von Thomas A. Spörer

Die Stimmungswende
Kurz, knapp und klar: Die Stimmungswende ist da!
Die vergangenen vier Wochen brachten, wie lange erwartet und vorhergesagt, ein regelrechtes Feuerwerk an positiven Überraschungen bei Stimmungsumfragen und Sentimentdaten. Selbst die zunächst skeptisch kommentierenden Medien kamen nicht umhin, schließlich verwundert von einer "plötzlichen Aufhellung" zu sprechen. Somit erleben wir momentan das naturgegeben "positive Überraschungspotential" nach einem intensiv durchlebten emotionalen Tiefpunkt: Die Stimmung dreht - und somit droht allen Pessimisten, Schwarzsehern und Miesmachern tatsächlich ein unerwartet sonniger Frühling 2009!
Die "Krise" scheint damit ausgestanden. Es besteht real die Möglichkeit, das jetzt entstandene "sentimentale Time-Gap" als Chance zur Stabilisierung mit anschliessend baldiger Aufwärtswende zurück zur realwirtschaftlichen Normalität zu nutzen. Gefahr droht dieser zyklischen, fast schon selbsttätig konstruktiven Entwicklung ausgerechnet von den vielen verspäteten, wie üblich nur trendfolgenden und trendfortschreibenden "Propheten des Untergangs". Die Medien werden teils nicht müde, jetzt mit Zeitversatz eintreffende harte Daten der jüngeren Vergangenheit, mit dramatischen Headlines garniert, weiter in eine düstere Zukunft fortzuschreiben. Angst ist stets ein schlechter Berater - in der momentan sensiblen Stimmungslage kann sie zum gefährlichen Bumerang werden. Der chronische Pessimist wird zum Karusselbremser, der den natürlichen zyklischen Schwungimpuls auf die Wirtschaft nach besten Kräften destruktiv zu verhindern sucht. Bildlich gesprochen gleicht er dem Trampeltier, das ohne Weitblick und Verstand mit schweren Winterstiefeln durch die ersten Schneeglöckchen und die jetzt schon keimenden Krokusse und andere bunte Frühlingsboten stampft.
Ein drastisches Negativ-Beispiel dafür lieferte uns in der ersten Februarwoche z.B. die Großfamilie der Früh-(bis-Spät-)Indikatoren der OECD, als eins der bis heute überlebenden Exemplare vieler inzwischen längst untergegangener "Composite Leading Indicators" (Kombi-Indikatoren nach ungefährem Baumuster des legendär-phantastischen "Raumschiffs Orion"). Sie sind inzwischen wenigstens dort angelangt, wo der KID schon vor Wochen angekommen war und zeigen uns jetzt die "dritte Abwärtswelle" in voll entfalteter Schönheit, mitsamt der geballten Dramatik neuer historischer Rekordtiefststände seit den Siebziger Jahren - in denen diese Indikatorenfamilie damals entwickelt wurde. Weshalb man sie getrost als rückwärtsgerichtete "Alt-68er mit gebrochenem Lebensentwurf" betrachten kann. Das Anschauen ist jedoch weder erfreulich, noch irgendwie konstruktiv. Vielmehr wirkt die geballte Wucht einer ganzen Chart-Galerie gleichlaufend parallel zusammenbrechender, jeweils mit "Strong Slowdown in ..." übertitelter Indikatorbilder für zahlreiche einzelne Länder, für sämtliche wichtigen Wirtschaftsregionen und schließlich für die gesamte Welt wie schwerste Artillerie der apokalyptischen Reiter direkt aufs sentimentale Gemüt: Der baldige Weltuntergang scheint nun endgültig besiegelt und absolut unabwendbar. Es gibt keine Hoffnung mehr. Alles was noch bleibt, ist sofortiger Rückzug mit 1000 Dosen Linsensuppe hinter die feuersichere Stahltür des häuslichen Heizungskellers.
Genau mit diesen, leider immer noch viel beachteten wie verspäteten und letztendlich sogar falschen Bildern und "Informationen" schafft man erst neue Voraussetzungen für weitere herbeigeredete Folgeschäden der Krise, in Form selbsterfüllend negativer Prophezeiungen. Bevor wir uns also dem durchaus hoffnungsvollen Datenkranz der Gegenwart und Zukunft zuwenden, bleibt festzustellen: Eine ganz entscheidende Frage wird jetzt von allen, die den Abschwung nicht rechtzeitig erkannt haben, wenigstens einstimmig und absolut positiv optimistisch beantwortet: Können wir mit verspäteter Schwarzmalerei und angstschürendem Pessimismus die Folgen der Krise noch vergrößern und ein mögliches Frühlingserwachen der Wirtschaft erfolgreich verzögern, abschwächen oder gar ganz verhindern: Yes, we can!
Frühlingshaft rosiger Datenkranz mit einigen alten Dornen
Der ZEW-Index der Konjunktur-Erwartungen setzte seine begonnene Erholung nach erfolgter Bodenbildung stetig fort und stieg zum dritten Mal in Folge, diesmal sogar extra kräftig um 14.2 Punkte auf nun -31 nach -45.2 im Dezember. Setzt sich dieser Trend weiter fort, ist mit einer deutlichen Erholung in 2009 zu rechnen. Die erneut gefallene Lage-Beurteilung stellt die Vorzeichen für eine mögliche Wende: Die früher erwartete zukünftige Verschlechterung ist nun zur aktuellen Lage geworden, die aktuelle Erwartung richtet sich damit bereits wieder klar auf eine zukünftige Verbesserung der Lage: Stimmung zieht Realwirtschaft in zyklischer Abfolge - nicht immer, aber in einem so hoch emotionalen Umfeld wie dem Gegenwärtigen doch mit ziemlicher Sicherheit. Der Tiefpunkt ist damit überwunden, die Stabilisierung zur Wende eingeleitet.
Der ifo-Index zeigte ähnliches Verhalten, wenn auch diesen Monat noch nicht so ausgeprägt. Erstmals seit Juni 2008 stabilisierte sich der tiefe Fall beim Geschäftsklima zu einem ersten Hoffnungshäkchen aufwärts von 82.7 auf 83.- Punkte. Die Erwartungskomponente erholte sich erwartet kräftig von 76.9 auf 79.4, während die gegenwärtige Lage mit 86.8 nach 88.8 noch weiter schwach beurteilt wurde. "Eine konjunkturelle Wende kann man hieraus nicht ablesen", kommentiert Hans Werner Sinn. Freilich nicht, außer man betrachtet die regelmäßige Abfolge der drei ifo-Komponenten im Zeitlauf: erst drehen die Zukunftserwartungen, dann das Klima, schließlich die Lagebeurteilung. Dass es von einem erreichten Stimmungs-Tiefpunkt aus regelmäßig ganz natürlich zu einer zyklischen Erholung kommt, ist nun wirklich nicht unwahrscheinlich oder überraschend.
Das US-Verbrauchervertrauen der Uni Michigan konnte sich auch zum Januar-Ende mit 61.20 nach 60.10 stabil positiv halten. Die TCB-Konkurrenz zog (noch) nicht richtig mit, bildet aber weiterhin langsam ihren Boden aus. Der Frühindikator aus gleichem Haus, der TCB US-Leading-Index, legte um 0.3 Punkte zu - der erste nennenswerte Anstieg seit Mitte 2007, sofern man von einigen einmonatigen, maximal jeweils plus 0.1 Punkte ausmachenden, Zwischenkorrekturen unterwegs im Niedergang einmal absieht.
Erneut sehr positiv zeigte sich dazu der GfK-Konsumklima-Index. Der Januar-Wert wurde sogar von 2.1 auf 2.2. heraufrevidiert. Ebenfalls 2.2 Punkte für den Februar demonstrieren stabile Kaufbereitschaft der deutschen Verbraucher trotz Krisengerede. Entsprechend waren auch die gemeldeten Einzelhandelsumsätze stabil. Sogar in den USA hielten sich zum Ende Januar und in den Februar hinein die Chain Store Sales (Umsätze der Kaufhausketten) konstant auf niedrigem Niveau. Wal Mart Stores glänzten gar mit einem deutlich überraschenden Anstieg (plus 2.1 Prozent im Januar). Erfreuliches meldeten unsere Städte und Kommunen: kräftige Haushaltsüberschüsse für 2008 und eine trotz Krise positive Erwartung auch für das Jahr 2009. Die deutsche Binnenkonjunktur wirkt also nach wie vor stabil und robust.
Eine nicht wirklich überraschende Wende auf ihren Drehstühlen vollführten fast überall auch die Einkaufsmanager. Der Euroland-PMI stieg von 33.9 auf 34.4. Speziell Frankreich, Italien und Spanien legten dabei zu, während die Kollegen in Deutschland mit 32.- nach 32.7 Punkten noch einmal baldigen Nachholbedarf signalisierten und den Anstieg beim gesamteuropäischen Wert damit anteilig abbremsten. Stabiler Konsum und rückläufiger Einkauf passen jedoch auf Dauer einfach nicht zusammen, wenn man nicht in die Zeit der ostdeutschen HO-Läden zurück will. Das fortwährende Untergangsgerede zeigt hier offenbar inzwischen schädliche Wirkung.
Deutlich konsequenter agierten die US-Einkaufsmanager: Der ISM-Index schnellte von 32.9 auf 35.6 nach oben. Auch der Non-Manufactoring-PMI der amerikanischen Dienstleister überbot kurz darauf alle Erwartungen mit einem Anstieg auf 40.6 nach zuvor 37.3 Punkten. Insgesamt liegt man damit zwar immer noch weit von der magischen 50-Punkte-Schwelle entfernt - wichtig ist jedoch momentan nur eins: der beschleunigte Abwärtstrend ist erstmal gestoppt, eine klare Stabilisierung in Richtung zur möglichen Wende wurde unübersehbar eingeleitet.
Der deutsche Außenhandelssaldo schloss auf Vormonatsniveau. Exporte und Importe schwächten sich parallel weiter leicht ab. Dass diese Dezemberzahlen nicht richtungweisend sind, belegen erneut eindrucksvoll die aktuellen Baltic-Frachtraten-Indices. Nach mehrmonatiger Bodenbildung oberhalb 600 Punkten überschritt der Baltic Dry zum Ende Januar erstmals wieder die 1000-Punkte-Marke. Zwei Wochen später notierte er am vergangenen Donnerstag mit 2055 Punkten schwungvoll verdoppelt auf einem neuen Jahreshoch. Zwar ist hier im langfristigen Vergleich noch immer viel Platz nach oben, eins jedoch zeigt dieser Index jetzt schon überdeutlich: Auch der Welthandel ist ganz klar längst auf Erholungskurs. Davon werden selbstverständlich die deutschen Exportzahlen für Januar und Februar profitieren.
Am 30. Januar wurde die erste Schnellschätzung zum US-BIP im vierten Quartal 2008 veröffentlicht: eine absolut positive Überraschung, mit lediglich -0.18 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal praktisch eine überraschende "rote Null". Der Untergang Amerika´s hat also im vierten Quartal 2008 definitiv nicht stattgefunden. Selbst die eher unbrauchbare "Seasonal Adjusted Annual Rate" des US-Wachstums erfüllte mit annualisiert -3.8 Prozent nicht die pessimistischen Erwartungen von minus fünf Prozent oder weniger. Das erste Quartal dürfte mit Blick auf die schwachen Auftragseingänge garantiert schwächer ausfallen, danach aber sollte die verbesserte Stimmung schon wieder die Möglichkeit zu einer Erholung in den harten Daten bieten.
Sehr schwache Zahlen wurde beim Auftragseingang erneut diesseits und jenseits des Atlantiks vermeldet. Wir erinnern uns: "Dritte Abwärtswelle" hieß dies hier schon im Mai 2008, als Experten und Fachmedien noch überall die helle Freude verkündet hatten. Heute lautet der Tenor dagegen: "Düstere Aussichten für die deutsche Industrie". Stimmt - sofern man auf der Datenautobahn mit dem Heck voran fährt und zur alleinigen Orientierung permanent nur den Rück- oder Schminkspiegel nutzt. Diese Sache mit den Tempi wird auf Wirtschafts- und Journalistenschulen heute anscheinend nicht mehr so gründlich und stramm durchkonjugiert wie früher: Der jetzt gemeldete Auftragseingang stammte von Dezember 2008, ist also Plusquamperfekt (vollendete Vergangenheit). Derzeit leben wir grammatisch, wirtschaftlich und ganz allgemein im Präsens (also Karneval), die Aussichten für die deutsche Wirtschaft dagegen sind fachlich korrekt Futur und dazu momentan tatsächlich alles andere als düster. Die Vergangenheit tagesaktuell richtig vorher zu sagen ist ergo hier nicht wirklich zielführend.
Nachzutragen wäre hier noch (quasi entschuldigend), dass sich z.B. das Handelsblatt tatsächlich zeitweise real "in den Fängen des Monsters" befunden hat, dergestalt, dass diverse mehrköpfige Consultanti durch die Gänge schlichen und trotz krisenbedingt höheren Verkaufszahlen nach zukunftsträchtigen Einsparmaßnahmen Ausschau hielten. Zeitweise gerieten bis zu einhundert Arbeitsplätze direkt ins Visier, in Gefahr und in die Diskussion - diese düstere Präsenz färbte natürlich auf Perfekt, Präsens und persönliches Futur bei der Berichterstattung ab. Für die nächste Zukunft weiter positiv orientiert blieben dagegen die Umfrage-Teilnehmer beim Sentix-Konjunktur-Index im Februar: Die Erwartungskomponente für Euroland sprang hier auf den höchsten Stand seit Juni 2008 und signalisiert damit weiteres Überraschungspotential für die kommenden ZEW- und ifo-Daten. Ein ähnliches Bild boten auch alle anderen Weltregionen: Nochmals massiver Einbruch der Lage-Einschätzung, die Krise ist damit in der Gegenwart "angekommen", bei gleichzeitig kräftigem Anstieg der Erwartungswerte für die Zukunft. Für "Asien ex Japan" fehlen sogar nur noch acht Punkte an der erfolgreichen Wiedereroberung der Null-Linie.
Positives Fazit mit einigen Fragezeichen
Den (leider schrägen) Schlusspunkt im Berichtszeitraum setzte am Freitag der monatsmittige Umfragewert zum US-Verbrauchervertrauen der Universität Michigan. Hier erfolgte nach etlichen Wochen wieder ein kräftiger Rücksetzer von 61.20 auf 56.20. Ob dies schon ein frühes Ende der fast verzweifelt messianischen US-Obama-Mania bedeutet, muss aber noch abgewartet werden. Zuvor wurde am Freitag das deutsche BIP des vierten Quartals 2008 veröffentlicht, das abschließend zur heutigen KID-Grafik führt. Wie vermutet, wurden die ersten drei Quartale heraufrevidiert, so dass sich aus der im Januar bekannt gegebenen Ganzjahresschätzung rechnerisch nun ein deutlich schwächeres viertes Quartal ergeben hat. Die vorläufigen Quartalswerte 2008 definieren sich daraus wie folgt: 1.Q. mit +2.84%, 2.Q. mit +1.96%, 3.Q. mit +0.81% und 4.Q. mit -1.65% gegen Vorjahresquartal und in Vorjahrespreisen.
Die relative Relativität der prozentualen Wachstums-Gesamtveranstaltung zeigt sich bei der Betrachtung des Bruttoinlandsprodukts in Milliarden Euro und in jeweiligen Preisen: Mit insgesamt 615.71 Mia Euro lag das vierte Quartal 2008 im Wert sogar noch über dem Vorjahresquartal 2007 mit nur 612.76 Mia Euro. Daraus ergibt sich sogar eine positive Wachstumsrate von +0.5% - ein wahrer Abgrund. So oder so wird es das erste Halbjahr 2009 aber schwer haben, sein relativer Vergleichsmaßstab liegt in den starken beiden ersten Quartalen 2008 mit 624.66 und 624.69 Mia Euro. Ein echter "Hammer" wäre natürlich ein erneut schwaches erstes Quartal 2009 mit anschließendem Verlauf wie im Jahr 1993 (siehe oben in der KID-Grafik ganz links bei den blauen Wachstums-Balken). Angesichts der momentanen harten Daten, vor allem beim Auftragseingang, wäre es aber heute noch vermessen früh, der "GröKaZ" ("Größte Krise aller Zeiten") derart frech entgegen zu treten.
Gewitter entstehen, stark vereinfacht, beim Aufeinandertreffen kalter und warmer Luftmassen. Etwas ähnliches ist momentan beim KID-Indikator zu beobachten. Am rechten Rand ziehen die zeitnah erhobenen und sich merklich verbessernden Stimmungswerte den Indikator nach oben, zwischendurch treffen harte Daten, teils noch immer des 2008er Jahrgangs ein und ziehen kräftig Richtung Süden. Etwas ähnliches dürfte sich mental auch bei den Marktteilnehmern und in den Führungsetagen der Unternehmen bei der täglichen Bewertung des laufenden Daten-Informationsflusses abspielen.
Als Fazit bleibt jedoch: Auftragseingänge sind traditionell sprunghaft, die Stimmung hat gedreht, die Realwirtschaft sollte mindestens zögernd bald folgen. Insofern besteht schon eine reale kleine Chance auf weitere größere positive Überraschungen noch in diesem Jahr. Grundvoraussetzung wäre, dass es trotz aller Bemühungen nicht gelingt, eine herbeigeredete Rezession oder eine längere Phase zähen Dahindümpelns der Wirtschaft zu etablieren. Alle vier KID-Vorlaufkomponenten zeigen inzwischen die gleiche klare Wende wie der heutige KID-Oszillator. Beim KID-Indikator ist aus dem kleinen Häkchen nun ein echter Hoffnungshaken geworden. Ihm fehlt momentan nur noch ein weiterer kleiner Ruck nach oben, um wieder einen grünen Aufwärtspfeil erscheinen zu lassen und die endgültige Wende an der "technischen Unterstützungszone" des Linienkreuzes sA, sB und C einzuleiten. Maß aller Dinge bliebe dennoch zunächst nur die Rückkehr zur Normalität, maximal an den oberen Rand des laufenden Abwärtstrends C (rote Pfeile).
Evil Games and Bad Banks
Die Düsseldorfer Börse erklärte kürzlich den Begriff Leerverkauf zum "Unwort des Jahres". Ob zum diesjährigen Karneval ein klimagerechtes "Naked Short Selling" trotzdem erlaubt wird, sieht man demnächst an den "tollen Tagen". Der Begriff "toxische Wertpapiere" resp. direkt "Kreditgiftmüll" wird dagegen heute überall in den Medien mit absoluter Selbstverständlichkeit ebenso gern wie häufig gebraucht, ohne weiterführende Fragen zu stellen. Er wäre als "Unwort des Jahres" weitaus besser prädestiniert, in erster Linie durch seine fast schon gedankenlose Verwendung, als der harmlose Leerverkauf - dessen Verbot nach inzwischen erfolgten Untersuchungen zudem keinerlei positive Wirkung auf das Marktgeschehen gezeigt hat. Die diversen Lexika der Börsenbegriffe kennen zwar vielerlei Assetklassen incl. zahlreicher Unterkategorien, das "toxische Wertpapier" ist jedoch grundsätzlich noch nicht darunter zu finden.
Hier besteht also weiterhin noch erheblicher Klärungsbedarf: Wenn irgendwo in Wald und Flur zwei herrenlose toxische Sondermüllfässer gefunden werden oder der Zoll fünf Tonnen europaweit subventioniert herumkutschiertes Gammelfleisch entdeckt, folgt nach der unmittelbaren Gefahrenabwendung stets direkt eine umfangreiche Suche nach den verantwortlichen Verursachern. Bei hunderten Milliarden "toxischer Wertpapiere" scheint dies, besonders im Hinblick auf die Schuldenlast nachfolgender Generationen in diesem Land, ebenfalls durchaus angebracht.
Das was uns mit viel Aufwand als "allgemeine Weltwirtschaftskrise" verkauft oder als "Anonymer Systemfehler" wegen "zu wenig Eigenkapital" der beteiligten Megamilliardenzocker dargestellt wird, war in Wirklichkeit doch letztendlich ein, trotz aller komplexen Verbriefungsverschachtelungen, prinzipiell relativ einfaches, wenn auch gigantisch groß angelegtes "Spiel": Jahrelang haben Banken sich gegenseitig in immer höheren Volumina ungedeckte Schuldverschreibungen verkauft - in der Summe schließlich grob geschätzt fünfzig bis einhundert Mal mehr als weltweit überhaupt real verfügbare Liquidität existiert. Diese gewaltige unkontrollierte Kreditschöpfung entwickelte schon in sich selbst permanent wachsende Risiken.
Mit der grandiosen, durch Niedrigstzinspolitik und Immobilienblase zusätzlich geförderten Idee, unter diese eh schon komplexen Verbriefungspapiere schließlich auch noch völlig wertlosen US-Subprime-Kreditgiftmüll zu mischen, geriet die Veranstaltung endgültig zur kurzfristigen "Reise nach Jerusalem": den jeweils letzten Käufer oder Buy-and-Holder beißen die Hunde, plötzlich sind alle vorhandenen sicheren Stühle besetzt und es gibt keinen Markt und keine Käufer mehr für "toxische Papiere". Was tut ein verzweifelter Spieler, der absolut nichts mehr zu verlieren hat? Er erinnert sich schlagartig an seine vorher eher vernachlässigte "Nebenfunktion" als unverzichtbare Kredit- und Kapital-Pumpstation der gesamten Volkswirtschaft, als Staatsfinanzierer, als Liquiditätsverteiler unseres ganzen Wirtschafts- und Gesellschaftssystems. Also spielt er mit der Politik eben das "Chicken Game". (Üblicherweise geht es dabei nur um ein Mädchen, zwei zumeist junge Kontrahenten rasen im Auto mit Vollgas frontal aufeinander zu. Wer zuerst nachgibt, bremst oder ausweicht, hat verloren.)
Die Notenbanken haben im Übermaß sehr schnell Liquidität zur Verfügung gestellt und die Zinsen teils radikal gesenkt. Trotzdem kommt diese Liquidität auch nach Monaten noch immer nicht in der Realwirtschaft an und die konjunkturstützend niedrigen Zinssätze werden nicht in Form günstiger Kredite an Unternehmen, Verbraucher und Investoren weitergegeben. Unternehmen klagen entsprechend massiv sowohl über schleppenden Zahlungs- wie Auftragseingang - das ganze Räderwerk der Wirtschaft läuft "trocken" und zähgängig langsam. Diese Botschaft ist eindeutig strategisches Chicken Game (Hazard-Spiel mit dem Untergang): "Nimm uns den wertlosen Müll ab, gib uns dafür möglichst schnell und reichlich frisches Kapital zum Weiterzocken und halte Dich ansonsten gefälligst brav aus unserem komplizierten Fachgeschäft heraus - sonst geht möglicherweise doch noch das ganze Weltfinanz- und Wirtschaftssystem an uns zugrunde." Es wäre also vielleicht sehr zielführend gewesen, wenn sich die versammelten Staats- und Regierungschefs und Finanzminister im Davoser "Cinema Arkaden" gemeinsam den Film "Dr. Seltsam" oder "Wie ich lernte, die Krise zu lieben" anzuschauen, incl. anschließender Podiumsdiskussion zum Thema "Die Mad Man Theorie in der praktischen Tagespolitik".
Das Missverhältnis aus einerseits dem System großzügig und kostengünstig zugeführter Liquidität und andererseits einer real weiter existierenden Kreditklemme in der Wirtschaft erinnert an ein sog. "Braess-Paradoxon": trotz umfangreicher staatlicher Eingriffe droht am Ende ein für alle im Vergleich zu früher suboptimaler neuer Zustand, der vom Mangel an tatsächlich realem Nutzen der Konjunktur- und Wirtschaftsförderung bis zur unzweifelhaft dadurch verursachten deutlich erhöhten Staatsverschuldung reicht. Unerwartete Kritik gab es ausser von der Monopolkommission überraschend u.a. auch vom Industrieverband BDI. Er mahnte an, die Bürgschaften, Garantien und Rettungsmaßnahmen für Unternehmen nicht zu übertreiben, sondern sie einerseits auf die tatsächliche Zukunftsfähigkeit der Geförderten zu prüfen, andererseits die staatlichen Eingriffe in die allgemeine Wettbewerbssituation sowie in den natürlichen Bereinigungsprozess im Abschwung so gering wie nur möglich ausfallen zu lassen. Es scheint hier also mehr als nur sinnvoll und notwendig, im Verhältnis stets eine realistische Vergleichgröße im Auge zu behalten: Der Jahres-Etat "Bildung, Forschung und Wissenschaft" im Bundeshaushalt beläuft sich z.Zt. auf ca. 10 Milliarden Euro. Anhand dieser praktischen Messgröße lässt sich für jedermann jederzeit leicht ausrechnen, wieviel Jahre landesweiter Bildung, Wissenschaft und Forschung eine einzelne Hilfs- und Rettungs-Maßnahme uns kostet.
Eine (rein virtuelle) "Bad Bank", verbunden mit Pflichtmeldungen und verbindlichem Schlussabgabetermin hätte längst Sinn gemacht. Nicht, um etwa sämtlichen Kreditmüll sofort in Staatshaftung zu nehmen, sondern um endlich eine finale Gesamtschadensfeststellung, Sichtung, Trennung und in Folge entsprechende Konsequenzen treffen zu können - einschließlich massivem Druck auf die Banken, eine sofortige Wiederherstellung normaler Liquiditätsversorgung zu günstigen Konditionen für Wirtschaft, Konsumenten und Investoren zu gewährleisten. Schliesslich klärt auch jeder Durchschnittsbürger zunächst gründlich die Verhältnisse, bevor er etwa eine Milliarde verleiht oder dafür bürgt. Und wer, durch unglückliche Umstände oder eigenes Verschulden, auf die andere Seite des Kreditzauns geraten ist, muss bei eidesstattlicher Versicherung oder Privatinsolvenz selbstverständlich umgehend seine Verhältnisse vollständig offenlegen, bis hin zum Klimpergeld in der Hosentasche. Die Banken hingegen servieren als erfahrene Chicken-Gamer mit scheibchenweiser Salamitaktik Monat für Monat neue und größere Milliardenlöcher.
Allein bei HRE sind auf diese Weise inzwischen die runden 100 Milliarden Euro voll geworden. Dabei darf zumindest vage vermutet werden, dass möglicherweise von Anfang an massiv fragwürdige Papiere bei der Hypo Real Estate untergebracht wurden. Die Frist zur Prüfung und Anmeldung eventueller Forderungen an die dafür ggf. mit verantwortlichen oder sogar haftbaren Alteigentümer (HVB sowie deren italienische Mutter Unicredito) ist aber inzwischen verstrichen. Somit stehen jetzt 100 Milliarden offen im Raum - dies entspricht mithin 10 Jahren deutscher Bildung, Forschung und Wissenschaft, sprich Zukunft, für eine einzige Bank unter vielen. Und es droht nach wie vor der in der Geschichte des real existierenden Sozialismus bislang einmalige Vorgang der Enteignung eines bodenlosen Lochs mit anschließender Überführung in Volkseigentum. Daraus resultiert dann in direkter Folge eine mögliche endlose Interventionsspirale: je mehr Banken künstlich mit Steuergeld am Leben gehalten statt schonend abgewickelt zu werden, desto stärker wird der Wettbewerb der Banken im substanziellen Kerngeschäft verzerrt. Die subventionierten Institute entziehen gesunden Banken so früher oder später ihre Existenzgrundlage, sodass eine Bank nach der anderen notleidend wird und zur Verstaatlichung ansteht.
Wenigstens die Suche nach sinnlosen Kompensationsmöglichkeiten verlief dagegen scheinbar hoffnungsvoll: So zauberte Minister Steinbrück plötzlich die Börsen-Umsatzsteuer aus dem verbeulten Hut, vermutlich um im Super-Wahljahr aus taktischen Gründen damit primitive populistische Stammtisch- und Neid-Parolen zu bedienen. Aus allen Erfahrungen der Vergangenheit lässt sich diesbezüglich nur eins absolut treffsicher vorhersagen: Dabei wird finanziell absolut nichts herauskommen, außer mehr Bürokratie, einem sofortigen Abwandern großer Teile des Handels auf außerbörsliche Plattformen sowie ins Ausland, und am Ende nur ein vermeidbarer weiterer Schaden für die deutschen Börsen und den Finanzplatz Deutschland.
Die Märkte
Für die Akteure am deutschen Aktienmarkt gilt sinngemäß, was oben schon im KID-Fazit gesagt wurde: Über dem Spielfeld tobt ein heftiges Frühlings-Gewitter mit teils sinnverwirrendem Platzregen aus schlechten harten und deutlich verbesserten sentimentalen Daten. Die meisten Aktionäre haben sich deshalb unters Tribünendach oder sicherheitshalber gleich bis ganz in die Katakomben zurückgezogen. Die Umsätze liegen nach wie vor überwiegend auf kümmerlichem Brückentags-Niveau. Weder kam beim erneuten erfolgreichen Antesten der 4000er-Marke (Tief diesmal 4067) nennenswerter Abgabedruck auf, noch konnte die nachfolgende Erholung (bis 4688) signifikante Kaufbereitschaft auslösen. Zwar bleibt es damit weiter bei der abgesteckten Range, dennoch liegt inzwischen erhebliches monetäres Potential am Spielfeldrand bereit und wartet mit Vorsicht oder Angst auf bessere Zeiten oder ein eindeutiges Läuten der Börsenglocke zum Einstieg. Noch hat aber niemand geklingelt. Positive Signalwirkung könnte davon ausgehen, dass die untere Hälfte des derzeitigen Seitwärtskorridors nach oben verlassen wird. Dies könnte beim nächsten Angriff auf die 4700 Punkte nach zwei gescheiterten Versuchen mit einem Überwinden der 100-Tage-Linie passieren und würde dann weiteres Potential bis zum Januar-Hoch zwischen 5000 und 5200 Punkten freisetzen. Im Zeitlauf wird früher oder später hier auch die fallende 200-Tage-Linie eintreffen, die derzeit noch bei ca. 5500 abwärts unterwegs ist. Damit bildet sich absehbar hier ein verstärkter "Riegel", der nur mit entsprechendem Volumen zu knacken wäre. Mit Unterstützung der amerikanischen Leid-Börse ist vorerst nicht zu rechnen, solange der S&P500 nicht wieder über die 900er Marke sowie den dort gerade abwärts passierenden 100-Tage- und den bei knapp 918 Punkten darüber liegenden entscheidenden 20-Jahres-Schnitt überwindet. Geduld scheint weiter erforderlich, jedoch ohne dabei einzunicken und das befreiende Läuten zu überhören.
Der Bund-Future drehte fast punktgenau direkt nach der schon beim Schreiben erreichten 126.50er Marke und büßte in unmittelbarer Folge danach fast 500 Basispunkte auf gut 121.50 ein, bevor die jetzt laufende Gegenkorrektur einsetzte. Angesichts der sentimentalen Hoffnungszeichen ist hier aber nicht wirklich mit grundsätzlich weiter fallenden Renditen zu rechnen. Wir sehen bis dato eine langsame rundliche Gipfelbildung, bereits beim nächsten Aufsetzen auf ca. 121.50 stünde testweiser Kontakt mit der 100-Tage-Linie ins Haus. Fällt dieser Test (früher oder später) negativ aus, liegt das nächste Kursziel bei kräftiger Unterstützung zwischen 117.- und 118.50. Gleich bis 115.- weiter zu denken, scheint momentan aber noch etwas verfrüht.
Euro/Dollar scheint momentan eher schwierig. Zu ungewiss ist die dauerhafte Haltbarkeit des Obama-Mythos und dazu die Vorhersage zur weiteren Entwicklung der möglichen Zinsdifferenzen. Eitel Freude dagegen bei den Edelmetall-Freunden, speziell im Euroraum. Gold in Euro brach aus einem abschließenden Dreieck nach oben aus und erreichte schnell neue Höchststände. Gold in US-Dollar hat soeben den oberen Rand des gut einjährigen Abwärtstrends erreicht, die weitere Entwicklung könnte auch Signalgeber für Euro/Dollar werden. Silber holte kurzzeitig ebenfalls kräftig auf und hat sowohl in Euro wie in US-Dollar knapp den Wert einer 50%-Korrektur als aktuellen Widerstand erreicht. Eher skurril spielt sich die laufende Bodenbildung im Crude Oil ab: der jeweils auslaufende Kontrakt neigt unter hohen Tagesschwankungen zum Testen der 33 bis 35 Dollar Tiefstände, während der Folgekontrakt relativ unberührt und friedlich, zeitweise gut 6 bis 8 Dollar darüber notiert. Nordsee-Brent-Öl liegt wieder deutlich über WTI Light Sweet Crude, dessen Super-Contango weiter unverändert von zukünftig wirtschaftlich besseren Zeiten und wieder höheren Inflationsraten kündet.
Ein weiteres historisches Ereignis im Berichtszeitraum fand etwas Abseits unserer Breitengrade in den Vereinigten Arabischen Emiraten statt: Nach dem 28.12.2004 hat es dort am 23.1.2009 zum zweiten Mal seit Menschengedenken geschneit, in der Region Jebel-Jais fielen über zehn Zentimeter Schnee bei völlig ungewohnten minus drei Grad. Die regionale Sprache kannte und kennt bislang noch keinerlei Wort für Schnee. Ohne Zweifel steht uns in absehbarer Zeit also auch eine mühsame Stimmungswende bei den Klimaphobikern ins Haus: Hier gilt es schleunigst, den Zeichen der Zeit brav im Trend folgend, die tausendjährigen Klimasimulationsmodelle von der kommenden Erderwärmungs-Katastrophe auf die nächste katastrophale Eiszeit umzustellen. Dennoch wurde mit der Neuregelung der Kfz-Steuer erneut mittelalterlicher Aberglaube in zukünftig geltendes Steuerrecht umgesetzt - bis zur nächsten zyklischen Wende. Eine Abwrackprämie für überflüssige inländische Altgesetze steht außerdem noch aus.
Abschließend ausstehend ist ferner ein herzliches Dankeschön für alle Kommentare, Mails sowie Lob, Kritik und Anregungen zum KID in den letzen Wochen. Leider ist es aus Zeitgründen nicht möglich, alle einzeln persönlich zu beantworten.
Thomas A. Spoerer
& Team