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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im Juni 2012?

von Thomas A. Spörer

KID Juni 2012

Chart grösser

... Abwärtswende in Richtung südlicher Peripherie

Die 21. KW

... begann mit dem Chicago Fed Index, der sich von revidiert -0.44 auf +0.11 Punkte knapp zurück über Null erholen konnte. Das Handelsblatt-Insider-Barometer berichtete von kräftigen antizyklischen Käufen der Unternehmensinsider. Die ICSC US Chain Store Sales fielen zum vierten Mal in Folge von 540.4 auf 531.4 Punkte bzw. um -1.7%. Die Existing Home Sales legten dagegen zum ersten Mal seit drei Monaten wieder um +3.4% zu, Der Richmond Fed Index rutschte deutlich von +14 auf +4 Punkte ab. Die US Mass Layoff Statistik berichtete für April von mehr angekündigten Massenentlassungen und davon Betroffenen. Die US New Home Sales legten +3.3% gegen den abwärts revidierten März zu. Der FHFA-Hauspreisindex stieg mit +1.8% deutlich über Erwartung. Der HSBC China-Flash-PMI zeigte mit 48.7 nach 49.3 weiter rückläufige Stimmung bei den chinesischen Einkaufsmanagern.

Die Vorabwerte der deutschen und europäischen Einkaufsmanager weckten keine Begeisterung. Der deutsche Industrie-Teilindex sank von 46.2 auf 45.-, die Dienstleister stagnierten bei 52.2 Punkten, zusammen ergab sich mit 49.6 nach 50.5 erstmals ein Wert unter 50. Auch Frankreich enttäuschte, die Vorabwerte für die Eurozone gaben insgesamt fast auf ein Drei-Jahres-Tief mit 45.9 von 46.7 nach, wobei die Industrie auf 45.- nach 45.9 und die Dienstleister auf 46.5 nach 46.9 zurückfielen. Auch der ifo Index stürzte kräftig ab, das Klima büßte mit 106.9 nach 109.9 fast alle Zuwächse der letzten sechs Monate wieder ein. Die aktuelle Lage wurde mit 113.3 nach 117.5 deutlich schwächer beurteilt, die Erwartungen sanken von 102.7 auf 100.9 Punkte. Europolitik, Energiepreiswende und einsetzende Deindustrialisierung fordern unvermeidlich wenn auch verzögert ihren Tribut. Der problemverdrängende deutsche Stimmungsfrühling ist wie befürchtet jäh zu Ende gegangen.

Die US Unemployment Claims blieben mit 370.000 Erstanträgen unverändert. Die vorläufigen US-Auftragseingänge langlebiger Güter legten im April nur minimal um gesamt +0.2% zu, ex Transport waren es +0.6%, ex Rüstung +1.2%. Investitionsgüter verloren -1.9% - kein gutes Zeichen. Der Kansas City Fed Index erholte sich von +3 auf +9 Zähler. Das GfK Konsumklima blieb mit +5.7 nach revidierten ebenfalls +5.7 Punkten stabil. Spät prozyklisch wurden die Konjunkturaussichten besser eingeschätzt, die Einkommenserwartungen gingen leicht zurück und die Anschaffungsneigung konnte sich etwas erholen, was durch die Rekord-Niedrigzinsen auf angespartes Kapital mit begünstigt wird. Dennoch ist auch der deutsche Binnenkonsum keine einsame Insel irgendwo in Europa. Der finale Mai-Wert beim US-Verbrauchervertrauen der Uni Michigan übertraf mit 79.3 nach 76.4 bzw 77.8 zur Monatsmitte die Erwartungen. Der ECRI WLI verlor erneut deutlich von revidiert 124.4 auf 123.1 Punkte, die Wachstumsrate verharrt weiter um Null. Der Baltic Dry gab ebenfalls sehr kräftig nach bis 1034 Zähler, der Harpex legte dagegen weiter von 445 auf 457 zu.

Die 22. KW

... brachte die vorläufige deutsche Mai-Inflationsrate mit +1.9% erstmals seit Januar 2011 wieder unter die 2%-Marke. Der Case Shiller Hauspreisindex zeigte für März keine Änderung gegen Februar, zum Vorjahr ergaben sich -2.6% nach -3.5% und damit weiterhin kein tragfähiger Boden. Das US-Verbrauchervertrauen des TCB rutschte von abwärts revidiert 68.7 kräftig auf 64.9 ab - somit steht es nach kurzer Zwischenerholung wieder fast auf Stand vom Dezember 2011. Lage- wie Erwartungswerte gaben nach. Es folgten die gesammelten Vertrauenswerte für die Eurozone, der ESI Composite Index verschlechterte sich weit unter die erwarteten 92.0 nach 92.9 abwärts bis auf 90.6 Zähler, woran fast alle Sektoren beteiligt waren. Das Industrievertrauen sank von -9.0 auf -11.3, die Dienstleister von -2.4 auf -4.9, der Bausektor von -27.4 auf -30.1 und der Einzelhandel diesmal besonders kräftig von -11.1 auf -18.1 Punkte. Lediglich das Verbrauchervertrauen konnte sich marginal von -19.9 auf -19.3 verbessern. Die ICSC US Chain Store Sales verloren weiter von 531.4 auf 528.5 Punkte. Die US Pending Home Sales enttäuschten stark mit -5.5% nach +4.1% bei erwarteten -0.1%.

Der deutsche Einzelhandel als konjunktureller Hoffnungsträger erhielt im April einen kräftigen Dämpfer mit real -3.8% und nominal -2.0% gegen Vorjahr. Es war der stärkste Rückgang seit zwei Jahren. Gegenüber März stand dennoch ein kleines Plus von real +0.6% und nominal +0.7% in den Büchern. Auch der deutsche Arbeitsmarkt zeigte im Mai eine (Zitat) "Abschwächung der positiven Grundtendenz". Saisonbereinigt stagnierte damit die Frühjahrsbelebung, gegen Vorjahr waren 105.000 Personen weniger arbeitslos, die amtliche Rate sank von 7.0% auf 6.7%. Die US Unemployment Claims entwickelten sich mit 383.000 nach revidiert 373.000 Erstanträgen ungünstig. Auch der Challenger Report verhieß gegen Vorjahr mit +66.7% nach +11.2% bei den angekündigten Stellenstreichungen im Mai auf 8-Monats-Hoch nichts Gutes. Das US-BIP zeigte in der zweiten Schätzung zum ersten Quartal schwächere Tendenz, die saisonbereinigt annualisierte Jahresrate ging von +2.2% auf +1.9% zurück. In üblicher Berechnungsweise ergaben sich damit +1.99% nach +2.08% in der Erstschätzung. Der Chicago PMI Einkaufsmanagerindex gab unerwartet kräftig von 56.2 auf 52.7 Punkte und den tiefsten Wert seit September 2009 nach.

Die chinesischen Einkaufsmanager brachten ihren CFLP-PMI mit 50.4 nach 53.3 kräftig zum Absturz, auch hier scheint die fünfmonatige Zwischenerholung abrupt beendet. Das HSBC/Markit-Gegenstück gab bereits zuvor unter der 50er-Marke weiter von 49.3 auf 48.4 nach. Die finalen PMI-Werte der europäischen Industrie-Einkaufsmanager lagen mit 45.1 nach 45.9 einen Tick über der Vorabschätzung, der deutsche Teilindex erreichte 45.2 Zähler, Spanien unterbot in seiner wirtschaftlichen Talfahrt inzwischen sogar Griechenland. Die US-Einkaufsmanager zogen ihren ISM-Index um -1.3 Punkte von 54.8 auf 53.5 nach unten. Auch der US-Arbeitsmarkt enttäuschte erneut, wie es die Vorlaufindikatoren schon angekündigt hatten. Außerhalb der Landwirtschaft wurden im Mai nur 69.000 neue Stellen geschaffen, dazu die März- und Aprilzahlen abwärts revidiert. Die Arbeitslosenrate stieg nach Monaten erstmals wieder von 8.10% auf 8.21%. Die US Bauausgaben legten im April um +0.3% zu, blieben damit aber unter Erwartung.

Der ECRI WLI verlor weiter von abwärts revidiert 123.0 auf 122.4 Zähler, die Wachstumsrate drehte wieder ins Negative und bestätigte damit das ECRI-Chef-Statement vom Mai "No, I’m not Wrong — We´re still headed for Recession", die für die zweite Jahreshälfte 2012 erwartet wird. Das US-Inflationsbarometer USFIG zeigte für Mai einen deutlichen Anstieg von aufwärts revidiert 101.4 auf 102.3 Punkte. Das europäische EZFIG sank dagegen um einen Monat zurückversetzt für April von 98.2 auf 96.0 und ein 25-Monatstief. Der Baltic Dry rauschte mit 904 erstmals wieder durch die 1000er Marke abwärts. Der Harpex legte dagegen noch zwei Punkte von 457 auf 459 zu. Im Fazit einer insgesamt grottenschlechten Woche folgten entsprechend deutliche Marktverwerfungen, Der DAX durchbrach die 200-Tage-Linie und erreichte die Entscheidungszone 5950-6000, der auslaufende Bund-Kontrakt fast die 147.-, WTI Crude fiel bis gut 83.- USD. We are still headed for Recession.

Die 23. KW

... wurde vom Konjunktur-Sentix eröffnet, wo es kräftig weiter nach Süden ging. Der deutsche Teilindex gab insgesamt von +16.0 auf +9.1 nach, die Lage verlor von +40.3 auf +35.0, die Erwartungen drifteten tiefer ins Minus von -5.8 auf -14.0 Punkte. Euroland büßte erneut Boden ein, insgesamt von -24.5 auf -28.9, bei der Lage von -31.5 auf -35.0 und bei den Erwartungen von -17.3 auf -22.5 Zähler. Auch alle übrigen Regionen zeigten Schwäche, das globale Aggregat rutschte mit gesamt -1.6 nach +5.7 erstmals in den weltkonjunkturell roten Bereich, wobei die Lage mit +4.6 nach +11.7 noch über Null, die Erwartungen mit -7.7 nach -0.2 jedoch deutlich unter Null gingen. Die endgültigem US-Auftragseingänge blieben enttäuschend, der März wurde auf -2.1% abwärts revidiert, der April brachte insgesamt -0.6%. Langlebige Wirtschaftsgüter lieferten eine glatte Null, ex Transport errechneten sich -1.1%, ex Rüstung -0.2% und zivile Investitionsgüter verloren -2.1%.

Der deutsche April-Auftragseingang als Schlüsselgröße enttäuschte mit -1.9%, was aber durch den mit revidiert +3.2% nach zuvor nur +2.2% verbesserten März verstärkt wurde. Verursacher des Rückgangs waren eindeutig die Auslandsorders mit -3.6%, die mit Inlandsaufträgen von +0.4% nicht kompensiert werden konnten. Konsumgüter gaben um satte -5.0% nach, Investitionsgüter verloren -3.3%, das Volumen an Großaufträgen blieb unterdurchschnittlich. Der direkte Jahresvergleich zeigt weiterhin deutlich rote Zahlen, woran sich bis zur Jahresmitte wegen stärkerer 2011er Vergleichszahlen wohl auch wenig ändern dürfte. Die deutschen Einkaufsmanager der Dienstleister gaben nur -0.4 Punkte auf 51.8 ab, der deutsche Gesamtindex incl. Industrie sank mit 49.3 nach 50.5 dennoch klar unter die Wachstumsschwelle. Auch der europäische Servicesektor hielt sich mit nur -0.2 Punkten auf 46.7 relativ wacker, der Gesamtindex ging jedoch mit 46.0 Punkten so stark in die Knie wie zuletzt 2009. Überraschend gut hatten sich zuvor noch die chinesischen Dienstleister präsentiert, deren HSBC-Service-PMI mit 54.7 nach 54.1 auf ein 19-Monats-Hoch anzog.

Die US-Einkaufsmanager brachten ihren Service-ISM-Index ebenfalls ein winziges Stück von 53.5 auf 53.7 nach oben. Die US Chain Store Sales zeigten zu Juni-Beginn erstmals wieder eine kleine Erholung, der Index stieg von 528.5 auf 530.7 Punkte. Die deutsche Produktion wurde für März von +2.8% auf +2.2% abwärts revidiert, die sie im April mit -2.2% prompt wieder einbüßte. Erwartet wurde nur ein Minus von -1.0%, Konsumgüter verloren dabei -3.7%, Investitionsgüter -3.6%. Der "Frühlingsaufschwung" war damit erwiesenermaßen reine Stimmung, die harten Daten blieben und bleiben weiter schwach. Die EZB beschloss trotz wachsenden politischen Drucks, ihr noch verbliebenes Pulver zunächst trocken zu halten. Sie verwies stattdessen die Politik auf deren Handlungsbedarf - und kein Kommentar zu GRExit-Szenarien, Ebenso verhalten präsentierte die FED das Beige Book, sie sieht trotz zuletzt schwacher Daten die USA weiterhin auf einem "moderaten Wachstumskurs".

Die US Unemployment Claims verbesserten sich minimal von revidiert 389.000 auf 377.000 Erstanträge. Die deutschen Exporte sanken im April erstmals in diesem Jahr und mit -1.7% deutlich stärker als mit -1.0% erwartet worden war. Besonders stark verlor der Export in die Eurozone mit satten -3.6%. Wir sind eben doch keine Insel, und die mit +10.3% im April noch sehr stark tragenden Non-Euro- und Schwellenländer driften momentan auch in die Flaute. Die Importe brachen mit -4.8% noch deutlicher ein, sodass der Handelsbilanzüberschuss kräftig anstieg. Das US-Handelsbilanzdefizit verringerte sich im April leicht von -52.62 auf -50.06 Mrd USD. Der ECRI WLI blieb auch Anfang Juni weiter schwach mit 121.6 nach revidiert 122.3 Punkten. Der Baltic Dry verlor in der britisch verkürzten Woche bis auf 872 Punkte. Der Harpex gab die zwei Pluspunkte der Vorwoche wieder ab und kam von 459 auf 457 zurück. Der Handelsblatt-Barclays-Indikator blieb moderat freundlich, für das zweite Quartal wurden +0.2% und für das dritte +0.3% vorhergesagt. Für das Gesamtjahr bleibt Barclays bei +1.0% Wachstum - wo die herkommen sollen bleibt unklar. Die deutschen harten Schlüsseldaten dieser Woche waren eine herbe Enttäuschung.

Die 24. KW

... eröffnete der OECD Leading Index, der auf den März mit revidierten 100.4 im April einen Tick auf 100.5 zulegen konnte. Die OECD konstatierte jedoch ein verstärktes Auseinanderdriften der Volkswirtschaften, Japan, USA und Russland sieht man positiv, Euroland, Indien und China dagegen schwächer. Die US Chain Store Sales fielen im ICSC Index mit 526.8 nach 530.7 schwächer aus. Die endgültige deutsche Inflationsrate wurde für Mai mit +1.9% unter der 2%-Marke und auf dem niedrigsten Stand seit Dezember 2010 bestätigt. Noch heftiger ging der Index der US-Erzeugerpreise im Mai in die Knie, er verlor volle zwei Punkte. Die Jahresrate sank von +1.9% auf +0.8% und den niedrigsten Stand seit Ende 2009. Bei den US-Einzelhandelsumsätzen wurden März und April sehr kräftig abwärts revidiert, der Mai lieferte eine Weitere Abschwächung, die durch sinkende Preise an den Tankstellen verstärkt wurde. Die US Unemployment Claims kamen mit 386.000 nach revidiert 380.000 Erstanträgen etwas schlechter. Die US Verbraucherpreise gingen im Mai mit +1.73% nach +2.30% erstmals seit Februar 2011 wieder unter zwei Prozent. EuroStat meldete für die Eurozone im Mai +2.4% nach zuvor +2.6% Inflation.

Der Empire State Index wurde mit +13.0 nach +17.1 schwächer erwartet, rauschte aber gleich bis +2.3 abwärts - was quasi Stagnation nahe der Nullgrenze bedeutet. Die US Industrieproduktion wurde für Mai mit +0.1% erwartet, kam aber stattdessen auch nur mit -0.1%. Die Kapazitätsauslastung sank von 79.2% auf 79.0%. Das US-Verbrauchervertrauen der Uni Michigan wurde zur Monatsmitte mit 77.5 nach 79.3 erwartet, es stürzte jedoch bis 74.1 Zähler ab - die US-Konjunktur schwächelt zunehmend deutlicher. Der ECRI WLI wurde per Vorwoche von 121.6 auf 121.3 abwärts revidiert und konnte sich zuletzt wieder leicht auf 121.9 Punkte erholen. Der Baltic Dry rappelte sich per Donnerstag weiter auf bis 912, der Harpex verlor dagegen von 457 auf 451 Zähler.

Fazit: Der KID hat im Juni 2012

... die sich schon ankündigende Drohung wahrgemacht und ist aus der Seitenlage heftig in Richtung Süden abgekippt. Damit wurde ein neues Negativsignal generiert, der Indikator hat den kompletten Anstieg zuvor in einem Rutsch wieder verloren. Die substanzlose, rein stimmungs- und liquiditätsbedingte Erholung vom Jahresanfang hat damit zur Realität zurückgefunden. Subventionierung nicht erbrachter oder sinnloser "Leistungen" ist und bleibt auf Dauer eben doch kein einträgliches Geschäft. Egal ob es sich dabei um die Finanzierung europäischer Schuldenorgien oder inländisch angstgetriebener Utopieprojekte wie der Energie-Preiswende handelt. Strom ist in Deutschland in den letzten 15 Jahren um 1.000% teurer geworden, "Energie-Armut" ist ein neues Sozialthema und der Exodus zur Deindustrialisierung hat längst begonnen, wie selbst EU-Energiekommissar Oettinger einräumen musste. Die Schulden- und Kostenlawine rollt weiter und droht nun auch noch das minimale Wachstum abzuwürgen. Was selbsttätig eine weitere Beschleunigung nach sich ziehen muss, die unweigerlich auch Arbeitsmarkt und Binnenkonsum sowie schließlich das Steueraufkommen treffen wird.

Gänzlich ohne Not und völlig ohne jeden Nutzen wird das Land damit systematisch weiter in Richtung Niedergang und möglichem Kollaps gesteuert, sowohl was die Energieversorgung als auch die Wirtschafts- und Staatsschuldenentwicklung betrifft. Durch Fast-Null-Zinsen und Zero-Refinanzierungskosten werden momentan zwar noch viele Blößen notdürftig kaschiert, spätestens mit der nächsten Inflations- oder Stagflationswelle rutscht dann aber auch noch diese Unterhose. Aber, wie der politische Minderheiten-Mainstream teils gerade jetzt immer wieder gern betont, Deutschland hat aus der Vergangenheit eine besondere historische Verpflichtung zu einer dem Rest der Welt vorbildhaft demonstrierten, insgesamt realitätsfernen, dafür aber konsequent praktizierten Selbstschädigung. An diesem neuen deutschen Wesen soll dann erst ganz Europa und schließlich die gesamte Welt genesen. Wie gewohnt stemmen wir das natürlich allein gegen alle Realitäten in einem einzigen politisch erklärten gewaltigen Triumph des Willens. Geschichte wiederholt sich auf wechselnden Ebenen immer wieder genau so lange, bis die zu Grunde liegende Lektion begriffen und gelernt wurde. Das gilt besonders für die zentrale europäische Mittelmacht.

Der Vergleich führt zwar auf ideologisch sehr dünnes Eis und sollte eben deswegen "politisch-korrekt" keinesfalls falsch- oder missverstanden werden - aber die strategische Spielaufstellung im unvereinten Europa erinnert irgendwie fatal an frühere Konstellationen. Deutschland spielt erneut den ungeliebten, teils auch schon verhassten, sich völlig selbstüberschätzenden und scheinbar unbesiegbaren Nationalhelden, der Europa mit Spar- und Energiesparzwängen irgendwie zu beherrschen versucht. Was teils bereits als Drangsalierung empfunden, teils durch mehr oder minder offene Nötigung ausgenutzt wird. Je höher dabei das Engagement, desto erpressbarer und schwächer werden die deutsche und französische Position. England und die USA dagegen bringen Zentraleuropa stetig mit klammheimlicher Freude und relativ wenig eigenem Einsatz durch konsequent massive Propaganda dazu, sich in der Peripherie völlig zu verzetteln, sich in nicht vorhandenen Ressourcen immer weiter zu verausgaben und die finanziellen Fronten extrem zu überdehnen.

Griechenland wird einerseits von Altkommunisten, andererseits von angloamerikanisch orientierten Konservativen dominiert. Eine gesunde und pro-europäisch orientierte Mitte fehlt dort fast ganz. Ohnehin stellt sich mit etwas Abstand betrachtet die Frage, wie stark die europäische Union eigentlich ist, wenn schon ein wirtschaftlich so bedeutungsloser Zwerg am Rande das gesamte Gebilde zum Einsturz zu bringen droht. Spanien und Italien bleiben wie gewohnt Wackelkandidaten, die mit ihren jahrelang zinskonvergent niedrigstverzinsten Schuldenexzessen an der südlichen Peripherie das solide Zentrum permanent weiter zum Eingreifen zwingen. Das sich damit stetig immer mehr verausgabt, sodass dringend notwendiges Kapital für eigene Zukunftsaufgaben und für den Aufbau Osteuropas gebunden bzw. vernichtet wird. Ein starkes und geeintes Europa, das als Wirtschaftsmacht zahlenmäßig deutlich größer wäre als die USA und Russland heute zusammen, scheint dennoch an seiner inneren Uneinigkeit sowie gezieltes Angriffen auf die Peripherie zu scheitern.

Der französisch rechtspopulistische Vergleich mit einem "impotenten Haufen richtungslos agierender Politbürokraten" erscheint längst nicht mehr so abwegig. Falls man nicht inzwischen ohnehin direkt zu dem Schluss kommt, dass ein Teil der hier hauptverantwortlich Handelnden selbst ganz bewusst, konsequent und insgeheim Anti-Europa- bzw. Non-Euro-Politik zum Schaden aller mehrheitlich gutwilligen europäischen Bürger betreibt. Wenn gewaltige Milliardenbeträge aus Steuergeldern praktisch wirkungslos verpuffen oder in korrupten Strukturen einfach so versickern, darf und sollte man selbstverständlich auch die Cui-Bono-Grundsatzfrage stellen, d.h. die Überlegung anstellen, wer warum Interesse an einem asymmetrisch zerstrittenen und damit weiter auf Dauer unvereinigt schwachen und relativ handlungsunfähigen Europa haben könnte. Und von wem dieses Interesse aktiv vertreten und gefördert wird.

Nebenbei stellt sich jetzt unzweifelhaft die Rezessionsfrage verschärft auch wieder für Deutschland, das eben keine einsame Insel mit unerschöpflichen eigenen Ressourcen mitten in Europa darstellt. Etwas zeitverzögert aber grundsätzlich unaufhaltsam dreht auch die deutsche Konjunktur im europäischen Konsens wieder in Richtung südlicher Peripherie. Arbeitsmarkt und Konsum zeigen erste Bremsspuren, die von der Energie-Preiswende incl künstlicher Verknappung in Zukunft noch weiter verstärkt werden. Der Export speziell in Non-Euro- und Schwellenländer wird von deren inzwischen ebenfalls rückläufiger Konjunktur zunehmend gebremst - in diesem Szenario ist absolut kein neuer Aufschwung machbar. Stattdessen soll nun an allem noch mehr gespart und gleichzeitig noch mehr ausgegeben werden, um eine kleine Minderheit meinungsführender Ideologen zu befriedigen. Denen offenbar eine Art großeuropäisch energieloser "Sozialtransferempfänger- und Biobauern-Staat" als Zukunftsideal vorschwebt, der sich über schleichende Enteignung der noch verbliebenen Leistungsträger und gutwilligen Europäer refinanziert.

Die KID-Grafik wurde inzwischen wie jeden Sommer um ein Jahr verlängert, dies und einige nachträgliche Datenrevisionen haben das Gesamtbild leicht verändert. Das "konjunkturelle Mittelmaß" wurde dazu neu justiert. Es entspricht derzeit noch rund +1.3% Wachstum, die mit der erneuten Abwärtswende aber deutlich unterboten und klar verfehlt wurden. Die entscheidende Zukunftsfrage lautet daher, ob wenigstens die schwarze oder leicht rote Null auf Dauer gehalten werden kann - was der zeitbedingt breiter werdenden nur leicht rezessiven "Grauzone" entspräche. Es drohen somit inzwischen dauerhaft "japanische Verhältnisse" in ganz Europa mit fortgesetztem Nullwachstum. Adäquat ist das Bild beim KID-Oszillator, der sein mögliches Potenzial nicht ausgereizt hat und nun wieder dem unteren Rand der wirtschaftlichen Normalzone zustrebt. Die harten Daten haben seit dem KID-Top 2010 am "finalen Entscheidungspunkt" absolut keinen nennenswerten Aufwärtsimpuls mehr gezeigt. Damit war auch der "Stimmungsfrühling 2012" von vornherein zum Scheitern verurteilt und dreht nun wie erwartet gleichfalls enttäuscht nach Süden ab.

Zwar wünschen sich die Märkte erneut noch mehr Liquidität von den Notenbanken - diese zögern jedoch zu Recht und verweisen auf die Politik. Außerdem ist zunehmend fraglich, ob immer mehr der stets gleichen Droge überhaupt noch wirkungsvoll wäre - von Heilung dabei schon völlig abgesehen. Manche erhoffen sich Rettung von der üblichen Zyklik in einem US-Wahljahr. Aber auch das wäre wiederum vorwiegend reine Stimmungssache, die ohne eine wenigstens relative Stabilisierung in den harten Daten nicht richtig funktionieren dürfte. Sinkende Energiepreise auf dem Weltmarkt wirken zwar deutlich unterstützend - jedoch leider nur jenseits der ideologischen Grenzen der energiepreisgewendeten deutschen Inseln. Dafür addieren sich hier eine zeitverzögert nachlassende Binnenkonjunktur und die sichtliche Abschwächung der Weltwirtschaft mit dadurch nachlassender Exportkonjunktur zu einer parallelen Schwächung von Standbein und Spielbein, der sich dann in wirtschaftlichem Sparfußball manifestiert.

Damit zu den Märkten,

... wo sich die meisten im letzten Monat genannten Chartmarken inzwischen bestens bewährt haben und damit weiter gültig bleiben. Der DAX fand zunächst Halt an der Unterstützung um 5950 und zuckte aufwärts zurück an die 200-Tage-Linie um derzeit 6250. Er steckt damit erneut im "dicken Brett" aus langen gleitenden Durchschnitten und Horizontalwiderständen fest, das momentan zwischen 5900 und maximal 6600/6700 definiert werden kann. Der Abwärtstrend ist weiterhin ungefährdet intakt. Beim MDAX kam die Abwärtsbewegung oberhalb 9500 zum Stehen, wo 200-Tage- und Zweijahres-Schnitt gemeinsam Unterstützung boten. Der TecDAX kratzt inzwischen am untersten Rand seines charttechnisch "dicken Bretts" zwischen aktuell unten 700/720 und oben rund 800 Punkten herum. Dicke Bretter bohren kann zwar dauern, aber hier wird sich die zukünftige Weiterentwicklung der deutschen Aktien früher oder später entscheiden. Der EuroStoxx50 ist bereits ein ganzes Stück weiter, er steht knapp oberhalb der 2000er Marke und damit fast schon in Schlagdistanz zum 2009er Tief bei 1765 Zählern - wozu neben den südeuropäischen Börsen auch der französische CAC 40 beiträgt. Der S&P500 fand ebenfalls zunächst Halt auf seinem "dicken Brett", das sich momentan zwischen 1230 und 1260 definiert. Die 200-Tage-Linie bei rund 1290 wurde wieder genommen, bei 1360 verläuft horizontal waagrecht der 100-Tage-Schnitt.

Beim Bund-Future läutete der Kontraktwechsel wie so oft eine Trendwende ein, die diesmal politisch bedingt heftig ausfiel und an der zitierten "141-Plus-Barriere" erstmals etwas halt fand. Trotzdem ist der Aufwärtstrend noch immer intakt, dies würde sich erst unterhalb 139/140 nachhaltig ändern. Relative fundamentale Unkalkulierbarkeit bleibt hier gegeben, den Ausschlag für die Korrektur lieferte wohl eher die Erkenntnis, dass sich Deutschland am Euro und der Eurozone verheben könnte. Die kräftig sinkenden Energiepreise zeigten sichtbare Wirkung bei den Inflationsraten, aber möglicherweise beginnt hier auch eine neue, nicht sofort im Warenkorb messbare und somit nachweisbare Form der schleichenden Geldentwertung durch fortschreitend politische innere Aushöhlung. Bei US-TBonds, Long Gilts und JGBs fiel die Korrektur bislang jedenfalls sichtlich moderater aus, der Euro entlädt offenbar einen Teil des Währungsdrucks jetzt auf die deutschen Renten-Futures. Wie das konkret weitergeht, wissen vornehmlich die Götter. Zumindest deren europäische Fraktion auf dem Olymp hat vielleicht schon eine Vorahnung, wie die Griechen wählen werden und wie es danach mit der "Euro-Zone" weitergeht. Normalsterblichen bleibt am Rentenmarkt dagegen nur die Charttechnik.

Auch die Währungen hielten sich relativ brav daran, EUR/USD legte bei 1.23 eine Pause ein und absolvierte zunächst ein Pullback auf das Ausbruchslevel von 1.2650 bzw. dem Tief vom Jahresbeginn. Der Trend wäre sogar bis gut 1.31 weiter intakt, die 1.1850 liegen aber weiter im Bereich des Möglichen auf der Lauer. EUR/YEN fiel kurzzeitig bis fast 95, kehrte dann aber an die genannten 100 zurück, während die EUR/GBP-Bewegung bei 0.80 in die erwartete Konsolidierung überging. Die USD/YEN-Crossrate korrigierte kräftig rückwärts, erst Kurse unter 0.77 oder über 0.81 bringen wieder begrenzt neue Luft. Gold in USD fand Unterstützung oberhalb des 2-Jahres-Schnitts und findet oben Begrenzung durch 100- und 200-Tage-Linie, läuft also in ein Dreieck hinein, 1525 unten sowie 1700 oben sind hier zukunftsentscheidende Marken. Euro-Gold dagegen ist seit gut einem Jahr fortwährend in den Sommerferien, 100- und 200-Tage-Linie verlaufen inzwischen waagrecht um 1270 herum. WTI Crude fand seinen Halt bei 80.- USD, hier sind knapp 70.- oder 75.- aber kurzfristig ebenso möglich wie eine Zwischenerholung in Richtung 95.-, wo die 200-Tages- und Zwei-Jahres-Schnitte ebenfalls relativ waagrecht über dem aktuellen Kurs verlaufen. Wegen der laufenden Konjunkturschwäche ist auch bei anderen Rohstoffen kurz- bis mittelfristig keine Trendwende in Sicht.

Die Konjunktur verheißt momentan nichts Gutes, die Politik noch deutlich weniger davon, die Wirtschaft erwartet den Abschwung. Es bleibt ergo bei einem Sommer mit vielen skeptisch zu betrachtenden Unwägbarkeiten, seriell fortgesetzten Pleiten der erstmals ernsthaft zu realwirtschaftlicher Leistung aufgeforderten ewig erneuerbaren Energien und natürlich der unvermeidlichen Sommerlochdebatte um eine Finanztransaktionssteuer. Die zwar so real wie ineffizient nachweislich praktisch fast nichts einbringen und hauptsächlich weitere Folgeschäden verursachen würde. Aber es geht hier schließlich, wie früher schon einmal, hauptsächlich nur darum, einen populistisch brauchbaren und allgemeinschuldigen Sündenbock zur gefälligen Ablenkung für fortgesetzt eigenes politisches Versagen zu finden. Da greift man dann auch als politisch korrekter wie selbsterklärter Gutmensch gern mal zur altbewährten Moralkeule "wider das internationale Finanzjudentum", das bekanntlich gierig, faul und arbeitsscheu die reichen Früchte jahrelang solider finanzpolitischer Arbeit unverdient an sich zu reißen droht. Und politischer Schacher hat doch allemal klar Vorrang vor europäischen Grundsatzinteressen. Wenigstens Fußballkucken hilft - und in diesem Bereich funktioniert und agiert sogar Europa noch durchaus erfreulich, da man die diversen Nationalmannschaften bislang weder zum zeitklimagemäßen Energiesparen noch mit notfalls ausgleichenden Spielertransfers zu sozial gerecht ausgewogener Ergebniskonvergenz gezwungen hat ...

 

Thomas A. Spoerer
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