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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im August 2009?

von Thomas A. Spörer

KID August 2009

Chart grösser

Die harten Daten liefern ...

... und die deutsche Wirtschaft wächst wieder.
So läßt sich kurz und knapp das Fazit unter den letzten Berichtszeitraum ziehen, der sich für ausgewiesen trendfolgende und trendfortschreibende Wirtschaftsexperten wie eine saisonal sehr frühe, dafür Monate lang hingezogene Weihnachtszeit gestaltete: eine schöne Überraschung jagte buchstäblich die nächste. Nach der Stimmungswende lieferte, getreu dem mantrischen Motto "Stimmung zieht Realwirtschaft" ganz besonders in emotionalen Extremphasen, nun auch die Realwirtschaft die hier seit Monaten erwartete und relativ allein auf weiter Flur gegen die versammelten Propheten des Untergangs angekündigte Wende. Wer sich nun jedoch, spät aber dennoch, vor Freude über den ausgebliebenen Weltuntergang regelrecht zu überschlagen droht, muss dennoch aufpassen, dabei nicht auf die Nase zu fallen. So wie erhebliche Skepsis mindestens beim letzten Dax-Achttausender zum Jahreswechsel 2007/08 zwingend angesagt war und vorsichtig zunehmende Euphorie im Frühjahr 2009 ob der mehrheitlich panisch-depressiven Untergangs- und Ausverkaufsstimmung, so ist inzwischen der Blick kritisch auf das rasant hingelegte gewaltige Anstiegstempo vieler Assets in diesem fantastischen halben Jahr zu richten.

In dem Tempo kann, darf und wird es nicht permanent weitergehen. Der mediale Mainstream und, last but extremely least, die ausgewiesen zukunftsorientierten Prognose-Experten entdecken die wirtschaftliche Erholung, während sich in einigen vorlaufenden Daten bereits vermehrt wieder leichte Bremsspuren zeigen. Zwar haben sich die "Erwartungs-Gap´s" nicht ins Extrem vergrößert, sondern zuletzt sogar wieder verringert und damit einem möglichen Enttäuschungspotential durch die rechtzeitige Lieferung kräftig positiver harter Daten deutlich die Brisanz genommen - dennoch befinden wir uns noch nicht mittendrin in einem neuen Aufschwung, sondern bis dato "nur" weiter überaus erfreulich auf dem Weg zurück in die wirtschaftliche Normalität nach dieser größten geistig-moralischen Krise seit den punischen Kriegen. Zwischen "dato" und dem möglichen nächsten Aufschwung liegt erstens noch einiges an Zeit, weil Konjunktur nun mal ein langsamer stetiger Prozess ist, und zweitens der Wiedereintritt in die Erdumlaufbahn der konjunkturklimatischen Normalzone, der noch erfolgreich zu bewältigen wäre und trotz bislang erfolgreicher Mission in sich noch relative Risiken birgt. Damit wie gewohnt zum ungefähr chronologischen Datenfluss der letzten Wochen:

Den Auftakt zum nächsten Berichtszeitraum lieferten als Nachtrag die deutschen Erzeugerpreise. Auch hier das gewohnte Bild: energiedominiert optisch hoher "Preisrückgang" (-4.6% gegen Vorjahresmonat) bei mehr oder weniger nur noch stagnierenden Preisindices (-0.1% gegen Vormonat). Der TCB US Leading Index stieg erneut erfreulich oberhalb 100 weiter auf 100.90 Punkte und spricht damit für eine weitere Erholung der US-Wirtschaft. Das Handelsblatt titelte "Wirtschaft erwacht aus Schockstarre" und entdeckte endlich auch die hier schon seit Monaten verkündete Trendumkehr. Spät aber kräftig begann nun auch der ifo zu "liefern". Das Geschäftsklima verbesserte sich zum vierten Mal in Folge von 85.90 auf 87.30, die Einschätzung der Lage stieg erstmals von 82.40 auf 84.30, während die Erwartung diesmal nur leicht im siebten Anstieg nacheinander von 89.50 auf 90.40 zulegen konnte, sodass das Erwartungs-Gap sich wieder etwas verkleinerte. Weiter überaus skeptisch und mit negativistischem Grundton blieb der ifo-Kommentar dazu. Der Baltic Dry dümpelte weiter zwischen 3550 und 3350 herum. Das Verbrauchervertrauen der Uni Michigan erholte sich nach dem Einbruch zur Monatsmitte von 64.60 wieder auf glatt 66.- Punkte zum Monatsschluss.

Der ECRI WLI holte ebenfalls einen Teil des Rücksetzers der Vorwoche wieder auf und stieg von 118.1 auf 118.4, wobei die zukünftige Wachstumsrate ein Fünf-Jahres-Hoch generierte. ECRI erwartet inzwischen kein "Double Dip" der US-Konjunktur mehr im weiteren Jahresverlauf, sondern betont weiter das nahe Ende der Rezession. Der DAX überwand die alten Jahreshochs und den 5140er Horizontalwiderstand, er überstieg erstmals kurz die 5300er Marke und den oberen Rand des aktuellen mittelfristigen Abwärtstrends. Seine 200-Tage-Linie drehte damit in Richtung Norden. Der Dow "knackte" erneut die 9000 Punkte, der S&P schwang sich ein weiteres Mal über den 20-Jahres-Schnitt nach oben. Dennoch sollte man jetzt nicht in Euphorie verfallen, zu steil verlief dieser Anstieg für eine kontinuierliche Fortsetzung.

Die nächste Woche begann mit dem GfK-Konsumklima-Index für August und einem erneuten, expertenseits unerwarteten Paukenschlag. Die Konjunkturerwartungen der Verbraucher hellten sich zum vierten Mal in Folge kräftig auf, der Index sprang nach hochrevidiert 3.0 gleich bis auf 3.5 nach oben. Auch die Anschaffungsneigung stieg erneut, Küchengroßgeräte verzeichneten z.B. ein Plus von 8.6%. Einen kräftigen Satz machten die Einkommenserwartungen, sie lagen erstmals seit April 2008 wieder im grünen Bereich. Der private Konsum bleibt also weiter eine verlässliche Stütze der deutschen Konjunktur. Die deutschen Einkaufsmanager holten ebenfalls endlich ihre große Pauke heraus, der vorläufige Index für Deutschland sprang mit einem mächtigen Satz von 44.- auf 48.9 Punkte und damit fast wieder an die magische 50 auf ein Elf-Monats-Hoch. Der Dienstleistungssektor schaffte ebenfalls ein neues Neun-Monats-Hoch. "Der Aufschwung hat begonnen!" jubelte ein Teil der Presse spät aber laut. Lassen wir trotzdem besser die Kirche im Dorf: die Rezession ist definitiv zuende, die hier oft genug angekündigte "Rückkehr zur Normalität" findet jetzt mit erheblicher Dynamik in großen Schritten statt. Die europäischen Einkäufer-Kollegen trommelten sich von 42.6 bis auf 46.0 beim vorläufigen Gesamtindex nach vorn. Volkswirte hatten nur mit skeptischen 43.5 bei diesem fünften Anstieg in Folge gerechnet und wurden von der Wirklichkeit mehrfach überboten.

Ebenfalls von der Wirklichkeit überboten zeigten sich die US "New Home Sales", nach 342.000 und im Konsens erwarteten 355.000 wurden für Juni 384.000 gemeldet. Der folgende Case-Shiller HPI der US-Hauspreise fiel für Mai mit -17.1% gegen Vorjahr besser aus als die erwarteten -17.8% sowie die -18.12% des Vormonats. Seit Sommer 2006 war damit der erste echte Anstieg gegen die lange Talfahrt der Häuserpreise zu sehen. Hier ließ sich "Krisen-Berichtskultur live" erleben, die eigentliche Katastrophe waren doch die extremen Preisübertreibungen zuvor, nicht deren gesunde und längst überfällige kräftige Korrektur. Zu skurrilen konjunkturellen Drohungen ließ sich auch das Handelsblatt erneut verleiten. So kündigte man ebenso gewohnt treffsicher (wie bis dato noch rein spekulativ) an, in den kommenden Monaten werde den Deutschen ihre Kauflaune im Konsumkarneval schon noch ausgetrieben werden. Im Kommentar war anschließend von einer (Zitat wörtlich) "Fürchterlichen Belebung" der deutschen Konjunktur die Rede, gefolgt von einer ungewohnt präzisen militärisch-investigativen Analyse unserer unmittelbaren wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven (Zitat wiederum wörtlich): "Der Weg aus dem Tal heraus ist vermint." Da müssen wir uns diesen Weg zurück zur Normalität wohl mit dem schweren Minenräumpanzer "Keiler" und vorgespannter Bodenfräse von Pionieren der Bundeswehr im Inlandseinsatz erst noch freiräumen lassen, bevor die exorzistische Massenaustreibung unbelehrbarer Konsumterrortrottel so richtig von Herzen beginnen kann - um damit dem intellektuellen Ideal einer sozialgerecht freudlos-pessimistischen Angst-, Hass- und Neidgesellschaft endlich einen entscheidenden Schritt näher zu kommen.

Vor Schreck korrigierte sofort darauf das US-Verbrauchervertrauen des TCB zum zweiten Mal von 49.30 auf 46.60 Punkte - noch sei es ihm gegönnt, nachdem es sich von Februar bis Mai 2009 mehr als verdoppelt hatte. Von Herzen frohgelaunt zeigten sich zum Monatsende trotz der gemessenen Stimmungswerte die US-Verbraucher, die ICSC Weekly Chain Store Sales stiegen erneut ein volles Prozent gegen das Plus der Vorwoche und liegen damit beim Monatsschlusswert praktisch fast wieder auf dem Stand des Vorjahres sowie erfreulich deutlich über dem des Sommers 2007. Der krisenhafte Tiefpunkt lässt sich hier inzwischen absolut klar auf den November 2008 datieren. Der krisenhafte Hochpunkt der deutschen Verbraucherpreise dagegen lag im Juli 2008. Daraus resultierend, ergab sich im Jahresvergleich trotz seit Oktober praktisch stagnierender Preisindices erstmals seit 1987 ein (vorläufiger) Rückgang in der Inflationsrate von -0.6% im Juli. Kein Grund zum Jubeln - ebenso wie die vorläufigen US-Auftragseingänge für Juni. "Nicht Fisch, nicht Fleisch", lautete ein treffender Pressekommentar. Insgesamt ein unerwarteter Rückgang von 2.5% gegen Mai, der jedoch überwiegend dem Transportsektor zu verdanken war, da die Auftragseingänge für Verkehrflugzeuge um 38.5% zurückgingen. Ohne Transport war insgesamt ein erneutes Plus von 1.1% zu verzeichnen, bei den Investitionsgütern (ex Rüstung und ex Flugzeuge) der Unternehmen ergab sich ein Plus von 1.4%. Insgesamt also leicht enttäuschend bis tendenziell mittelprächtig.

Die nächsten Zahlen lieferte der deutsche Arbeitsmarkt. Auch im Juli blieb hier die erwartete Katastrophe aus, es wurden unerwartet (nur) rund 52.000 Arbeitslose mehr gemeldet, die Arbeitslosenrate stieg um einen Zehntel-Prozentpunkt von 8.1 auf 8.2%. Im Juli 2008 hatte sie noch bei 7.7% gelegen, im Juli 2007 jedoch deutlich höher als heute bei 8.9%. Einige der "Neuen Länder" konnten sogar weiter leicht sinkende Arbeitslosenzahlen melden, die "Gesamtrate Ostdeutschland" verharrte auf Vormonatsniveau. "Insgesamt seien die bisherigen Auswirkungen des Abschwungs aber vergleichsweise moderat, vor allem die starke Nutzung der Kurzarbeit habe den Arbeitsmarkt stabilisiert", kommentierte die Bundesanstalt. Das kann man natürlich durch zuletzt wieder neu auflebendes Weltuntergangsgerede zu ändern versuchen, um das sichtlich vorhandene Potential an Katastrophensehnsucht endlich doch noch zu befriedigen.

"Moderates BIP-Minus läutet Ende der US-Rezession ein" lautete die Schlagzeile zur ersten Schätzung des US-Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal 2009. Im Vergleich mit dem ersten Quartal ergab sich nur noch ein überaus moderater Rückgang von -0.25%, im Jahresvergleich in der Seasonal Adjusted Annual Rate -1.0% nach -6.40, in der sonst übliches Berechnungsweise -3.90 nach -3.30% gegen Vorjahr. Im Zuge einer generellen langjährigen Benchmark-Revision von der Basis 2000 auf 2005 wurde dabei allerdings auch das Jahr 2008 insgesamt deutlich nach unten revidiert (Gesamtjahreswachstum noch +0.4 nach zuvor +1.1%), sodass sich daraus rechnerisch eine leichte positive Abflachung des Jahr/Jahr-Vergleichs ergibt - dennoch besteht inzwischen kein Zweifel an einer erfolgreichen Bodenbildung der US-Wirtschaft nach vier schwachen Quartalen in Folge mehr, die nach den Frühindikatoren im nächsten Quartal zu der erwarteten Erholung führen sollte. Der Baltic Dry pendelte weiter auf der Stelle, er lag zu Wochenschluss aber letztendlich stabil bei 3445 Punkten. Der ECRI Leading Indicator erreichte zum Monatsschluss ein weiteres neues Hoch mit 119.60 Punkten. "The Recovery is apt to be stronger than many expect", lautete der offizielle Kommentar dazu. Der Devisenhandel beschäftigte sich bereits mit der Frage, wer angesichts der wirtschaftlichen Erholung zuerst wieder mit Zinserhöhungen beginnen könnte. Der DAX konnte im Juli erneut zweistellig zulegen. Gegen das März-Tief stehen inzwischen fast 50% Kursgewinn in nur 5 Monaten im Buch, bei kurzfristig hohem, langfristig aber weiter geringem Optimismus. Zu denken gibt weiterhin die regelmäßig kräftige Reaktion in den Bunds, sobald sich auch nur kleine Ansätze einer möglichen Konsolidierung im DAX zeigen. Auch der VDAX quittierte neue Anstiege jetzt mit leicht steigenden statt fallenden Volatilitätswerten.

Beim Monatswechsel zeigten KID und Oszillator erstmals wieder leichte Bremsspuren, in Form einer leicht Richtung seitwärts eindrehenden Bewegung. Die harten Daten müssen nun weiter und zunehmend kräftiger liefern, um die seit der Stimmungswende entstandenen und inzwischen gewachsenen Erwartungen zu erfüllen und dem Anstieg mehr Substanz zu geben. Die folgende Woche wurde von den Einkaufsmanagern eingeläutet, hier legten die deutschen einen Rekord seit Erhebungsbeginn der Umfragen hin und überboten die ohnehin schon sehr kräftige Vorabschätzung noch einmal um 0.5 Punkte, sodass sich insgesamt ein Anstieg von 40.9 auf 45.7 ergab. Auch die europäischen Einkaufsmanager überboten die Vorabschätzung mit nun 46.3 nach 42.6 Punkten. "Wie der Rekordanstieg des EMI zeigt, hat die deutsche Industrie auf dem Weg zur Erholung einen Gang zugelegt", sagte Tim Moore, Ökonom bei Markit. Am Nachmittag legten die US-Einkäuferkollegen ebenfalls ordentlich Kohlen nach, der ISM sprang von 44.8 im Vormonat bis auf 48.9 Punkte nach oben - nun fehlen noch 1.1 Pünktchen bis zur 50er Wachstumsschwelle. Der DAX stieg umgehend über 5450, der S&P500 erreichte erstmals seit Anfang November 2008 wieder die 1000 Punkte, Öl schob sich mühelos erneut durch die 70.-Dollar-Marke.

Für die Einzelhandelsumsätze um Juni 2009 meldete Destatis überraschend einen leichten Rückgang von real -1.6% und nominal -2.0% gegen Vorjahr. Zu bedenken ist hier aber der "Raubeffekt" der Autokäufe via Abwrackprämie beim übrigen Konsum. Die US Chain Store Sales blieben dagegen Anfang August fast auf dem hohen Niveau von Ende Juli und damit fast genau auch auf Vorjahreshöhe. Bei den US-Einkaufsmanagern im Non-Manufactoring-Sektor gab es nach dem Drei-Punkte-Sprung des Vormonats eine leichte Konsolidierung von -0.6 bzw. von 47.- im Vormonat auf nun 46.4 Punkte. Der US-Auftragseingang für Non-Durable-Goods stieg zum dritten Mal in Folge, Volkswirte hatten mit einem einprozentigen Rückgang gerechnet. Die harten Daten liefern, wenn teils auch noch langsam. Überaus kräftig dagegen lieferten dafür die deutschen Auftragseingänge im Juni zum vierten Mal in Folge. "Deutscher Auftragseingang steigt überraschend stark", lautete die Schlagzeile zu +4.5% gegenüber Mai. Trotz diesmal sogar unterdurchschnittlichem Anteil an Großaufträgen reichte es für den stärksten Zuwachs seit zwei Jahren beim deutschen Auftragseingang. Die Bestellungen aus dem Ausland legten +8.3% zu, aus der Eurozone sogar +13.2% mit Schwerpunkt auf Investitionsgütern. Da kann man nicht meckern. Die EZB ließ, wie erwartet, die Zinsen unverändert und sieht den zukünftigen Konjunkturverlauf nun "vorsichtig optimistisch, aber volatil".

Den Abschluss dieser überaus erfreulichen "Woche der harten Daten" bildeten die deutschen Exporte für Juni. Auch hier wurde mit einem satten Sprung aufwärts "geliefert", die Exporte stiegen um 7% gegen Vormonat, die Importe legten +6.8% zu, sodass der Außenhandelssaldo zum fünften Mal in Folge und nach dem Januar-Einbruch zurück auf den ungefähren Stand des Vorjahresendes kletterte. Die Tendenz dürfte sich weiter fortsetzen, denn schließlich sind die Auslands-Auftragseingänge von heute die Exporte von morgen. Stimmung zieht Realwirtschaft. "Ausland zieht deutsche Industrie mit", titelte das Handelsblatt und bekannte sich damit zur angst- und pessimismusgeprägten deutschen Grundhaltung. "Volkswirte rechnen nun mit einem guten zweiten Halbjahr", meldete das Blatt weiter. Dies zeigt, wie rückwärts orientiert immer noch viele Volkswirte rechnen, denn mit scharfem Blick auf Daten und Märkte liegt ein in jeder Hinsicht absolut rekordverdächtiges halbes Jahr inzwischen bereits hinter uns. Zumindest beim Tempo der Aufwärtsbewegung ist längst wieder leichte Skepsis angebracht, einen ganz klaren Warnhinweis gaben z.B. die Baltic Indices, der Baltic Dry fiel in dieser Woche bis fast auf 2900 Punkte zurück. Kurzzeitige Stagnation (-0.1% gegen Mai) auch bei der deutschen Industrieproduktion im Juni, dabei wurde allerdings der sensationelle Elf-Jahres-Rekordanstieg des Vormonats erneut nach oben revidiert, sodass hier eigentlich nicht von einem echten Rückgang gesprochen werden darf.

Anschließend folgten noch die US-Arbeitsmarktzahlen und wie gewohnt der wöchentliche ECRI Frühindikator. Nachdem schon die Unemployment Claims mit 550.000 die erfreuliche Tendenz des Vormonats kontinuierlich fortgeschrieben hatten, lieferte der US-Arbeitsmarkt, für Experten wie gewohnt völlig überraschend, für den Juli absolut starke Zahlen. Der sog. "Job-Abbau" (Nonfarm Payroll Employment) ging drastisch zurück, auf inzwischen nur noch rund ein Drittel der dramatischen Werte vom Jahresanfang. Dazu wurden die beiden Vormonate positiv revidiert. Die Stundenlöhne stiegen nach zeitweiliger Stagnation wieder weiter, die Arbeitslosenrate sank, zum ersten Mal seit fünfzehn langen Monaten, von 9.51 auf 9.36%. Für die Märkte eine positive Überraschung, der DAX schoss spontan über 100 Punkte binnen einer Viertelstunde nach oben, der BUND-Future verlor im Gegenzug zunächst 100 Ticks in praktisch fast einem Atemzug und schwächte sich später noch weiter ab. Der ECRI Leading Index sprang erneut dynamisch höher auf 121.80 nach revidierten 119.50 zuvor, die zukünftige Wachstumsrate erreichte dabei ein neues Fünf-Jahres-Top und die zukünftige Inflationsrate (U.S. Future Inflation Gauge) kletterte immerhin auf ein Sieben-Monats-Hoch. Insgesamt also eine echte "konjunkturell harte Lieferwoche", und dazu extrem harte Zeiten für alle, die sich und ihren Mitmenschen immer noch "das dicke Ende" als gerechte Strafe für zu viel bösen Mut und Optimismus herbeiwünschen und stur weiter den bevorstehenden Untergang von Arbeitsmarkt und privatem Konsum predigen.

Die folgende Woche läutete der Konjunktur-Sentix ein. Das Geläut fiel kraftvoll aus. Der Euroland-Gesamtindex vollführte nach der kurzen Konsolidierung einen Sprung von -31.3 auf -17.0 Zähler, wobei die aktuelle Lage mit -39.0 nach -53.75 mächtig aufholte und die Erwartungen von -5.50 auf 8.00 wieder über Null anstiegen. Dies ist ein sehr positives Signal für die nächsten ZEW- und ifo-Daten und die Gefahr einer Zwischenenttäuschung verringert sich im Zusammenspiel mit den zuletzt erfolgten "Lieferungen" bei den harten Daten erheblich. Zwar ist der Anstiegswinkel weiterhin steil, die positive Grundtendenz der Konjunktur- und Markterholung wird aber nun bestätigt, verfestigt und stabilisiert, je mehr Zweifler und Spätberufene die real längst vollzogene Wende zum Rezessionsende entdecken. Bis schließlich ganz zuletzt auch die katastrophalen "Expertenprognosen" vom Jahresanfang nach oben revidiert werden müssen.

Die endgültigen deutschen Verbraucherpreise für Juli blieben gegen Vormonat unverändert bei einem Indexwert von 107.10. Sie liegen damit heute höher als die neun Monate zuvor, lediglich der Jahresvergleich zeigt noch einen kleinen Rückgang von einem halben Prozent - immerhin seit Wiedervereinigung zum ersten Mal in der Geschichte einer ansonsten eher inflationsgewohnten Bundesrepublik. Die Großhandelspreise gaben gegen Vormonat -0.50% nach, der Jahr/Jahr-Vergleich der Extreme ergibt einen Rückgang von -10.6%, wie er zuletzt 1968 zu verzeichnen war. Nur ein kleiner Teil davon erfreut aber die Verbraucher direkt, Getreide, Saaten und Futtermittel fielen um 32%, Erze und Metalle um fast 34%, Festbrennstoffe und Mineralölerzeugnisse um knapp 27%, Tabakwaren stiegen dagegen um 3.5%. Das US-Handelsbilanzdefizit stieg wie erwartet nur marginal, auffällig war jedoch erneut der wachsende Anteil an US-Exporten von Industrie- und Investitionsgütern, die für eine weitere Erholung der Weltwirtschaft sprechen. Von einer solchen ging auch die FED auf ihrer FOMC-Sitzung aus - sie ließ die Leitzinsen dennoch unverändert auf Rekordtiefstand.

Der Donnerstag brachte das mit Spannung erwartete deutsche BIP im 2. Quartal 2009 und zur Überraschung der meisten Experten wuchs dieses BIP mit plus 0.32% gegen Vorquartal. Hurra im Sommerloch: "Rezession am Ende - Wirtschaft wächst wieder!", jubelte die Presse, und das schwache erste Quartal wurde zusätzlich noch kräftig nach oben revidiert. Auch Frankreich veröffentlichte parallel die gleiche positive Entwicklung. ifo hatte kurz zuvor noch unheilsschwanger verkündet, in der Eurozone sei die Lage im zweiten Quartal sogar noch düsterer ausgefallen als im ersten - Treffer und versenkt. Pressegerüchten zufolge begann sofort das professionelle Gerechne an den nun nicht mehr haltbaren Weltuntergangs-Jahresprognosen vom Jahresanfang für 2009. Für die deutsche drittklassig trendfolgende Expertenbrigade gilt somit, was die erstklassige deutsche Verbraucherreklame sinngemäß schon vor Jahrzehnten erkannt und werblich oft genug publiziert hat: "Plötzlich platzt Prognose - peng - darauf einen Düjardeng!" Den allerdings hätte man als beflissener Marktteilnehmer besser doch schon im März verkonsumiert, um anschließend alkoholisch gestärkt so mutig wie billig alles an Assets einzusammeln, was damals keiner der Mainstream-Experten, Defaitisten und Game-Over-Phobiker haben wollte. Das traurige Fazit dieser institutionellen "Leistungsbilanz" zu Lasten von Unternehmen und Investoren wird im Kampfsport als "ansatzlos schnelle Doublette" bezeichnet: Zuerst in euphorischer Hochstimmung den oberen Wendepunkt in den Abschwung verpasst, anschließend in tiefster Depression die untere Wende zur folgenden Erholung verschlafen. Wer diesem vielstimmigen Expertenrat brav folgte, wird einiges an schmerzlichen Turbulenzen in der Magengrube verspürt haben.

Auch die US-Einzelhandelsumsätze enttäuschten auf den ersten Blick mit einem kleinen Rückgang um 0.1% gegen Vormonat. Auf den zweiten Blick jedoch wurde der ohnehin sehr starke Vormonat erneut um plus 0.2% aufwärts revidiert, sodass unterm Strich die zuletzt positive Grundtendenz trotz Juli-Stagnation zunächst erhalten bleibt. Juli-Stagnation auch bei den US-Verbraucherpreisen - hier blieb der CPI-Preisindex fast unverändert, der Jahr/Jahr-Vergleich zeigte -1.9%, einen auf den ersten Blick deflationären Wert. In der CPI-Zeitreihe vergleichen wir momentan mit dem 2008er Peak von Mai bis Oktober, ab April rückwärts oder vorwärts ab November ergäben sich normale bzw. wieder steigende Inflationsraten. Die US-Industrieproduktion stieg zum ersten Mal seit neun Monaten, bzw. insgesamt zum zweiten Mal seit Ende 2007. Auch die Kapazitätsauslastung verbesserte sich. Während die harten Daten sichtlich zu liefern beginnen, konsolidieren die weichen, so gab der Mittmonatswert beim US-Verbrauchervertrauen von Juli glatt 66.- auf 63.20 im August erneut nach. Bedenklich auch der Baltic Dry, der die Woche nur noch knapp über 2600 Punkten beendete. Für einen versöhnlichen Wochenausklang sorgte der ECRI Leading Index, der erneut bis auf 123.90 anstieg und damit die Verluste des Gesamtjahres beim Indexstand fast vollständig wieder aufgeholt hat.

Im Fazit ist somit nun nach der Stimmungswende auch der Turnaround der Realwirtschaft gelungen. Dies bedeutet aber auch einen Wechsel der Prioritäten. Der Satz "Stimmung zieht Realwirtschaft" hat zunächst wiederum seine Schuldigkeit getan, jetzt obliegt es den harten Daten, die Stimmung zu stützen und stetig weiter positive Fakten zu liefern. Das Enttäuschungspotential durch ein zu groß werdendes Gap zwischen Erwartung und Lage wurde grade rechtzeitig entschärft. Dennoch bleibt ein Zwiespalt bestehen, zwischen kurzfristiger Erleichterung und weiterhin vorhandener mittel- bis langfristiger Skepsis - an der wiederum die Untergangspropheten des "dicken Ende´s" gehörigen Anteil haben. Schlagzeilen wie "Die Krise/Rezession ist vorbei - aber Aufschwung sieht anders aus" zeigen nichts als die inzwischen weit verbreitet übliche nörgelnde Unzufriedenheit direkt aus dem sommerlich bequemen Liegestuhl. Die großen Chancen der Trendwende, die echten Goldgräbertage sind vorbei, an den Aktienmärkten geben sich inzwischen Gewinnmitnehmer und Spätberufene die Klinke der Drehtür in die Hand.

Annäherung zurück an die Normalität bedeutet auch, dass leichtes Geldverdienen in hoch emotionalen Märkten wieder dem täglichen Business as usual weicht. Die Pioniere ziehen sich mit ihren reichlichen Erträgen teils zurück, der Rest der Marktteilnehmer steht so erleichtert wie etwas ernüchtert vor der Aufgabe, die einen später möglichen weiteren Aufschwung üblicherweise vorbereitet: harte Arbeit bei durchschnittlichem Ertrag ohne sensationelles Chance/Risiko-Verhältnis. Von Aufschwung ist zudem noch keine Rede, wir haben eine kräftige Erholung auf dem Weg der Rückkehr zur Normalität gesehen. Der KID hat nach gelungenem Turnaround und erfolgreichem Überwinden der 50%-Linie des mittelfristigen Abwärtstrends C (grüner Kreis) inzwischen an 75% ein weiteres Zwischenziel erreicht (unterer roter Pfeil). Ein echter neuer Aufschwung begänne erst beim Überwinden des mittelfristigen Abwärtstrends C zusammen mit der Null-Linie - seit Monaten im Bild gekennzeichnet mit dem oberen roten Pfeil beim dreifachen Linienkreuz zum Jahreswechsel 2009/2010. Hier würde es wieder richtig spannend, doch vorher bleibt noch ein gutes Stück Weg und Zeit sowie die 75%-Barriere zu absolvieren. Die Aufwärtsdynamik im Indikator hat inzwischen sichtlich etwas nachgelassen, außerdem befinden wir uns markttechnisch saisonal im üblichen August/September-Spätsommerloch und etliche bisherige Trendsetter zeigen deutliche Bremsspuren. Die unmittelbare Zukunft könnte also durchaus Züge einer gewissen Durststrecke annehmen, an deren Ende dann erst die eigentliche und langfristige Richtungsentscheidung für die weitere Wirtschaftsentwicklung folgt.

Im DAX führte die zweite heftige Rallye des Jahres von rund 4500 Punkten in nur fünf Wochen einen knappen weiteren Tausender nach oben. Aber selbst die deutsch-französische BIP-Überraschung reichte nicht mehr, um auch noch die 5450 im Sturm zu nehmen, zumal hier zur Zeit der obere Rand des mittlerweile etablierten Aufwärtstrends 2009 verläuft. Sein unterer Rand strebt gerade erst aufwärts den 4400 Punkten zu, sodass weiterhin reichhaltiges Konsolidierungspotential gegeben ist. Die 200-Tage-Linie verläuft inzwischen wieder stetig aufwärts Richtung 4650 DAX-Zählern. Die goldene Mitte des Trendkanals bildet der Acht-Jahres-Schnitt (ca. 5050) zusammen mit der psychologischen 5000er Marke. Oben harrt weiterhin ein langsam auffächernder Widerstand zwischen 5900 und 6150 mit gleitendem Zwei- und Vierjahres-Durchschnitt der Dinge, die da möglicherweise später noch kommen. Der MDAX konnte mit einigen Anläufen die 6000 überwinden und in kurzer Zeit weitere 10% Plus auf sein 2009er Konto verbuchen. Dem TecDAX gelang Ähnliches mit dem harten 650-Punkte-Widerstand, er traf aber direkt danach auf die schon erwähnte Zone mit zwei längeren gleitenden Schnitten zwischen 700 und 725 Zählern. Der S&P500 schwang sich erneut über seinen langfristig entscheidenden Zwanzig-Jahre-Schnitt (930 Punkte) und erreichte erstmals seit Anfang November 2008 wieder die 1000 Punkte-Marke, wo sich die Psychologie mit erheblichen charttechnischen Widerständen und zahlreichen leicht überhitzten Börsenbriefschreibern trifft.

Weiterhin auffällig sind die schnellen heftigen Reaktionen aufwärts im Bund-Future, sobald der Aktienmarkt auch nur erste Zeichen möglicher Konsolidierung zeigt. Dennoch reichte es insgesamt nur für traderfreundlich heftiges Gehampel zwischen 120 und 122 Punkten. Eine grundsätzliche Richtungsentscheidung steht hier offen, während viele Emerging-Market- und Unternehmensanleihen teils hemmungslos weiter boomten und das ehemals arg verbeulte Hybrid- und Tier-Kapital vieler Bank-Capital-Funding-Vehikel teils erneut unverschämte Steigerungen verzeichnen konnte. Gähnende Langeweile dagegen in Euro/Dollar, wo Bewegung eigentlich nur um den nunmehr seit einem Jahr praktisch waagrecht verlaufenden 2-Jahres-Schnitt herum stattfand. Auch hier fehlt die längerfristig klare Richtungsentscheidung. Vice versa zeigte sich Gold entsprechend träge dümpelnd und läuft nur sehr zäh auf eine Entscheidung zu, sich invers zum Dollar entweder über 1000.- oder doch unter 900.- zu bewegen. Die relative Stabilität des Dollars hinderte letztendlich auch das Öl daran, weitere Schritte Richtung 75.- oder 80.- USD zu unternehmen, der Aufwärtstrend 2009 ist trotz Verdoppelung und zwischenzeitlicher Konsolidierung aber weiter intakt.

Ein Großteil der 2009er Party scheint gelaufen, dennoch ist nach angemessener Konsolidierung eine weitere Trendfortsetzung mit neuen Jahreshochs ohne weiteres möglich, sofern Stimmung und entsprechende Nachlieferung positiver harter Daten sich in einem gesunden Gleichgewicht weiterentwickeln und die Konjunktur auf dem eingeschlagenen Erholungspfad stetig weiter voranbringen.

 

Thomas A. Spoerer
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