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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im November 2008?

von Thomas A. Spörer

KID Mai 2008

Chart grösser

Psychologie des Abschwungs

... erleben wir momentan täglich auf allen Kanälen unserer Informationsgesellschaft als mediales und kommentierendes schweres Dauerfeuer aller Kaliber. Das (halb-amerikanische) Wort "Subprime-Krise" ist aus der Berichterstattung fast gänzlich verschwunden, der Begriff "Bankenkrise" taucht deutlich seltener auf. Beides ist nun durch das gebetsmühlenartig permanent wiederholte neue Mantra "Rezession" ersetzt worden. In der eben angelaufenen Berichtssaison für die Ergebnisse des dritten Quartals 2008 werden schlechte Zahlen als negative Verstärkung, gute Zahlen jedoch nicht mehr als "überraschend gut" oder "erfreulich positiv", sondern allenfalls als "noch positiv" dargestellt - mit schicksalsschwangerer Betonung auf "noch".

Fazit im allgemeinen Konsens: Die US-Krise ist, nach den internationalen Banken, nun auch endgültig in unserer Realwirtschaft angekommen. Ist sie das wirklich? Abgesehen vom Banken- und Finanzsektor könnte man die aktuellen Quartalszahlen beim BIP und aus den Unternehmen durchaus noch als "gut bis teils durchwachsen" bezeichnen. "Deutschland sackt in die Rezession" titelt stattdessen das Handelsblatt, mitsamt einer dramatischen Farbillustration obendrüber, die ein bösartig grinsendes Monster mit Kettensäge zeigt, das sich offensichtlich nach erfolgreicher Zerstörung des im Hintergrund kokelnden Banken-, Finanz- und Börsenviertels nun dem noch unversehrten Industriegebiet in böser Absicht mit gebleckten Zähnen nähert. Andere Medien verkündigen Deutschland derweil "Tränen unterm Tannenbaum" oder drohen dem Bürger halloweenesk mit dem "Gespenst der Großen Depression".

Der graue November scheint zudem ideal prädestiniert, Herz und Hirn per Druckbetankung mit düstersten Zukunftsvisionen zu erfüllen - während der scheue Blick aus dem Fenster eigentlich noch "ganz normale Verhältnisse" und dazu gesunkene Benzin-, Heizöl- und Lebensmittelpreise zeigt. Aber ausgerechnet die, welche als rechtzeitige Mahner eines möglichen Abschwungs versagt haben, profilieren sich jetzt um so lauter als fachkundige Demagogen des drohenden Untergangs. Die psychologische Stimmung ist noch immer weitaus schlechter als die realwirtschaftliche Lage. Die akut reale Gefahr liegt deshalb längst nicht mehr in der inzwischen weitgehend identifizierten, eingedämmten und damit bewältigten Krise selbst, sondern heute vielmehr in einer sich selbsterfüllenden Prophezeihung der Angst vor dem spät wahrgenommenen zyklischen Abschwung - dem ganz sicher in Zukunft auch wieder ein zyklischer Aufschwung folgen wird. Die Stimmung selbst bildet dabei nicht nur meistens die Talsohle, sondern entscheidet auch maßgeblich, auf welcher Tiefe sich diese Bodenbildung abspielen wird. Wichtiger als die stündliche mediale Verkündigung einer schweren Rezession bleibt also die Frage nach Stärke und Dauer derselben.

Dr. Conrad Mattern hat vor einiger Zeit in einer Studie (die mir leider nicht im Wortlaut vorliegt) festgestellt, dass der "exakte" Beginn und das "definitive" Ende einer US-Rezession von der amerikanischen Statistik erst mit erheblicher Verzögerung und nach etlichen Revisionen "endgültig" konstatiert wird. Die Entstehung des Bruttoinlandsprodukts einer großen Volkswirtschaft ist nunmal ein sehr komplexer und nur äusserst umständlich zu erfassender Vorgang. Üblicherweise korrigiert man als Statistiker bei einer kurzen oder langen Revision einer Zeitreihe die entsprechenden Daten - überschreibt also einfach ältere Daten mit revidierten Neuen. Man kann aber ebenso die verschiedenen "Revisionsstadien" als Einzelzeitreihen sammeln und nebeneinander stellen. Dies zeigt und verdeutlich dann den tatsächlich recht langsamen Annäherungsprozeß an die späteren relativ endgültigen Werte. Eine grundsätzlich unkonventionelle, interessante Idee. Im Ergebnis zeigte sich m.W., dass der Beginn einer US-Rezession um ein bis zwei Jahre, ihr Ende um ein halbes bis ein Jahr verspätet endgültig erfaßt und dargestellt werden.

Natürlich existieren auch Untersuchungen zur durchschnittlichen Rezessionsdauer. Und es macht Sinn, sie hier heranzuziehen. Eine US-Rezession dauerte nach 1945 im Schnitt zehn Monate. Nimmt man die volle vorhandene Historie des NBER (National Bureau of Economic research), so ergibt sich seit Anno 1854 eine durchschnittliche Rezessionsdauer von siebzehn Monaten, wobei dieser Zeitraum die Monate des Abschwungs vom letzten Top bis zur endgültigen Talsohle definiert. Näheres zur Vertiefung siehe auf markt-daten.de unter dem folgenden Link:
US - Konjunkturzyklen des NBER
resp. im markt-daten-blog per Suchwort "Rezessionsdauer". Eine vergleichbare auf die deutsche oder europäische Konjunkturzyklik anwendbare Studie gibt es meines Wissens nicht. Die deutsche Wirtschaftsforschung beschränkt sich zunehmend rein prozyklisch darauf, im Aufschwung vom "ewigwährenden Aufschwung mit kleinen Dellen" zu fabulieren und nach allgemein unübersehbar zyklischem Abschwung dann "Rezession! Rezession!" zu schreien.

Auf Basis der beiden obigen Studien und Erkenntnisse läßt sich vermuten, daß der definitve Eintritt der US-Wirtschaft in die laufende Rezession ungefähr im Herbst, spätestens aber zum Winter 2007 erfolgt ist, und sich in absehbarer Zeit durch statistische Revisionen etwa dort einpendeln dürfte. Dieser ungefähre Zeitpunkt wird auch von den beiden führenden US-Wirtschafts-Frühindikatoren jetzt schon eindrucksvoll bestätigt: Der "ECRI Leading Indicator" (weekly) des Economic Cycle Research Institutes rutschte bereits im August 2007 unter seinen Halbjahres-Schnitt und ging ab Oktober schließlich in den steilen Sinkflug über. Der (monatliche) "TCB-US-Leading-Indicator" des Conference Board schwächelte im Jahr/Jahr-Vergleich bereits zum Jahresanfang 2007, erholte sich dann im Jahresverlauf noch einmal zeitweilig und rutschte per September/Oktober 2007 endgültig und zunehmend tiefer unter die Null-Linie. Daten und Charts zu beiden Indikatoren siehe ebenfalls hier auf markt-daten.de. Interessanterweise zeigen sowohl ECRI- als auch TCB-Leading-Indicator im Jahresvergleich bereits wieder ein erstmals leicht ansteigendes Momentum und damit das gleiche "kleine Hoffnungs-Häkchen" vom Tiefpunkt aufwärts, das auch der KID-Oszillator diesseits des Atlantiks für die deutsche Konjunktur aufweist.

Selbst wenn man von einer überdurchschnittlich schweren und weltweiten Konjunkturkrise ausgeht, haben wir also, siehe auch im KID-Verlauf, unzweifelhaft den Großteil des Abschwungs bereits absolviert und hinter uns, auch wenn die Erkenntnis darüber erst vor kurzem plötzlich und intensiv um sich griff. Das vierte Quartal 2008 sowie mindestens noch das erste in 2009 werden mit Sicherheit krisenstimmungsgeprägt schwach ausfallen. Auf Basis der durchschnittlichen Rezessionsdauer sollte jedoch, bestenfalls schon zum Frühling 2009, schlimmstenfalls aber erst im Spätsommer, das Ende der laufenden Rezession bevorstehen. Aussagen wie (Wirtschaftspressezitat) "Der Abschwung wird im kommenden Jahr anhalten!" sind also sehr wahrscheinlich blanker Unsinn, dazu in der momentanen Stimmungslage verantwortungslos - und nebenbei auch noch von vermutlich ungewollter Doppeldeutigkeit: denn der Abschwung wird 2009 voraussichtlich ja tatsächlich anhalten, im Sinne von stoppen, drehen und sich dann wieder nach oben oder zumindest erstmal seitwärts wenden. Auf den Punkt gebracht also: Das Ende ist nah! Nicht jedoch das baldige Ende der gesamten Weltwirtschaft oder des christlichen Abendlandes, sondern lediglich das Ende der laufenden Rezession.

In diesem Zusammenhang erwähnt noch eine weitere neue und interessante Studie von Merrill Lynch zum Thema "Global Economics Risk Ranking": Hier wird anhand von nahezu 5000 (!) weltweiten Einzelindikatoren eine Risiko-Rangliste nach klassischen Kriterien für 100 Volkswirtschaften erstellt. Sie bestätigt, was im Oktober-KID zu den Emerging Markets gesagt wurde. Als die zehn langfristig am wenigsten wirtschaftlich krisengefährdeten Länder ("Bottom Ten" with Lowest Risk) werden Nigeria, Mexiko, Philippinen, Kolumbien, Ägypten, Oman, Indonesien, Peru, Cina und Rußland genannt. Zu den "Top-Ten with Highest Risk" zählen hingegen Australien, Schweiz, Korea, Rumänien, Ungarn, Schweden, Bulgarien, das Euroland, Großbritannien und die USA. Insgesamt sicherlich diskutabel, dennoch ist die Idee der großen BRIC-Schwellenländer (Brasilien, Russland, Indien, China) als Rettungsanker und zukünftig verstärkter Träger der Weltkonjunktur nicht mehr von der Hand zu weisen.

Der November-KID zeigt trotz allem leider noch keine direkt erkennbare Trendwende, abgesehen von dem schon erwähnten zukünftigen "Hoffnungs-Häkchen" im Oszillator für Frühsommer 2009. Stattdessen musste stimmungsbedingt in der heutigen Grafik und bei den Trendlinien noch "nach unten angebaut werden". Immerhin bietet sich damit (grüner Pfeil) wenigstens wieder ein möglicher Stabilisierungs- und eventuell späterer Wendepunkt an, wenn man der oberen kurzfristigen Abwärtstrendlinie C versuchsweise eine untere Trendkanallinie zuordnet. Leider reicht die "neue deutsche Konjunktur" mit ihren Datenreihen nach der Wiedervereinigung nicht weiter zurück, sodaß sich keine wirklich sinnvollen Rückrechnungen auf alte Tiefpunkte im KID anstellen lassen. So muß schlicht noch abgewartet werden, ob sich hier nach krassem Absturz schließlich eine sanfte Landung und anschliessende Wende mit der Zeit herauskristallisiert.

Vergangene Woche wurde die erste Schätzung zum deutschen BIP im dritten Quartal 2008 veröffentlicht: Mit +0.77% zum starken Vorjahr sowie mit leichter Aufwärtsrevision des ersten und zweiten Quartals absolut nicht katastrophal (unter bewusstem Verzicht auf das Wörtchen "noch"). Die Wachstumsdynamik erfüllt dennoch damit inform zweier im direkten Vergleich jeweils schwächerer Quartale in Folge die "amtlichen Rezessionskriterien" - auch wenn das Wachstum im vergleich zum Vorjahr noch positiv ist. Die Null steht erstmals wieder vor dem Komma. Schon Mitte Mai 2008 hieß es dazu an dieser Stelle (Zitat): "Aus "Outlook: Stable" ist im Wonnemonat Mai ein klares "Outlook: Negative" für die deutsche Konjunktur geworden." sowie weiter "... im Jahresverlauf sicher wieder die kleine Null vor dem Komma". Ein extra Volltrefferpunkt für den KID, der per se eigentlich nicht einmal darauf ausgelegt ist, die relative Höhe eines Quartals-BIP vorherzusagen, sondern nur, Trendwenden möglichst früh zu erkennen.

Aus den drei vorliegenden Quartalswerten lassen sich wie jedes Jahr leicht Rückschlüsse auf das mögliche Gesamtjahreswachstum ziehen: im Schnitt der drei Quartale (+0.77 nach +1.91 nach +2.70) ergibt sich ein bisheriger Wert von plus 1.79 Prozent Wachstum gegen Vorjahr. Daraus folgt: eine sehr optimistisch glatte Null im vierten Quartal ergäbe ein Jahresgesamtwachstum von +1.34%, selbst ein drastischer Einbruch auf -2% im Schlußquartal 2008 ließe noch ein Wachstum von knapp einem Prozent per Anno übrig. Beruhigende Erkenntnis als Fazit: Das Wirtschaftsjahr 2008 lässt sich also auch mit viel bösem Willen nicht mehr kaputtrechnen. Möglicherweise richtet sich deshalb der böse Blick vieler Untergangspropheten auch direkt auf 2009 - völlig egal, ob die deutsche Wirtschaft heute auch deutlich viel besser aufgestellt ist als in der Krise 2001-2003. Egal auch, ob die Konsumstimmung der deutschen verbraucher zum November 2008 sogar leicht angestiegen ist und sich damit insgesamt vor dem wichtigen Weihnachtsgeschäft ganz klar weit über den Tiefpunkten der jüngeren Vergangenheit zu stabilisieren scheint. Während die amerikanischen Verbraucher mit Grund und voll Entsetzen auf bündelweise bis zum Limit ausgereizte Kreditkarten starren, hat man hierzulande die Sicherheit einer langjährig stabilen Sparquote im Rücken.

Entsprechend regelrecht zusammengebrochen sind im Berichtszeitraum die Stimmungswerte der amerikanischen Verbraucher und Einkäufer. Sie schlossen teils auf langjährigen Rekordtiefstständen: TCB Consumer Confidence Survey Oktober mit 38.00 nach 61.40 Punkten, Uni Michigan Consumer Sentiment Oktober mit 57.60 nach 70.30 und der Einkaufsmanager-Index ISM-PMI mit 38.90 nach 43.50. Parallel zeigte der Arbeitsmarkt kräftige Bremsspuren, die Arbeitslosenrate sprang auf 6.5 Prozent. Ebenso verhielten sich Help-Wanted-Index sowie die (negative) Zahl neugeschaffener Stellen ausserhalb der Landwirtschaft. Bei extrem schlechten Stimmungswerten liegt jedoch das Überraschungspotential immer auf der Positivseite. Entsprechend folgte "völlig unerwartet" an diesem Freitag statt eines neuerlichen Rückgangs im Mittmonats-Zwischenwert der Uni-Michigan-Verbraucherstimmung ein kleiner Anstieg von 57.60 auf 57.90. Fazit dennoch: Stimmung im Eimer, Lage stabil. Der US-Auftragseingang war bekanntlich in den letzten Monaten durch einen Sondereffekt verzerrt: deutlicher Anstieg bei den "Nondurable Goods" (kurzlebige Verbrauchsgüter) durch den treibenden Effekt radikal zulegender Mineralölpreise auf alle Produkte dieses Sektors, deutlicher Rückgang dagegen bei den "Durable Goods" (langlebige Investitionsgüter). Dieser Effekt schwächt sich nach Fast-Drittelung des Rohölpreises nun wieder ab. Zwar schwer zu beurteilen, dennoch in der Gesamtsumme irgendwo zwischen stabil und allenfalls leicht rückläufig.

Ebenso kompliziert ist die Bewertung des deutschen Auftragseingangs. Zwar wurde hier für September ein historisches Rekordminus von acht Prozent gegenüber Vormonat vermeldet, der Volumenindex des statistischen Bundesamtes zeigte jedoch schon wieder einen kräftigen Anstieg nach den schwachen Vormonatszahlen, und im deutschen Maschinenbau freute man sich gleichzeitig über ein überraschendes Auftragsplus von gut zwei Prozent gegenüber Vorjahr. "Die Stimmung ist viel schlechter als die Lage" muß auch hier das vorläufige Fazit bis zu den Oktoberzahlen lauten. Entsprechend schwach zeigten sich die deutschen und europäischen Einkaufsmanager-Indices.

Auf der Positivseite überraschte dagegen (Sic!) der ZEW-Index: die Zukunftserwartungen der Finanzmarktanalysten sprangen von -63.0 gleich um 9.5 Punkte auf nun -53.5 nach oben. Auch dieser Wert passt nicht wirklich in das negative Stimmungsgesamtbild der Medien. Gespannt darf man daher auf den ifo-Index am 24. November sein. Vermutlich schreitet der hier schon erwähnte notwendige "Angleich" der großen Divergenzen zwischen Lage, Klima und Erwartung nun sehr zügig voran - ein weiteres klares Zeichen auf eine möglicherweise schon bald bevorstehende Wende der Konjunktur.

An der Preisfront war eine langsam zunehmende Beruhigung feststellbar. Die deutschen Verbraucherpreise gaben zum dritten Mal in Folge nach und wiesen zum Oktober noch +2.4 % gegen Vorjahr aus. Bei den Großhandelspreisen lag die Steigerungsrate noch bei +3.6 % nach +5.8 % und +7.4 % zuvor, also ein deutlicher Rückgang. Die Erzeugerpreisdaten für Oktober kommen am 20. November. Man muss hier natürlich berücksichtigen, dass vom Einkauf auf den Weltmärkten über Ferntransport, industrielle Weiterverarbeitung, erneuten Transport, Lagerhaltung, Distribution und schließlich Verkauf an den Endverbraucher ein erhebliches "Time Gap" liegen kann. Inflation dürfte also zunächst wiederum "kein Thema" mehr sein, und wir werden uns auch in den nächsten Monaten wohl noch weiter an sinkenden Lebenshaltungskosten erfreuen. Bevor jedoch das Thema Inflation vorschnell erneut komplett beerdigt wird, sei darauf verwiesen, dass alle Rettungs-, Hilfs- und Sanierungs-Pakete für Banken- und Finanzlandschaft, Konjunktur und Wirtschaft nicht kostenlos sind oder etwa in Zukunft absolut folgenlos bleiben werden. Sobald also eine allgemein breite Normalisierung stattgefunden und das Deleveraging auf den Weltmärkten ein Ende gefunden hat, ist zunächst mit wieder anziehenden Rohstoffpreisen zu rechnen. Später dann wird auch der kurzzeitig unterbrochene langfristige Inflationszyklus fortgesetzt, verstärkt sogar noch durch die krisenbedingt möglicherweise teils kräftig erhöhte Staatsverschuldung. Aber bis dahin vergeht noch einige Zeit.

Aktuell wirken die starken Preisrückgänge an den Weltmärkten dagegen als selbsttätig systemstabilisierendes und zudem völlig kostenloses, gewaltiges Konjunkturprogramm. Hinzu kommen die Pläne der Bundesregierung: eine eher "bunte Mischung" aus verschiedenen Maßnahmen, die allen möglichen Ansprüchen und Interessen gerecht werden möchte. Vorgezogene ohnehin notwendige Staatsausgaben machen zum gegenwärtigen Zeitpunkt natürlich durchaus Sinn, ansonsten sind Konjunkturförderprogramme aber trotz der eleganten 180-Grad-Meinungswende des Sachverständigenrates nachweislich und aus zahlreichen Erfahrungen der Vergangenheit belegt, reine Geldverschwendung. Nützlich wäre vielmehr jetzt der konsequente Verzicht auf alle konjunkturhemmenden Maßnahmen, wie die vorgesehene Erhöhung der Lkw-Maut, das unsägliche "Emissionsrechte-Ablaßhandelsprogramm" zum vermeintlichen Klimaschutz und ähnliches mehr. Ausserdem sehr preisgünstig zu haben ist wie eh und je ein fortgesetzt radikaler Abbau bürokratischer Hemmnisse zwecks steuerneutraler Förderung der Konjunktur, insbesondere beim Mittelstand.

Last not least zu den Märkten: Beim DAX ist zunächst ein fetter Sonderpunkt an die klassische technische Analyse zu vergeben: Das bisherige Intraday-Tief am 24.10.2008 lag mit 4014 nur eine kleine Handvoll Pünktchen über dem hier zuvor erwähnten gleitenden 20-Jahres-Schnitt, anschließend folgte ein gradezu kavalleristisch gleitender 1300-Punkte-Ritt der Daxionäre innerhalb von nur sieben fetten Handelstagen. Das Glück dieser Erde liegt eben doch auf dem Rücken der Pferde.

Aber auch für Fußgänger gibt es tröstliche Signale: da wäre zum einen die mögliche kleine und inverse Kopf-Schulter-Formation, die eine erneute Rallye mit dem erfolgreichen Überschreiten der Nackenlinie unterhalb 5400 Punkten auslösen könnte - sofern (!) das Umsatzverhalten dabei diese Formation auch bestätigt. Ansonsten wäre eine volatile Seitwärtsbewegung geboten, die insbesondere zum Jahresende noch einmal letzte abgeltungssteuerstrategische Kaufgelegenheiten durch ebenso steuerstrategische Jahresendverkäufe zwecks Verlustrealisierung stark gefallener Titel in Aussicht stellt. Früher bezeichnete man diese Werte traditionell als sog. "Sylvesteraktien".

Ausserdem, mit Verweis auf das oben zur Konjunkturzyklik gesagte, liegt erfahrungsgemäß der Tiefpunkt der Aktienindices (der Kurstiefpunkt, also nicht etwa das Ende der konjunkturzyklischen Baisse) zeitlich etwa vier Monate vor dem endgültigen Konjunkturtief. Je nach Zeitfenster sind also durchaus auch ab Anfang 2009 nochmals neue Tiefstände denkbar, ungünstigstenfalls sogar im Bereich bis um 3000 Punkte, auf den sich viele Pessimisten offenbar schon eingeschossen haben. Neben aktuellen Risiken aus negativer psychologischer Selffullfilling Prophecy im kollektiven Handeln gibt es also adäquat auch weitere mögliche Chancen für langfristig orientierte Anleger.

Beim Bund-Future gilt weiterhin der Bereich von circa 114.50 bis 118.50 als aktueller Handelskorridor - sofern nicht ein plötzlicher Ausbruch aus dem bereits "angefressenen" langfristigen Zinstrend ganz neue Dimensionen eröffnet. Im Berichtszeitraum wurde auch der gewünschte zukünftige "Ölpreiskorridor" der OPEC näher definiert: oberhalb 100.- Bremsmaßnahmen, unterhalb von 70.- USD Produktionskürzungen. Auch wenn die aktuelle Situation deutlich niedrigere Notierungen generiert, sollte man sich dieses Preisband evtl. für die spätere Zukunft im Hinterkopf behalten. Ähnliches gilt zum Ende des Deleveraging resp. zum Zeitpunkt einer Normalisierung der Weltkonjunktur sicher auch für andere Industrierohstoffe.

Als kurzes Gesamtfazit aller derzeitigen Märkte gilt: noch immer hochVolatil, kurzfristig riskant, aber auch langfristig chancenreich. Denn hohes Risiko ist oben, vieles ist momentan aber schon ziemlich weit unten. Also keine wirklich schlechten Aussichten eigentlich. Darum lassen Sie sich die beginnende Vorweihnachtszeit nicht von allzuviel düsteren Rezessionsfantasien der medialen Meinungsmacher vermiesen - der nächste Konjunkturfrühling kommt ganz bestimmt!

Thomas A. Spörer

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