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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im März 2009?

von Thomas A. Spörer

KID März 2009

Chart grösser

Häschen in der Grube

(Aus technischen Gründen im März nur in Kurzversion zu den Märkten)

Sehr viel überraschend Neues gab es im Berichtszeitraum ohnehin nicht - dafür aber überwiegend recht Erfreuliches. Das Feuerwerk der Stimmungswende setzte sich unvermindert fort. Selbst die medialen "Meinungsbildner" kamen nun nicht mehr umhin, von einer "überraschenden Aufhellung" oder sogar dem "Licht am Ende des Tunnels" zu sprechen, wie an dieser Stelle schon seit Wochen angekündigt wurde. Somit herrscht auch hier ein kleines Meinungs-Gewitter, bei dem zumeist rückwärts orientierte pessimistische Ansichten mit aufkeimender Hoffnung auf eine weltwirtschaftliche Besserung in der zweiten Jahreshälfte zusammentreffen. Ob zunächst nur temporäre Zwischenerholung oder grundlegende Wende, lässt sich momentan nun wirklich noch nicht treffsicher beurteilen, und es spielt zunächst auch keine große Rolle, solange es real aufwärts geht - außer vielleicht beim fragilen Weltbild der Untergangs-Propheten.

Den Auftakt lieferte der ZEW-Index mit seinem vierten Anstieg in Folge. Nach dem Doppelboden bei -63.9 im Juli und -63.0 im Oktober 2008 schoss der Index im Februar um frühlingshafte 25.2 Punkte nach oben und erreichte mit -5.8 praktisch wieder fast die Null-Linie - Rückkehr zur Normalität. Zwei Tage später lieferte der TCB US-Leading-Indicator "überraschend" seinen zweiten Anstieg in Folge und kletterte mit 0.4 Punkten auf 99.5 fast wieder auf den Oktoberwert von 2008. Auch der ECRI WLI Frühindikator stieg nach langer Talfahrt erstmals wieder an (105.1 nach 104.8), der Jahr/Jahr-Vergleich zeigt zudem längst eine klar einsetzende Bodenbildung. Dafür spricht auch, dass das absolute Tief von 104.7 vom 10. März 1995 nicht unterschritten wurde. "There had been a stabilization since mid-december," kommentiert ECRI-Chef Lakshman Achuthan, "when these leading indices begin to start rising, that will be a very clear and, as importantly, a very objective sign of a recovery!".

Das ifo-Geschäftsklima gab im Februar zwar marginal nach, die Erwartungskomponente für die kommenden sechs Monate legte dabei aber weiter kräftig von 79.5 auf 80.9 zu. Die Stimmungswende in Deutschland rollt, die drei ifo-Komponenten rücken immer näher zusammen, was erste Vorbedingung und Chance auf eine echte Wende darstellt. Eine skurrile Rolle vollführten zuletzt die US-Verbraucher: das TCB-Verbrauchervertrauen sank, ganz anders als das der Uni Michigan, auf ein neues absolutes Rekordtief von 25.- Punkten, gleichzeitig stiegen aber die Umsätze der großen Warenhausketten kräftig an und markierten dabei einen neuen wöchentlichen Höchststand seit August 2008 - das ist praktisch fast wieder "echte Vorkrisenware". Die positive Tendenz bei den Chain Store Sales setzte sich stabil weiter bis in den März hinein fort. Man kauft also offenbar auch ohne Urvertrauen wieder munter ein. Entsprechend wurden gestern die US-Januar-Einzelhandelsumsätze überaus kräftig nach oben korrigiert, der aktuelle Februarwert schloss sich nur ganz knapp darunter direkt an diese Entwicklung an. Der jüngste Mittmonatswert der Uni Michigan zeigte ebenfalls Stabilisierung beim Verbrauchervertrauen (56.6 nach 56.3) im März.

Noch deutlich stabiler zeigten sich die deutschen Konsumenten. Der GfK-Konsumklima-Index wurde für Februar von 2.1 auf 2.3 heraufrevidiert, für den März stieg das Barometer sogar auf 2.6 Punkte an. Experten hatten dagegen mit einem Rückgang auf 2.0 gerechnet und gingen deshalb beim preisgünstigen Shopping erneut leer aus. Hier scheint durchaus Eile geboten, denn viele Preisindices drehten "überraschend" schon wieder nach oben, zumindest was den nominalen Indexwert betrifft. Der Jahresvergleich zeigt hier natürlich noch rückläufige Prozentwerte gegen Vorjahresmonat gerechnet an. Positive Werte dagegen beim Ölpreis, der aktuell zeitweise schon wieder näher an 50.- als an 40.- US-Dollar notierte. Die "Drei vorn" dürfte zunächst Geschichte sein, am kurzen Ende der Terminpreiskurve hat sich außerdem der Contango sehr stark zurückgebildet. Zeitweise schmolz die Differenz zwischen Liefermonat April und Dezember 2009 auf ganze 5.- USD zusammen. Noch vor kurzem lag ein solcher Spread allein zwischen zwei direkt folgenden Kontraktmonaten. Nach langem mühsamen Überwinden der 50-Tage-Linie wurde in dieser Woche erstmals im unadjustierten WTI-Endlos-Chart wieder der fallende 100-Tage-Schnitt überschritten. Aus der langen runden Bodenbildung scheint sich langsam aber sicher der Ansatz zu einem Aufwärtstrend zu entwickeln. Wir erinnern uns bei dieser Gelegenheit zurück an die Idee, dass der Ölpreis diesmal einen zusätzlichen sehr frühen Konjunktur-Frühindikator darstellen dürfte.

Unentschlossen zeigten sich Anfang März die kontinentalen Einkaufsmanager. Während in Deutschland ein kleiner Anstieg von 32.- auf 32.1 zu verzeichnen war, setzten die Euroland-Kollegen beim Würfeln insgesamt wieder um knapp ein Feld zurück, mit 33.5 nach 34.4 Punkten. Der nationale Einkaufsmanagerindex der USA setzte dagegen seinen Anstieg von 35.6 auf 35.8 stetig fort. Beim US-Dienstleistungs-Index gab es die nach zuvor starkem Anstieg erwartete Konsolidierung von 42.9 auf 41.6 Zähler. Weiter kräftig zulegen konnten auch die Baltic-Frachtraten-Indices, erstmals wurden fast 2300 Punkte in dieser Woche erreicht - weit weg inzwischen vom Tief knapp über 600 im Jahr 2008. Auf mittlere Sicht ist dies ein positives Signal auch für die zukünftigen deutschen Exporte, die per Januar erwartet schwach ausfielen. Am deutschen Arbeitsmarkt blieb der befürchtete "schwere Dammbruch" bislang aus.

Der Auftragseingang schwächte sich in den USA zwar weiter ab, erfüllte jedoch dabei die pessimistischen Erwartungen der Analysten nach unten bei Weitem nicht - manche sahen darin sogar ein erstes Hoffnungszeichen - ähnlich wie in dem jüngsten Rekordwert beim "Bearish Consensus" der amerikanischen Investoren, der eher für die Möglichkeit einer baldigen Aufwärtskorrektur am Aktienmarkt spricht als für kurzfristig weiter fallende Notierungen - was alle verinnerlicht und in Positionen umgesetzt haben, bewegt den Markt kaum noch nachhaltig. Nachhaltig weiter abwärts liefen auch die deutschen Auftragseingänge - auf den ersten Blick, der zudem von den fünfjährlichen Revision insgesamt leicht verändert wurde. Beim zweiten Blick ließ sich feststellen, dass der Januar-Volumenwert beim Auftragseingang aus dem Inland praktisch auf Dezember-Niveau verblieben ist. Der Rückgang im Gesamtindex stammte damit vollständig aus dem Ausland, den Detailzahlen nach sogar überwiegend aus dem nicht-europäischen Ausland. Obwohl diese Werte nach der unmittelbaren wirtschaftlichen Schockstarre im Höhepunkt der Krise zu erwarten waren, schaffen sie heute doch erfolgreich wieder neue Echo-Schocks, zumal die positive Inlandslage in den Schlagzeilen garnicht erst vorkommt.

Beim Handelsblatt wurde es nach kurzer Aufhellung prompt auch sofort wieder (Zitat) "Dunkel am Ende des Tunnels". Selbst der mit Abwracken derzeit vollbeschäftigte Automobilfachmann erkennt hier einmal mehr den qualifizierten Blick in den konjunkturellen Rückspiegel: Erst tritt ein Schockerlebnis ein, anschließend folgen entsprechende Überlegungen, darauf folgen schließlich Handlungen, deren Resultat sich in Auftragseingängen niederschlägt, die wiederum mit wochenlangem Zeitversatz erfasst, zusammengerechnet und zum Schluss publiziert werden. Noch viel später werden aus Auftragseingängen dann Produktionszahlen. Das was uns also heute tagesaktuell in der Zeitung erschreckt, ist ein statistisches Resultat aus der jüngeren Vergangenheit. In der Gegenwart ist, siehe oben, eine mehr als deutliche Aufhellung erkennbar und messbar. Sie muss aber nun erneut in Überlegungen, in resultierende Handlungen und anschließend in hoffentlich steigende Auftragseingänge umgesetzt werden - deren Ergebnis aber frühestens im Mai oder Juni in der Zeitung zu lesen sein wird.

Im konjunkturellen Normalbetrieb ist die übliche Kette von Auftragseingang über Produktion und schließlich erwirtschaftetes Bruttoinlandsprodukt dominant federführend. In emotionalen Extremsituationen, bei Katastrophen, Schocks und Krisen wird die zeitnah messbare Stimmung jedoch zum eigentlichen Frühindikator der kommenden Entwicklung. Insofern werden die nächsten acht Wochen besonders spannend, denn jetzt müssen der verbesserten Stimmung und den überall ins Positive gedrehten Zukunftserwartungen auch Fakten und entsprechende harte Daten folgen. Das fortwährende Krisen- und Katastrophengerede jedoch bremst und behindert diesen natürlichen zyklischen Erholungsprozess, schlimmstenfalls verhindert es ihn sogar. Börsianer kennen diesen Zusammenhang: Die Hausse nährt die Hausse, die Baisse nährt die Baisse, und die führenden Meinungsbildner fallen stets dadurch auf, dass sie bei der oberen Wende das Risiko euphorisch kleinreden und weiter grünes Licht geben, obwohl der Querverkehr schon rollt. Dafür werden sie in der Nähe des unteren Wendepunkts zu depressiven Warnern und erkennen die nun überwiegend vorhandenen Chancen nicht.

Im Fazit des Datenkranzes, unter Berücksichtigung der zeitnahen weichen und der mit zwei Monaten Zeitversatz jetzt publizierten harten Daten ist die Stimmungswende inzwischen unübersehbar - und mit ihr die Chance auf eine bald mögliche Wende der Realwirtschaft. Höchste Zeit also für selbsternannte "Crash-Gurus" und alle sonstigen Freunde des nahenden Weltuntergangs, hier so kräftig wie destruktiv dagegen zu halten. Die Weltbank holte einmal mehr das "Gespenst von 1929" aus der historischen Mottenkiste und erklärte in offensichtlicher Unkenntnis der jüngsten Frachtraten-Entwicklung den weiteren Niedergang des Welthandels und die damit unausweichlich globale große Rezession. Traditionell steigen in der Wende meist zuerst die Baltic Frachtraten (Schüttgutfrachter), anschließend folgen (diesmal mit dem Ölpreis) die Tanker, zum Schluss die Containerfrachtraten, die zunächst noch ein zahlenmäßig hohes Überangebot aus dem letzten Boom abzutragen haben.

Das IfW Kiel, das im beginnenden Abschwung noch stolz verkündet hatte, dass der wirklich kräftige Boom in Deutschland jetzt überhaupt erst noch kommen würde, setzte seine Tradition der spät verkündeten Extreme wacker fort und revidierte die Ganzjahreswachstums-Prognose auf minus 4% herunter. Norbert Walter zog auf minus 5% sofort nach. Findige Köpfe kamen schließlich auch noch auf die ebenso blödsinnige wie kontraproduktive Idee, eine Schätzung fürs deutsche BIP 2009 nach amerikanischem Muster ("Seasonal Adjusted Annual Rate") auf das Gesamtjahr hochzuquadrieren: minus 8.4 Prozent Wachstum 2009 in Deutschland lautete das kümmerliche Ergebnis. Was wird ein mittelständischer Unternehmer, der mit sorgenschwerem Kopf an seinem Schreibtisch über die Zukunft grübelt, nach Lektüre dieser und ähnlicher Expertenprognosen wohl tun? Möglicherweise 200 Arbeitnehmer entlassen und alle geplanten Investitionen für 2009 sicherheitshalber komplett streichen. Damit erfüllt dann die selbsterfüllende Prophezeiung ihren Zweck im negativen Sinn.

Ist es also möglich, trotz Stimmungswende die Wirtschaft von einer möglichen kurzen Rezession in eine herbeigeredete längere Depression zu versetzen? Yes, we can! Schließlich haben wir schon 2001 bis 2005 mit der damaligen "deutschen Krankheit" bewiesen, dass trotz freundlicher Weltkonjunktur ein dauerhaft müder wirtschaftlicher Flatliner mit depressiv-ängstlichem Grundcharakter ohne jede größere Anstrengung zu schaffen ist. Segensreiches politisches Wirken spielte auch damals schon eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier ist das aktuelle Fazit auch nicht wirklich erfreulich: Das Vertrauen in die Banken, zwischen den Banken und in die Märkte wurde bislang nicht wieder hergestellt, der notwendige Fluss zinsgünstiger Kredite in die Wirtschaft, in Investitionen und Investments sowie in den privaten Konsum wurde bis heute nur schleppend und längst nicht ausreichend schnell, zinsgünstig und reichlich erzwungen. Von Transparenz und "brutalstmöglicher Aufklärung" ist immernoch keine Rede, schon garnicht in dem Bereich, wo Politiker in Aufsichtsräten von Banken und speziell Landesbanken, spekulationswütige Kommunalpolitiker und halbstaatliche Organisationen mit dem ihnen anvertrauten Geld spekulative Investments mit hohen Verlusten zu verantworten hätten.

Stattdessen hat inzwischen das Vertrauen der Bürger, Unternehmen und Investoren in die wirkliche Effizienz der vielfältigen staatlichen Aktivitäten spürbar nachgelassen. Statt Krisenbewältigung wird längst mit überwiegend populistischen Argumenten der Wahlkampf 2009 inszeniert. Franz Müntefering fordert Steuererhöhungen, um die noch intakte Binnenkonjunktur damit auch noch schnellstmöglich flächendeckend zu ruinieren. Finanzminister Steinbrück kündigt vollmundig eine "große Reform" seiner Bankenaufsicht an - statt einfach deren Totalversagen vor und in der Krise zuzugeben. Anstelle bislang unfähiger Kontrollgremien sollen nun schnell "reformierte", sprich vergrößerte, Kontrollgremien versagen, praktisch also bloß noch mehr Bürokratie anstelle einer konsequent effizienten. Überlegenswert wäre stattdessen eine Abkehr vom unseeligen Erbe des Genossen Lafontaine: endlich wieder Stärkung des Bundeswirtschaftsministeriums, dafür schrittweise Reduzierung des Finanzministeriums zu dem, was es eigentlich längst ist: eine Bundesschuldenverwaltung. Darüber hinaus widmet sich der Minister mit Inbrunst wieder seinem liebsten Hobby: klimafeindliches Entwässern von exterritorialen Steueroasensümpfen - anstelle fundamental substantieller Basisarbeit im Inland beim Ausmisten des Banken-Augiasstalls.

Grenzgenial auf Stammtischniveau auch das Vorhaben, per Gesetzesänderung in die Ausschüttungspraxis an Aktionäre, stille Teilhaber, Fremd- und Ergänzungskapitalgeber jederzeit spontan bei "Gefahr im Verzug" staatlich eingreifen zu dürfen und zu wollen. So zerstört man konsequent Vertrauen, statt es, mühsam genug, langsam wieder aufzubauen. Die staatlichen Institutionen haben zuletzt hinreichend bewiesen, dass sie bei "Gefahr im Verzug" allenfalls leise vor sich hin dösen oder, wie die "Finanzexpertin" Matthäus-Maier, in unkontrolliertem Aktionismus Milliarden zur Verfügung stellen, ohne zuvor eine Notwendigkeit zu sehen, eventuell ansatzweise zu prüfen, wofür man da eigentlich bürgt: "Da hätte ich ja über hundertseitige Prospekte lesen müssen, und das auch noch in Englisch.", lautete der lapidare Kommentar seinerzeit. Auch die KfW-Überweisung ging früh am Montagmorgen nach der Lehman-Pleite noch unkontrolliert auf die Reise - schließlich war bei den verantwortlichen Kontrollgremien beim treuen Dienst streng nach Vorschrift noch heiliges Wochenende. Sollten diese Vorschläge zu unkalkulierbar spontanen staatlichen Eingriffsrechten tatsächlich gesetzlich umgesetzt werden, wird den Banken über Jahre garantiert nie wieder privates Kapital zufließen. Sie werden damit auf Dauer vom staatlichen Tropf abhängig gehalten und alle heute eingegangenen Staatsbeteiligungen werden auch in Zukunft langfristig unverkäuflich bleiben.

Das alles nur, um kurzfristig ein paar hundert Millionen zu sparen und im Wahlkampf "anti-kapitalistisches" Neidpotential und altsozialistische StaMoKap-Fantasien zu bedienen. Dabei könnte der Staat als Aktionär auf dem völlig ausgebombten Kursniveau langfristig sogar beträchtliche Gewinne aus zukünftigen Kurssteigerungen erzielen. Sofern es gelingt, das Bankensystem einerseits vernünftig zu stabilisieren und im fairen Wettbewerb dauerhaft gesund zu erhalten, andererseits zukünftige spekulative Exzesse nachhaltig zu begrenzen, statt mit planlosem Rettungsgewurschtel in einer langen Infektions- und Interventionsspirale das ganze System am Ende komplett zu verstaatlichen und schon im Vorfeld alle nichtstaatlichen potentiellen Kapitalgeber der Zukunft auf lange Dauer zu verprellen - außer dieses traurige und kaum zukunftsfähige Resultat wäre heimlich sogar erwünscht, um am Ende in einer großen Staatsbank die totale Kontrolle über jeden einzelnen rollenden Rubel im gesamten Land oder weltweit endlich zu verwirklichen.

Die staatliche SOFFIN jedenfalls hat bis dato noch nicht einen garantierten Cent als realen Ausfall verbuchen müssen, konnte aber von Oktober bis Februar bereits ca. 100 Millionen an Zinserträgen und Gebühren verbuchen. Zwar wird uns tagtäglich nur noch von immer neuen Milliardenverlusten berichtet. Abschreibungen schaffen aber üblicherweise stets auch jedesmal stille Reserven, die später wieder gehoben werden können. Ausgenommen hier selbstverständlich die von vornherein wertlosen betrügerischen US-Subprime-Kreditgiftmüll-Derivate. Die hätten längst gesondert eingesammelt und gebündelt hübsch verpackt mit herzhaftem Gruß als "Bad Package" an den Absender zurückgegeben werden müssen, statt sie dem inländischen Steuerzahler ins ohnehin schon schmale Kreuz zu drücken. Der Clou hierbei wäre eine empfängerfreundliche Etikettierung des verbrieften Bad-Packs mit deutschen original TÜV- und GS-Siegeln (für geprüfte Sicherheit) statt des vorgeschriebenen orangenen Giftmüll-Warndreiecks.

Viele andere ABS-Assets jenseits der Subprime-Klasse haben zwar gewaltig an Wert verloren und sind momentan großteils mangels Markt und Käufer- oder Verwerter-Interessen nicht oder nicht mehr sinnvoll handelbar. Aber auch in Zukunft wird die Mehrzahl aller Durchschnitts- oder gar besser gestellten Bürger nicht massenhaft im Trailer-Park hausen, sondern überwiegend in ihren Häusern bleiben und ihre Hypothekenkredite schlecht bis recht langsam aber sicher abstottern. Bürgschaften und Garantien sind daher keinesfalls automatisch Verlusten gleichzusetzen. Sie überbrücken lediglich die akute Krisensituation und bergen auf lange Sicht trotz und gerade wegen der hohen Abschreibungen möglicherweise noch ein heute unterschätztes, reales Wertsteigerungspotential. Speziell bei, ansatzweise schon jetzt sichtbarer, wieder anziehender Inflation, bei der das deflationäre Deleveraging-Pendel mindestens in eine korrigierende Aufwärtsschwingung zurückschlagen sollte - möglicherweise sogar bis gleich direkt in die nächste langfristige, zusätzlich inflationsgetriebene Blase. Nicht alles, was uns heute als Verlust und Schaden vielstimmig gepriesen wird, dürfte später auch als solcher enden.

Was die Krise plötzlich alles möglich zu machen scheint, zeigt die Diskussion, ob neben Nachrang-Gläubigern und stillen Eigen- und Ergänzungskapitalgebern sogar ganz normale vorrangige Anleihegläubiger per Gesetzesänderung an einer "Verlustteilnahme" von Banken beteiligt werden sollten. Das wäre praktische Zwangsenteignung und dazu klar willkürlicher Rechts- und Vertragsbruch. Danach könnte der juristische Straftatbestand des Kreditbetrugs aus Gerechtigkeitsgründen auch gleich ganz mit abgeschafft werden - denn dann haftet zukünftig jeder Kreditgeber direkt für jegliches, auch kriminelles Fehlverhalten und die resultierenden Verluste jedes Kreditnehmers. Das wäre unzweifelhaft das sofortige Ende der Kreditwirtschaft insgesamt, kein Mensch würde einer Bank auch nur noch einen Cent freiwillig anvertrauen, jede Refinanzierungsmöglichkeit und alle Investitionen und Investments im Banksektor wären auf Dauer ausgeschlossen - ganz abgesehen von entsprechenden Konsequenzen für die private Wirtschaft. Statt also die eigentlichen Verursacher der Weltfinanzskrise endlich zu benennen und zur Rechenschaft zu ziehen, wird in der Politik ersatzweise zur Jagd auf Hedgefonds, Steueroasen, Spekulanten und mit diesem letzten Vorschlag sogar direkt auf Investoren und Kapitalgeber allgemein geblasen. Von Rechtsstaatlichkeit dabei keine Spur mehr - die Krise machts möglich.

Das aktuelle "große Bild" gleicht damit inzwischen einer gemischten Gruppe ganz verschiedenartiger Menschen, die unterwegs gemeinsam in eine Grube abgestürzt ist. Zwar ist man sichtlich kollektiv längst am Boden angekommen, dennoch beherrschen jetzt Chaos, Panik und allgemeines Durcheinander die Szenerie: Herr Lehmann hat den tragischen Absturz nicht überlebt, der alte General Motors ringt noch nach Luft und überlegt den rettenden Gang ins Chapter-11-Sauerstoffzelt, während Herr Ford schon dabei ist, seine Schulden beim Publikum sehr günstig und dennoch klar über Marktkurs zurückzukaufen. Viele andere haben mehr oder weniger starke Blessuren davongetragen oder suchen noch eifrig danach. Überwiegend herrscht statt allgemeiner Erleichterung erstmal nur Angst, Ratlosigkeit, Skepsis oder pure Verwirrung. Selbsternannte Weltuntergangs-Propheten sehen letztmals ihre große Chance, endlich auch einmal im Leben Recht zu behalten und verbreiten hemmungslose ihre ebenso absurden wie destruktiven Thesen. Gestandene Gewerkschaftler torkeln orientierungslos benommen plötzlich hinter einer gefallenen Milliardärin her, nur weil diese kurzzeitig ihren Pelzmantel mit der Kunstlederjacke und einem politisch raffiniert roten Schal vertauscht hat. Enteignungen, Zwangsmassnahmen oder willkürliche Gesetzesänderungen werden ohne weiteres Nachdenken einfach akzeptiert.

Die Banken spielen teils weiterhin ihr "Chicken Game" mit der Politik, bei der HRE-Aktie z.B. gibt es schon wieder Ermittlungen zu massiven Leerverkäufen etlicher Bankadressen aufgrund internen Insiderwissens. In wildem Streit aller Parteien wird die Rettung eines "deutschen" Unternehmens heftig kontrovers diskutiert, dass schon seit 1929 in amerikanischem Besitz ist, alle seine Gewinne und sämtliche Patente stets in die USA transferiert und nie einen Pfennig Steuern in Deutschland gezahlt hat. Wer hier Milliarden in kopflosem Aktionismus hineinpumpen will, kann dieses Geld auch gleich in einem CARE-Paket verpackt nach Detroit oder Washington senden. Erst eine vollständige Herauslösung von Opel aus GM mit anschließender Überführung in eine europäische AG würde eine Staatsübernahme überhaupt sinnvoll machen. Auf internationaler Ebene gibt es zwar reichlich verbale Bekundungen, dafür aber wenig gemeinsam konzertiertes Handeln. Der hoffnungsvolle Obama-Mythos in Amerika verblasst ganz langsam im trauten Schein der Lava-Lampen. Die Geithner-Rede hingegen findet reichlich erschrockenen Zuspruch, obwohl der Redner selbst seinerzeit in Asien eigentlich mehr falsch als richtig gemacht hatte.

Der gemischten Gruppe am Boden in der konjunkturellen Grube fehlt jetzt schlicht eine überzeugende und entschlossen auftretende Führung, die ein vertrauensvolles Bewusstsein dafür schafft, dass der Absturz nunmehr einigermaßen überstanden ist und man gemeinsam planmäßig nach Möglichkeiten und vernünftig gangbaren Wegen zurück an die Oberfläche suchen sollte, bevor Chaos, unnötige Folgeschäden, eine längere Durststrecke und vermeidbare weitere Not entstehen. Ein praktisches Rettungsseil für diesen Weg zurück in die Normalität baumelt bereits herab - die positive Stimmungswende mit Bodenbildung in vielen Bereichen. Doch sie nutzt nichts, wenn man sie jetzt nicht auch erkennt und so gut koordiniert wie konsequent nutzt. Der Konjunktur-Sentix zu Monatsbeginn zeigte bereits wieder einen deutlichen Rücksetzer in der Zukunftserwartung. Das Time- und Erwartungs-Gap bietet sich jedoch auch weiterhin an und verspricht Hoffnung auf Besserung im Jahresverlauf 2009 - sofern man die Chance ergreift, statt sie entweder zu zerreden, oder mit planlosem Aktionismus jeder Coleur jetzt auch noch das letzte bischen Vertrauen zu zerstören. Sachliche Vernunft ist gefragt - aber kann man die in einem Superwahljahr überhaupt erwarten?

Die heutige KID Grafik ist in gewisser Weise ein "Wackelkandidat", eine Momentaufnahme inmitten der jährlichen Phase der großen Datenreihen-Revisionen. Hinzu kommt, dass etliche Zeitreihen diesmal von "Basis 2000" auf 2005 (=100 im Wert) umgestellt werden - was nur alle paar Jahre der Fall ist. Beim KID-Indikator hat sich das Gewitter am rechten Rand des Indikators inzwischen zwar etwas beruhigt, es treffen dort aber immer noch märz-warme Luftschichten mit massiv-harten Kaltfronten aus den Januar-Daten aufeinander. Die heutige, quasi halb fertig revidierte Momentaufnahme zeigt wiederum noch kein Wendesignal, wie es im Oszillator erneut sehr kräftig bestätigt und damit "für demnächst" angekündigt wird. Dafür waren die Einschläge der jüngsten harten Daten aus dem eisigen Januar schlicht noch zu heftig. Der breit hingezogene Rundbogen scheint eher passend zur psychologischen Grundsituation als aktuelles Gebot der Stunde, anstelle der aus besseren Tagen gewohnten schnittigen V-Formation. Der DAX hat zunächst seinen 20-Jahres-Schnitt bei ca. 4016 wieder erreicht, hier entscheidet sich in den nächsten Tagen und Wochen seine nähere Zukunft. Die bekanntlich im sprungbereiten Sitzen schlafenden kranken Häschen in der Grube warten derweil weiter auf den vertrauten wie Vertrauen schaffenden Weckruf von weiter oben. Hier aber wartet man anscheinend selbst noch ungeduldig auf den Alois, der mit einer gehörigen Portion göttlicher Eingebung auf dem Weg von ganz weit oben noch eben kurz im Hofbräuhaus ...

Zum Abschluss noch ein Schmankerl aus der klassischen technischen Analyse: hier gibt es ja einige Experten, die behaupten, die Aktienindices befänden sich derzeit fast unkalkulierbar "im charttechnischen Niemandsland". Zum Glück wurde aber schon vor Jahren der Widescreen-Monitor erfunden, sodass es technisch möglich ist, auch längere Zeiträume optisch zu erfassen. Verbindet man beim S&P500 das Jahrestief von 1982 mit dem Verlaufstief vom 20.10.1987, so führt die resultierende Trendlinie per erste Märzwoche dieses Jahres auf rund 686 Punkte. Das Tagestief im S&P500 lag am 6. März bei 666.79, der (tiefere) Schlusskurs des Folgetags bei 676.53. Berücksichtigt man die heute im Vergleich deutlich viel höheren Tagesschwankungen und dazu ein gewisses "Rauschen" (lediglich 1 winziger Punkt Abweichung pro Jahr mit ca. 250 Handelstagen ergäbe auf 27 Jahre mit 6750 Handelstagen immerhin 27 Punkte Abweichung), so taugt dieser lineare "Oldie" durchaus auch und vielleicht gerade heute noch als "technische Auffangzone" plusminus X - was durch die seitdem laufende kräftige Gegenreaktion eindrucksvoll bestätigt wird. Die Standard&Poors-Kuh der amerikanischen Leidbörsen wäre aber erst vom Eis, wenn auch die erfolgreiche Rückkehr über den gleitenden 20-Jahres-Schnitt bei ca. 918 Punkten gelingt.

 

Thomas A. Spoerer
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