Tage andauern.
Auch vor einem Ende der Gespräche über die zu treffenden Spar- und Strukturmaßnahmen Griechenlands könnte das Hilfsprogramm durch Griechenland laut dem griechischen Finanzminister in Anspruch genommen werden. Damit steht ein Kollaps Griechenlands auf absehbare Zeit nicht auf der Agenda.
Vor diesem Hintergrund ist die jüngste Entwicklung der Risikoaufschläge für griechische Staatspapiere als auch der weitere Abverkauf des Euros als ambitioniert zu betrachten.
Damit werden sowohl die rigiden Sparmaßnahmen, die Griechenland umsetzen wird, als auch die für viele überraschend starke zyklische Erholung der Weltwirtschaft, die auch in Richtung Südeuropa stimulierende Einflüsse mit sich bringen wird, vollständig ignoriert.
Der IWF hat gestern seine Wachstumsprognosen revidiert. Die Prognose für die Weltwirtschaft wurde von 3,9% auf 4,2% angehoben.
Damit ergibt sich seit dem „World Economic Outlook“ Oktober 2009 eine Gesamtrevision von +3,1% auf +4,2%. Das ist schon beachtlich, in welcher Amplitude revidiert wird.
Es fällt aber deutlich hinter den Revisionen per 2009 zurück. Da ergab sich folgendes Muster ausgehend vom „World Economic Outlook“ Oktober 2008 von zunächst +3,4% über -1,4% auf -1,1%, dann -0,8% und zuletzt -0,6%. Das klingt wie die Extrapolation des jeweiligen Status. Es klingt nicht wie eine belastbare Prognose. Es war ein wenig hilfreicher „Round-Trip“.
Wir müssen selbstkritisch anmerken, daß auch wir uns per 2009 geirrt haben. Wir haben die Bandbreite einmal ausgehend von +0,8 – +1,3% im Herbst 2008 im ersten Quartal 2009 auf -0,5% - 0,0% angepaßt und es dabei belassen. Die aktuellen -0,6% des IWF sehe ich auch nur als einen „Durchgangswert“ an.
Wir nehmen zur Kenntnis, daß in den USA im letzten Jahr 2009 lediglich ein Rückgang des BIP nach den Berechnungen des IWF von -2,4% nach +0,4% per 2008 festzustellen war. Mit anderen Worten wollen uns die Statistiker des IWF verdeutlichen, daß im Zuge des schärfsten konjunkturellen Einbruchs der USA seit 1929 – 1932 insgesamt lediglich eine Kontraktion der Wirtschaftsleistung per 2008/2009 von 2% zu verzeichnen war, obwohl die Anzahl der Beschäftigten per Ende 2007 von circa 138 Mio. auf zutiefst 130 Mio. um circa 6,1% gesunken ist,

obwohl der Bausektor in dieser Phase ab Ende 2007 mit einem Rückgang um 25% förmlich kollabierte,

obwohl die Industrieproduktion in diesem Zeitraum von Ende 2007 bis Ende 2009 um circa 11% gesunken ist,

obwohl die Einzelhandelsumsätze (nicht preisbereinigt!!) in dieser Phase von 375 Mrd. USD auf 354 Mrd. USD um circa 5,6% verloren,

obwohl das Verbrauchervertrauen (Konsum steht für mehr als 70% des BIP) in dieser Phase laut dem „ABC News Money Magazine Consumer Comfort Index“ von circa -25 auf circa -50 Punkte sank und dabei historische Tiefstwerte markiert und sich seitdem nicht nachhaltig erholen konnte

Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich.
Wir nehmen zur Kenntnis, daß die Vereinigten Staaten dieses Jahr ein Wachstum von 3,1% erreichen sollen. Unsere Skepsis ob der Datenqualität bezüglich der USA setzen wir als bekannt voraus.
Es ist schon erstaunlich, daß ein Land mit solchen „vorzüglichen“ BIP-Daten laut IWF in einer Krise eine nachhaltig statistisch erfaßte Zunahme der Armut und der Verwendung von Food Stamps aufzuweisen hat.
Wir bedienen uns hier der „Chartbasis“ von Thorsten Schulte, dem „Silberjungen“. An dieser Stelle vielen Dank an den Silberjungen für die prompte Lieferung der nachfolgenden Charts. Diese anekdotische Evidenz stellt das statistische Kartenhaus des Bureau of Economic Analysis in den USA als auch des IWF in Frage.
Bei der Verwendung der US-BIP Daten ist und bleibt Vorsicht geboten. In dem Buch „Endlich Klartext“ bin ich auf die statistischen Spielereien in den USA diesbezüglich eingegangen (Seite 159 ff).


Es ist bemerkenswert, daß ein Finanzmarkt eine ökonomische „Maus“ der Größe Griechenlands (2,6% Anteil am BIP der Eurozone) in extremster Weise in den Mittelpunkt der Bewertung am Devisenmarkt stellt, obwohl gerade dort markante und historisch einmalige Spar- und Strukturpolitik unter Aufsicht des IWF und der EU-Kommission umgesetzt wird.
Gleichzeitig wird der Defizitelefant USA, der das Defizitproblem trotz „griechischer“ Ausmaße in den USA bequem ignoriert und bis 2020 eine Fortsetzung der aggressiven Schuldenpolitik plant als auch mit statistischen Daten in levantinischer Art und Weise jongliert vollkommen außer Acht gelassen. „Chapeau!“
Wir diskutieren intern den Begriff der kognitiven Dissonanz und verweisen darauf, daß durch Nichtbewertung der Realität kein Problem geheilt wird, sondern die kommende Anpassung verschärft wird. Das ist die Lernkurve aus der „Neuen Marktkrise“, es ist auch die Lernkurve aus der US-Immobileinkrise und der daraus folgenden globalen Finanzkrise.
Fakt ist, daß der USD (und das GBP) unter Kaufkraftgesichtspunkten eine „Cash-Burn Rate“ aufweist. Die Verbraucherpreise stehen bei +2,4% und die Erzeugerpreise bei zuletzt +4,4% und voraussichtlich (siehe unten) bei +5,8%, während der Leitzins zwischen 0,00% - 0,25% oszilliert und dort laut Fed für eine längere Zeit verharren soll.
Die Abstraktion lautet, daß die USA ohne die massive Zinssubvention und die unverändert geplante fiskalische Subvention (dieses Jahr 1.561 Mrd. USD) nicht bestehen könnten, mehr nicht, weniger auch nicht!
Genau dieser Umstand wird mit der Fokussierung auf Griechenland ausgeblendet und sogar mit Kursgewinnen für den USD (und das GBP) abgefeiert.
„What a funny world we are living in …!”
Zusammenfassend ergibt sich ein Szenario, das den EUR gegenüber dem USD favorisiert. Ein nachhaltiges Unterschreiten der Unterstützungszone bei 1.3250-80 neutralisiert den positiven Bias des Euros.
Termine am 22.4.2010:
| Daten | zuletzt: | Konsensus: | Bewertung: | |
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| USA | Erstanträge Arbeitslosenhilfe 17.04. | 484.000 |
454.000 |
(14.30) Wird es wirklich besser? |
| USA | Erzeugerpreise (M/J) März | -0,6%/4,4% |
0,4%/5,8% |
(14.30) Hoppla, „Cash-Burn Rate“ USD … |
| USA | Absatz genutzter Wohnimmobilien März | 5,02 Mio. |
5,28 Mio. |
(16.00) Leichter Anstieg favorisiert. |
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