von Thomas A. Spörer

Cui bono ?
Die Krise
Cui bono ? Auf den ersten Blick in der momentanen Situation vielleicht ein seltsamer Titel ("Wem zum Vorteil?" bzw. "Wem nutzt es?"). Eigentlich aber noch seltsamer, daß diese Frage bis dato eigentlich nirgends gestellt wurde bzw wird.
Wir erleben momentan, allerdings mit weitaus größerer Wucht als zunächst absehbar, die hier seit Monaten angekündigte "dritte Abwärtswelle" in Konjunktur, Wirtschaft und Märkten. So fragte die FTD am 25.9. adäquat zum letzten KID: "Was haben die Aktienanleger geraucht?" und "Was hat der Dax noch bei 6000 Zählern zu suchen?". Die Antwort der Märkte ließ nicht lange auf sich warten und fiel entsprechend heftig aus. Auch sonst lagen die geäußerten Ideen zum letzten KID nicht ganz daneben, Öl schoß unter Glattstellung übergroßer Short-Positionen mit dem größten Tagesgewinn aller Zeiten zum Kontraktwechsel bis 130.- USD/Barrel in die Höhe und rutschte erst mit zunehmender Panik wieder unter 100.- in Richtung 70.- USD. Gold zeigte ebenfalls den größten Tagesgewinn aller Zeiten und toppte in Euro das Allzeithoch vom Jahresanfang. Die Aktienmärkte brachen weltweit so weit ein, daß Dow und Nikkei seit langer Zeit erstmals wieder deutlich vierstellig notierten. Allein schuld an allem: "die Krise". Milliardenlöcher, Milliardenschäden und Miliardenverluste, wo man auch hinsieht.
Cui bono ? Innerhalb eines in sich geschlossenen Weltfinanzsystems steht jedem Verlust stets auch ein Gewinn an anderer Stelle gegenüber. Kapital verdampft zudem nirgends ins Weltall wie etwa Erdwärme. Solange eine Einzelperson eine Immobilie und ein Aktienpaket erwirbt, anschließend mit Vergnügen einen gewaltigen Wertanstieg miterlebt um darauf folgend mißvergnügt einen hohen Wertverfall zu beobachten, ist eigentlich real garnichts wirklich passiert. Hier jedoch wurde über Jahre in Immobilien, Hypotheken, Krediten etc munter durchgehandelt, gekauft, verkauft, weiterverkauft, beliehen, Kredite mehrfach weiterverkauft, schließlich zu komplexen derivativen Konstruktionen kombiniert, verbrieft und wiederum mehrfach rund um die Welt weiterverkauft. Jeweils mit Gewinn, Patt oder Verlust. Es entstand so zwar weit mehr an Kredit als überhaupt sinnvoll, vernünftig und tragbar - aber kein Verlust bei einem zwischendurch beteiligten Akteur dabei ohne entsprechenden Gewinn der Akteure auf anderer Seite.
Deutsche Medien prägten dazu den (sinngemäß) lapidaren Satz: "Die Bank hatte sich zuvor in großem Stil mit amerikanischen Ramschhypothekenkrediten verspekuliert." Hatte sie ? Ein hunderte oder tausende Milliarden schwerer weltweiter Markt konstruiert und installiert sich nicht selbst, als eine Laune der Natur. Faule Kredite bündeln, vermischen, strukturieren, verbriefen und verkaufen sich auch nicht von allein. Sie entstehen nicht einmal von selbst, ohne dahinterstehend organisiserte Verkaufsstrukturen, ohne Drückerkolonnen und entsprechend viel Werbung und Medienpräsenz - die u.a. von Ex-Notenbankchef Alan Greenspan persönlich unterstützt und gefördert wurde. "Subprime" war kein Naturereignis. Den Letzten beissen bekanntlich die Hunde. Hunderte Milliarden, weltweit gar Tausende von Milliarden Verlust sind inzwischen aufgelaufen und bedrohten als "Kernschmelze" zuletzt das ganze Bank- und Wirtschaftssystem. Wo aber stehen heute die entsprechenden Gewinne ?
Diese Frage kann hier natürlich nicht ansatzweise beantwortet werden, sollte aber wenn dann auf politischer, journalistischer und gesellschaftlicher Ebene unbedingt gestellt werden. Speziell die Medien täten besser daran, jetzt statt unkontrollierter Panikmache wieder das kritisch-investigative Hirn einzuschalten. Was uns bleibt, ist eine schwere Vertrauenskrise. Was die am Ende Staat und Steuerbürger kosten wird, hängt neben strikten Vorgaben an die unterstützten Banken massiv davon ab, wie bald wieder grundsätzliches Vertrauen einkehrt und wie schnell und stark die Erholung des Geldflußsystems, in der Wirtschaft und bei Handel, Konsum und Dienstleistern ausfallen wird. Auch eine Rezession ist kein unabwendbares von Aussen entstehendes Schicksal, sondern erfordert kollektives Handeln bzw Nichthandeln von Millionen Einzelpersonen. Das was wir als "Weltwirtschaftskrise" der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts kennen, heißt im anglo-amerikanischen Sprachgebrauch "The Great Depression" - eine Definition, die den hauptsächlich massenpsychologischen Charakter der Veranstaltung trefflich beschreibt.
Subprime-Profiteur war ohne Zweifel die US-Konjunktur der letzten Jahre seit 2001. Die verantwortungslose Politik des superbilligen Geldes mit massivem Pushen zu teils mehr als nur zweifelhafter Kreditaufnahme und massiven "Mortgage-Cashouts" durch Hypotheken-Umschuldung und Neubeleihung fiktiver Wertsteigerungen hat maßgeblich den amerikanischen "Aufschwung" der letzten Jahre (kredit)finanziert. Es sei an dieser Stelle an einen uralten KID-Kommentar erinnert, in dem sinngemäß zitiert der amerikanische schwerkrank darniederliegende Konjunkturpatient nach 2001 statt mit einer substanziellen Therapie lediglich mit vielerlei Aufputschspritzen künstlich reanimiert und koste es was es wolle zu scheinbarer Munterkeit gebracht werden soll. Inzwischen kostet es tatsächlich, und der Patient ist dadurch längst zum Zombie mutiert, der beinahe die ganze Welt an den Rand des wirtschaftlichen Abgrunds gebracht hat.
Der gesamte letzte US-Aufschwung dürfte mehr oder weniger ein einziger Fake gewesen sein, sowohl durch seine nachweisliche Kreditfinanzierung von mehr als einem Dollar Neuverschuldung pro einem Dollar Wirtschaftwachstum, als auch durch die unzweifelhaft getürkten bzw "hedonischen" US-Wirtschafts- und Wachstumsdaten. Die amerikanische Kriegsfinanzierung des "War on Terror" der Bush-Administration bzw die Rüstungsindustrie insgesamt gehört dadurch sicher auch zu den Gewinnern. Zwar wirkt eine explodierende Bombe oder Granate wie pure Geldvernichtung, verbrennt zwar Steuergeld jedoch kein Kapital, denn ihr wirtschaftlicher Gegenwert verbleibt im System, sofern die Bezahlung ordnungsgemäß erfolgt ist.
Statistisch nachweislich und völlig unbestreitbar haben die USA in den letzten Jahren verschäft sowohl ihre Schulden weltweit expatriiert als auch vorhandenes US-Auslandskapital parallel repatriiert. Mit deutlichen Steuervorteilen ("Tax Reductions for Repatriated Foreign Earnings") wurde US-Auslandskapital via mehrerer zeitlich verlängerter "Acts" aus der Welt zurück in die Vereinigten Staaten geholt. In den offiziellen "Flow of Funds Accounts" der FED kann man sehen, daß parallel der ausländische Anteil an US-Gesamtschulden seit 1985 von 4% über im Jahr 2000 gut 8% auf inzwischen zuletzt über 15% dynamisch angewachsen ist. Der langfristige Durchschnitt seit 1950 liegt (inclusive des Anstiegs) bei nur knapp 5%, hat sich also in den letzten Jahres glatt verdreifacht.
Mehr als 50% der US-Treasuries befinden sich inzwischen in ausländischem Besitz, zumeist bei staatlichen Zentralbanken. Im Subprime-Kreditgiftmüllbereich dürfte dieser Anteil nochmals deutlich höher liegen, das zeigt schon die Tatsache, daß allein nur das deutsche "Bankrettungspaket" fast so milliardengroß ist wie das gesamte US-amerikanische. Hinzu kommt schließlich noch das US-Handelsbilanzdefizit. Noch Anfang der 90iger Jahre war die US-Bilanz ausgeglichen, seitdem hat sich ein Defizit von grob durchschnittlich 60 Mia USD entwickelt - pro Monat, und somit permanent aufzuaddieren. Die US-Gesamtverschuldung beträgt heute über 50 Billionen Dollar, und damit dem dreieinhalbfachen eines ganzen US-Jahresbruttoinlandsprodukts. Amerika hat zunehmend hemmungslos völlig über seine Verhältnisse gelebt und die unvermeidlichen Folgen zum Teil direkt auf den Rest der Welt mit abgewälzt.
Es geht hier wohlgemerkt nicht darum, Anti-Amerikanismus zu bedienen oder noch weitere Verschwörungstheorien zu entwickeln. Es geht um Zahlen und Fakten, nicht um theoretische Annahmen oder Vermutungen. Der "Gesamtkomplex Subprime" mitsamt seinen zweifellos gut durchorganisierten Strukturen von staatlich bzw FED-geförderter Megakreditvermehrung über komplexe Kreditderivatverbriefung bis zum ebenso falschen wie semi-offiziellen Rating der drei großen US-Agenturen und massenhaftem Abverkauf in alle Welt verteilt, ist natürlich nicht rein zufällig irgendwo aus dem absoluten Nichts entstanden. Bereits die stille Übereinkunft einiger Firmen, aus wirtschaftlichen Gründen ein kleines Kartell zum eigenen Vorteil und zum Nachteil Dritter zu bilden, erfüllt alle Kriterien einer klassischen Verschwörung - in der Praxis, nicht etwa nur als reine Theorie. Ergo cui bono ? Und wo innerhalb des in sich völlig geschlossenen Weltfinanzsystems stecken nun die realen Gegenwerte der Gewinne der einen Seite zu den unübersehbar aufgelaufenen Verlusten der anderen ?
Von möglichen heimlichen Gewinnern zu überwiegend offensichtlichen Verlierern:
In den Medien wurde die Banken zuletzt gern und oft als "das Herz der Wirtschaft" bezeichnet - welch grenzenlose Übertreibung! Das "Herz der Wirtschaft" sind und bleiben schlicht die Menschen und die Unternehmen, insbesondere der tragende Mittelstand, dem politisch gern immer mehr Lasten einerseits für die Privilegien der internationalen Großkonzerne sowie andererseits für die ausreichende Grundversorgung der einkommensschwachen Schichten aufgebürdet werden. Banken sind lediglich dezentrale Dienstleister, beim Vergleich der Wirtschaft mit einem lebendigen Organismus allenfalls vielen kleinen Pumpstationen im Gefäßsystem gleichzusetzen, die normalerweise den Geldkreislauf in Gang halten. Durch grenzenlose Selbstüberschätzung hat sich hier zwar ein kurzfristig lähmender Stau gebildet, das System an sich wird aber (inzwischen staatlich) garantiert überleben - was man von der einen oder anderen Bank nun wahrlich nicht sagen kann.
Die Grundaufgabe und das eigentliche Hauptgeschäft einer Bank besteht ganz trivial im Geldeinsammeln gegen Zinsen sowie im Wiederzurverfügungstellen dieses Kapitals gegen höhere Zinsen als Kredit an investitionswillige Bürger, Kommunen, Unternehmen und Institutionen. Von diesem einfachen Prinzip ist man in den letzten Jahren zunehmend krass abgewichen. Nur noch ein Bruchteil des "Kerngeschäfts" und der Bilanzsummen vieler Institute bezog sich auf diese einfache und relativ gering ertragreiche Dienstleistung. Staatdessen wurde in zunehmend gigantischen Ausmaßen bei winziger Eigenkapitalquote mit immer mehr des anvertrauten Kapitals, zusätzlich dazu auf wachsenden Kredit und mit entsprechend hohem Hebel investiert, spekuliert und auf immer komplexere derivative Strukturen gewettet. Heraus kamen "Traumrenditen", gerechnet gegen das wirtschaftliche Eigenkapital, üppige Gehälter plus Boni für die beteiligten Topmanager. Nicht genug, wurden schließlich quasi konspirativ noch ausserbilanzielle "Zweckgesellschaften" ins Leben gerufen, die praktisch ohne jedes Eigenkapital mit riesigen Milliardensummen auf dünner Basis kurzfristiger Refinanzierung herumhebelten und ihre Erträge anschließend den Muttergesellschaften überwiesen.
Das ganze erinnert fatal an die Japan-Krise. Viele japanische Unternehmen spekulierten in den 80iger Jahren hemmungslos in großem Umfang an den Aktienmärkten - direkt, in diversen Überkreuzbeteiligungen oder zunehmend gehebelt mit "japanischen Optionsscheinen", und selbstverständlich zunehmend "all-you-can-eat" auf Kredit. Nikkei und Topix stiegen dadurch wie vorprogrammiert in ungeahnte Höhen, die Spekulations(buch)gewinne überstiegen zeitweise bei Weitem alle Erträge aus gewöhnlicher Geschäftstätigkeit. 1990 überschritt der Nikkei 225 die 40.000-Punkte-Marke, kurz darauf fiel das ganze Kartenhaus zwangsläufig schrittweise in sich zusammen und hat sich seitdem nie wieder wirklich erholt. Auch nach zwanzig Jahren notierte der Nikkei letzte Woche im Tief noch bei nur gut zwanzig Prozent seines früheren Höchststands von 1990. Der Versuch 2007 den abwärts gleitenden Zwanzig-Jahres-Schnitt doch wieder zu überwinden scheiterte (Stichwort "japanischer Sargdeckel"). Auch hier wurde das eigentliche "Kerngeschäft" der Unternehmen von einer riesigen Welle hemmungsloser Spekulation überschwemmt, zurückgedrängt und teils dadurch gründlich ruiniert.
Vornehmliche und vornehmste Aufgabe der Politik dürfte daher in unmittelbarer Zukunft weniger eine "Neue Weltfinanzordnung" sein, sondern vielmehr die einfache aber direkte Rückführung des jeweils nationalen Bankensystems auf seinen eigentlichen Zweck und seine Bestimmung als "Kredit-Institut" anstelle mehr oder weniger konspirativer Milliardenzockerei mit hochgehebeltem Fremdkapital, zuletzt demonstrativ bis zum möglichen Beinahe-Exitus des Gesamtsystems. Das "Rettungspaket" selbst kann dabei garnicht anders, als zunächst einmal die schwärzesten Schafe sogar noch zu bevorteilen, indem man sie trotz erwiesener Kombination von Unfähigkeit mit Verantwortungslosigkeit im Interesse des Ganzen erstmal weiter am Leben erhält.
Ein zweiter Schritt muß jedoch unbedingt wieder für Gleichberechtigung und Chancengleichheit im Wettbewerb der Banken sorgen. Durch das lange Unterschätzen des Ausmaßes der Krise und teils einzelne separate Rettungsmaßnahmen und Garantien ist ein schönes "Kuddelmuddel" entstanden: Da gibt es kleinere sowie Spezialbanken die grundsätzlich konservativ, seriös und verantwortungsbewußt mit dem ihnen anvertrauten Geld umgegangen sind, andere haben in kontrolliertem Maß spekuliert und danach ordnungsgemäß bilanziert und abgeschrieben, einige haben heimlich oder offen mit Zweckgesellschaften operiert, diese zum Teil schnell wieder zurück auf die Bilanz genommen, wieder andere haben offenbar bis zuletzt noch gelogen, Zweckgesellschaften und Bilanzrisiken verschleiert oder versteckt. Hier dürfte ein Ausmisten des Augiasstalls anstehen, nach dem einerseits wieder einheitliche Bewertungskriterien für die Banken zu schaffen wären, anderseits die seriösen Institute nicht ausgerechnet zugunsten der verantwortungslosesten massiv im Wettbewerb benachteiligt werden. Zwiespältig ist dabei auch das angestrebte neue Bilanzierungsmodell, Verluste bei quasi endloser Haltedauer zum Einstandspreis zu bewerten. Niemand sollte darauf hoffen, daß amerikanischer Subprime-Kreditgiftmüll in Zukunft jemals wieder nennenswerte Preissteigerungen verzeichnen bzw. einen Verkaufserlös nahe Einstand erzielen wird. Auch hier muß in der Bewertung zu transparenter Einheitlichkeit zurückgefunden werden.
Zumal das schlechte Beispiel offensichtliche auch noch ganz unerwartete Kollateralschäden produziert hat: So versenkte die "Evangelische Landeskirche Oldenburg" ebenso hohe Millionensummen aus Steuer- und Spendengeldern ihrer Schäfchen in der Pleite von Lehman Brothers, wie der Stadtkämmerer von Hagen in durch vertrauensvoll qualifizierte deutsche Bankberatung vermittelten günstigen Zinsderivat- und Swapgeschäften aus der Stadtkasse versenkt hat. Beides sind keine Einzelfälle. Und beides nun wirklich auch kein Anlaß, schärfere Kontrollen der Spekulation an den internationalen Finanzmärkten zu fordern. Diese regulieren sich in der Regel nämlich ganz natürlich selbst. Vielmehr müssen zukünftig lediglich unbedarfte Funktionärstrottel vehement daran gehindert werden, mit dem ihnen anvertrauten Geld unkontrolliert an Märkten herumzuzocken von denen sie nichts verstehen. Völlig versagt haben dabei offensichtlich sämtliche heute schon vorhandenen Kontrollgremien, von der "Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht" BaFin als zuständiges Amt für Kreditwesen- und Bankenaufsicht über das Risikomanagement der Banken bis hin zu den "Aufsichtsräten" der politisch kontrollierten Landesbanken als Anstalten öffentlichen Rechts.
Spätestens seit Gustave LeBon ("Psychologie der Massen") und Elias Canetti ("Masse und Macht") wissen wir, daß die Schaffung eines Klimas von Verunsicherung, Angst und Panik stets bestens geeignet ist, um den Menschen das vermeintliche Heil einer "Neuen Ordnung" schmackhaft und zuträglich zu machen. "Strategie der Spannung" (Strategia della Tensione) nennt sich die entsprechende politische, nachrichtendienstliche oder militärische Taktik. Ein wenig achtgeben sollte man also schon, ob die kurz nach dem Höhepunkt der Krise wie Deus ex Machina plötzlich aus dem Hut gezogene geplante "Neue Weltfinanzordnung" mehr dazu dienen wird, die "freien Weltmärkte" grundsätzlich völlig unter politische Kontrolle zu bringen oder lediglich ihren Mißbrauch durch kriminelle oder schlicht zu dämliche Elemente zukünftig weitmöglichst zu unterbinden. Daß keine direkte Verstaatlichung des gesamten Bankwesens erfolgen soll, ist schonmal ein gutes Zeichen. Auch der geplante und abgesagte Börsengang der Deutschen Bahn schafft im Grunde Vertrauen in gewohnte Beständigkeit - hier wenigstens aufgrund seiner einjährigen Verspätung. Vielleicht ja dann im nächsten Sommerfahrplan.
Trotz allem Chaos und Elend gibt es aber auch gute Nachrichten: die Subprime-Krise ist beendet. Der ungefähre Zeitpunkt war sogar im Voraus schon berechenbar, wie die folgende inzwischen dreizehn Monate alte Grafik anschaulich belegt (zum Betrachten einfach kurz im neuen Browserfenster öffnen).
Die Säulen zeigen das monatliche Volumen an Subprime-Hypotheken mit anstehender Zinsanpassung, ergo mit meist vorab gesichertem Platzen des selbstmörderischen Finanzierungsmodells. Sie müssen als Schadenssumme insgesamt aufaddiert werden. Danach haben wir kürzlich beinahe den absoluten Höhepunkt gesehen, ab jetzt trocknet dieser Markt rapide fast völlig aus, weil (Zitat einer deutschen Großbank) "sich das gesamte Geschäftsmodell nicht bewährt hat". Insofern fielen Höhepunkt der Krise und Höhepunkt des maximalmöglichen Gesamtkollateralschadens zeitlich ziemlich direkt aufeinander und waren im logischen Zusammenhang somit fast absehbar. Neue Katastrophen wird es aus dieser Richtung ergo nicht mehr geben. Zwar werden aus Kreditkarten- u.a. Schulden, aus wenigen immernoch geschönten Bankbilanzen und dunklen Kellertresoren noch einzelne Un-Fälle nachgemeldet werden, aber insgesamt ist das Thema damit und aufgrund der umfangreichen Rettungsaktionen erledigt. Fehlt nur noch der Glaube bzw. die wie üblich verspätet zu erwartende allgemeine Erkenntnis. Die Subprime-Krise ist endgültig vorbei, die Kredit- und Liquiditätskrise soeben mit viel Mühe behoben - was bleibt ist die erwähnte Vertrauenskrise mit ihren möglichen negativen Auswirkungen auf die Realwirtschaft. Sie ist nicht mit Geld oder Konjunkturprogrammen zu lösen, sondern nur über die baldige Rückkehr zu Vertrauen und Vernunft.
Die Konjunktur
Der Blick auf den heutigen KID-Indikator zeigt dem regelmässigen Leser wenig Neues. Die schon Mitte Mai rechtzeitig erkannte und hier prognostizierte "dritte Abwärtswelle" ist unübersehbar mit voller Wucht eingetroffen. Insgesamt sehen wir damit nun eine Abwärtsbewegung, die in der Intensität der aus den Jahren 2000 bis 2001 gleichkommt, nur daß sie sich, wie auch der Aufschwung zuvor in Wellenform gestaltet hat und in der deutschen Realwirtschaft (blaues "BIP-Gebirge") relativ verspätet angekommen ist: zeitlich verzögerter, aber sehr kräftiger Aufschwung, Gipfel schon im Jahr 2006, danach treppenförmiger Abstieg bis heute, und leider noch kein Wendepunkt in Sicht.
Wichtig dabei ist, daß es sich beim momentanen Geschehen mehr als deutlich sichtbar eigentlich um einen völlig normalen zyklischen Vorgang in der Konjunktur handelt. Oberflächlich betrachtet bestimmt absolut "die Krise" als Ursache, Erklärung und Universalbegründung das (Medien-)Bild. In Wirklichkeit durchlaufen wir aber lediglich den jedem Aufschwung völlig natürlich folgenden Abschwung. Dies sollte man bei aller aktuellen Emotionalität nicht vergessen, und nach jedem zyklischen Abschwung mitsamt Bereinigung vorheriger Übertreibungen folgt erfahrungsgemäß auch wieder ein neuer Aufschwung, wenn auch in unterschiedlicher Qualität. Schon 2000 bis 2003 sahen wir zuerst einen klaren oberen Wendepunkt und Abwärtstrend in der Realwirtschaft, aus dem sich zeitversetzt dann Börsenbaisse, schließlich Panik, Nullwachstum und als oberflächliche Begründung die New-Economy- und DotCom-Krise entwickelten. Anschließend folgten dem Tiefpunkt März 2003 bis Ende 2007 fünf sehr erfreuliche Jahre für Wirtschaft und Aktionäre. Jeder Aufschwung bietet wieder Gelegenheit zu spekulativen Blasen, jeder Abschwung produziert seine begleitenden Krisen.
Natürliche regelmässige Konjunkturzyklik bestimmt das Geschehen. Sie schafft in jedem Aufschwung neue Erwartungen und Hoffnungen in Wirtschaft, Politik und Märkten mit meist entsprechenden Überreaktionen und Handlungen. Der Gipfel- und Wendepunkt wird dabei all zu gern übersehen und meist sehr erfolgreich verdrängt (typisches Zitat: "lediglich eine kleine Delle im (diesmal ewigwährenden?) Aufschwung"). Plötzliche Erkenntnis des längst laufenden Abschwungs mitsamt Platzen aller Träume, Illusionen und spekulativen Blasen löst dann umgehend als Folge übertriebene Ängste, emotionale Krisen und depressive Reaktionen aus. Wir stehen eben zu gern nur auf der angenehmen Sonnenseite des Lebens, ignorieren die zugrundeliegende Zyklik im regelmässigen Auf und Ab und zeigen dabei die bekannten psychologischen Verhaltensmuster zwischen Gier und Angst sowie Euphorie und Panik. Schärfere politische Kontrolle des regelmässigen Sonnenauf- und Untergangs ist da auch nur scheinbar hilfreich, und einer der schicksalsschwangersten Sätze lautet: "Aber diesmal ist doch alles anders!".
Trotzdem läßt sich beim KID heute etwas beobachten, was in der aktuellen Grafik ausnahmsweise garnicht direkt sichtbar ist. Dazu muß man mit etwas Abstand die Gesamtentwicklung in den letzten Grafiken heranziehen: Die wichtige Aufwärtstrendlinie A wurde bereits Mitte Juli "gerissen" und nach unten unterschritten. Seitdem hat sich die heftige "dritte Abwärtswelle" bis dato über drei Monate nicht mehr großartig beschleunigt fortgesetzt. Trotz heftiger Schwankungen und zwischenzeitlichen Erholungsversuchen bewegen wir uns nach wie vor um die horizontale rote "Bottom-Line" früherer Tiefs herum. Im KID-Oszillator ist aktuell noch ein winziges Hoffnungshäkchen verblieben (grüner Pfeil). Daß sich auf Basis der Tiefpunkte (rote Linie) nun sofort eine schnelle Trendwende entwickelt, darf ernstlich bezweifelt werden. Hier werden die anstehenden Stimmungsindikatoren der nächsten Zeit sehr wahrscheinlich mindestens noch einen Ausreißer nach unten generieren. Wie kräftig und folgenschwer dieser ausfällt, liegt mit in der Verantwortung unserer "Meinungsbildner", Politik und Medien.
Weiterhin zeigt der Vergleich von KID mit "hartem KID" überdeutlich: Die Stimmung ist momentan weitaus schlechter als die Wirkliche Lage in der Realwirtschaft. Es besteht aber (Zitat: "Stimmung zieht Realwirtschaft") die akute Gefahr, daß diese panisch-depressive Stimmung als losgelöster Selbstläufer wider alle Vernunft weitere unnötige Folgeschäden verursacht. Die eigentliche Krise ist inzwischen "durch", das Bewußtsein ist plötzlich da, die Aufräumarbeiten können beginnen, der Rest ist Psychologie. Dort liegt vornehmlich das aktuelle Risiko-Potential im System: Wenn alle panisch auf eine Seite des Bootes rennen, neigt es sich automatisch immer weiter in diese Richtung, notfalls auch bis zum Kentern. Ursache des Untergangs ist dann aber oft nicht das eigentlich zugrundeliegende Ereignis, sondern das daraus resultierende kollektive Massenverhalten. Insofern liegt die Gefahr jetzt nur noch in der allgemeinen Vertrauenskrise, bei der die Weltwirtschaft durch lähmende Sorge um das weitere Wohlergehen der Weltwirtschaft heruntergebremst wird. Angst ist nie ein guter Berater, Angst vor der Angst wird schlimmstenfalls ein eigener Kreislauf.
Eine quasi negative "Self-fullfilling Prophecy", die von den Medien derzeit auch noch übermässig fleissig weiter geschürt wird: Selbst "Radio Neandertal" berichtet seit Tagen fast pausenlos nur noch über "die Finanzkrise" und vernachlässigt dabei ohne Zweifel wichtige Nachrichten aus dem Kreis Mettmann. Auch das Herbstgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute trägt noch neue wichtige Erkenntnisse zur aufschäumenden Mediendebatte bei: Endlich hat man dortselbst auch Krise und Abschwung rückhaltlos erkannt, nachdem sogar BILD-Zeitung und Lokalradio pausenlos davon berichten, und bietet darob nun zwei Zukunftsszenarien zur Wahl: Also entweder gibt es vielleicht garkeine richtige Rezession in Deutschland, oder es gibt eventuell doch noch eine ganz heftige Rezession. Damit kann man vorausschauend planen. Wachstumsprognose 2009 liegt bei +0.2 oder auch -0.8 Prozent. Von da aus kann man dann im Zeitlauf je nachdem gut nach oben oder unten weiterrevidieren. Von Zyklik und Trendwenden oder Psychologie der Massen keine Rede. "Ich weiß daß ich nichts weiß!" sprach Sokrates und wußte damit schonmal deutlich mehr als die, die nicht wissen daß sie nichts wissen. Zumal das Zitat auch noch wissentlich bei Platon geklaut war.
So oder so wird uns der zeitliche Nachlauf vieler Datenreihen sicher noch eine ganze Weile weiter beschäftigen. So steht z.B. der deutsche Auftragseingang für den denkwürdigen Panik-Monat Oktober 2008 erst im Dezember zur Veröffentlichung an und könnte dann erneut die vorweihnachtliche Stimmung eintrüben und belasten. Dadurch und wegen des großen Abstands zwischen KID-Indikator und seiner kurzfristigen Abwärtstrendlinie C sollte man sich auf Seitwärtskonsolidierung und dann bestenfalls eine zögerliche mittelfristige Erholung einstellen, sobald der aktuelle psychologische Schock überwunden wird. Der aktuelle deutsche Auftragseingang (vom August) trug erneut Widersprüchliches in sich: Während nach Bundesbank-Zahlen erstmals nach acht schwachen Monaten wieder ein überraschend kräftiger Anstieg zu verzeichnen war, vermeldeten die Destatis-Zahlen mit anderem statistischen Basisverfahren eine deutlich schwächere Tendenz. Erst der folgende Monat dürfte wieder mehr Klarheit bringen, letztendlich jedoch wird es sich angesichts der derzeitigen Stimmung nur um einen Ausreißer nach oben gehandelt haben.
Alle Stimmungsindikatoren wie erwartet grottenschlecht, Besserung scheint hier erst in Sicht wenn sich Erwartungs- und Lagekomponenten stärker angenähert haben sodaß sich ein neuer zyklischer Wendepunkt bilden kann. Schwach auch die Einkaufsmanager-Indices, sowohl im Euroland (45.0 nach 47.6) als auch in USA (43.5 nach 49.9). Erwähnenswert noch der Baltic-Dry-Index (Frachtraten-Preisindex der Standard-Schifffahrtsrouten), der von über 11.500 auf zuletzt noch 1.500 Punkte regelrecht zerbröselt ist. An der Preisfront nur leichte Beruhigung, angesichts einbrechender Öl- und Rohstoffnotierungen dürfte hier aber noch weiteres Potential bestehen - die mögliche Rezession überlagert hier zunächst alle inflationären Tendenzen deutlich. Und sorgt zudem für eine gewisse Selbstheilungs- und Regulierungswirkung, auch wenn diese in der allgemeinen Panik noch garnicht wirklich wahrgenommen wird. Grundsätzlich liegt bei Stimmungsextremen das Überraschungspotential ausserdem stets auf der Gegenseite, beim momentan emotionalen Tief also ganz klar im zukünftig positiven Bereich.
Die Märkte
Der DAX verließ im Sell-Off mit großem Getöse und Volumen die zuvor angezeigte Bandbreite an der Unterseite bei 5000 Punkten. Das Tief der Crash-Bewegung lag bei 4308 Punkten. Nimmt man den Sondereffekt einer überdimensional gestiegenen und übergewichtigen VW-Aktie gedanklich heraus, wurde "bereinigt" dabei schon fast der gleitende 20-Jahres-Schnitt bei derzeit rund 3970 Punkten berührt. Er bleibt uns, leicht ansteigend, als wichtige Unterstützung erhalten, gemeinsam mit der psychologisch wichtigen 4000er Marke und etlichen Horizontal- und Kreuzunterstützungen.
Die Aktionäre zeigten wiederum deutlich das vor Jahren in der Untersuchung "Konjunktur und Aktienmarkt" (hier zu finden im Bereich "Hintergrundwissen zum KID-Konjunktur-Indikator") beschriebene Verhalten (Zitat): "... vorzugsweise emotional und "unvernünftig" ... schwankend zwischen langem ängstlichem Zögern und ebenso zu langer euphorischer Übertreibung oder fast bockigem Beharren gegen den Trend der realen Wirtschaft." So auch diesmal wieder: seit vielen Monaten zeigt der KID einen zunehmend kräftigeren Abschwung der Konjunktur, zum Jahresanfang wurde der DAX-200-Tage-Schnitt nach unten durchbrochen und drehte unmittelbar seine Richtung in die Baisse, im Frühsommer folgte nach klassischem Pullback das endgültige Unterschreiten sogar des 2-Jahres-Schnitts mit erstmaligem Erreichen der 6000er Marke - trotzdem herrschte noch allgemeine Sorglosigkeit, die nun erst kürzlich in Panik und Ausverkauf umschlug.
Letztendlich regelrecht skurril dabei die Risiko-Einschätzung:
Das Balancieren oben auf dem Dachfirst (langfristiges DAX-Doppeltop sowie 2007 dazu kurzfristiges Dreifachtop über 8000 Punkten) erschien angesichts der geschätzten zukünftigen Unternehmensgewinne und eines trotz allem und längst aufziehender Krise endlos weiterlaufenden und propagierten "Aufschwungs mit kleiner Delle" wenig riskant. Selbst der charttechnische Bruch des primären Aufwärtstrends seit 2003 beunruhigte die Gemüter nur marginal. Inzwischen, nachdem der Absturz vom Dach unterwegs auf einer Markise zum Stehen kam, wird das Risiko aktuell eher zu hoch eingeschätzt. Die Volatilität liegt auf Rekordniveau über 80% ("V-DAX neu"). Zwar besteht durchaus noch die Möglichkeit eines weiteren Falls, jedoch niemals mehr so tief wie von 8200 Punkten und mit langfristig gesehen stark verbessertem Chance/Risiko-Verhältnis. Die Konjunktur gibt häufig und immer wieder dem Aktienmarkt die Trendrichtung vor, die angenommene "Leaderfunktion" der Aktionäre VOR der Realwirtschaft ist reine Illusion.
Keine Illusion dagegen ist die quasi "historische Chance" für konservative und eher passive Langfrist-Investoren, den DAX mittels "Abgeltungssteuer-Strategie" noch bis Jahresende vergleichsweise zum "fast halben Preis" einzukaufen und mittels der bekannten Kostolany-Empfehlung ("Schlaftablette nehmen und einfach jahrelang Liegenlassen") die Krise zur steuerfreien Langfristanlage zu nutzen. Mit entsprechender Vorsicht, mit Kapital das ggf. auch sehr langfristig gebunden werden kann, mit grundsoliden Value-Aktien, mit viel Geduld und/oder einer zeitweiligen Hedge-Strategie bei jetzt möglichen weiteren und auch späteren Markt-Turbulenzen. So gesehen bietet der Markt stets ein ausgewogenes Chance/Risiko-Verhältnis: Vor (und nicht etwa in) jeder Krise wachsen die Risiken, in der Krise selbst entstehen dagegen umgehend die Chancen. Manche nennen es auch "Schmerzensgeld": Erst die Schmerzen, dann das Geld.
Leicht unverantwortlich und unüberlegt zeitweise sogar die "technischen Kommentare" zum Markt, die teils von "noch nie dagewesener Situation" und "unkalkulierbarem Risiko" sowie "Kontrollverlust aller Indikatoren und Techniken" sprachen. Dabei ist das Funktionsprinzip eines Crash doch stets wieder das Gleiche: Risiko und Chance. Durch diese Selbstregulierungskräfte des Marktes finden sich auf bestimmten Levels zu mehr oder weniger stark ermäßigten Preisen jedesmal wieder Käufer, die bereit sind zum aktuellen Kurs ins Risiko zu gehen, um die entstandenen Chancen kurz- oder langfristig für sich zu nutzen. Grade die technisch orientierten Systeme bieten dafür zumindest konkrete Anhaltspunkte in vielerlei Hinsicht, von der täglichen Marktstatistik zur Einschätzung von Abgabedruck und Kaufbereitschaft bis zur klassischen technischen Analyse mit ihren bewährten Methoden.
Das "Rettungspaket" brachte uns eine erste Stabilisierung, trotzdem hängt die weitere Aktienmarktentwicklung jetzt vornehmlich an der schon hinreichend erläuterten "Psychologie der Massen" (und Medien). Zwar liegt das emotionale Überraschungspotential mittelfristig auch hier auf der Positivseite, trotzdem sind noch weitere Turbulenzen oder ein längere Phase des unentschlossenen Dahinbröckelns nicht auszuschließen. Der grade unterschrittene 8-Jahres-Schnitt verläuft nur ganz sachte fallend um 5130 Daxpunkten in der Langfristbetrachtung fast waagerecht und könnte sich mitsamt der 5000er Marke zur Wegscheide für den zukünftigen Trend oder eine volatile Seitwärtsrichtung entwickeln. Darüber liegen schön gleichmässig verteilt der 4-Jahres-Schnitt bei 6100, der 2-Jahres-Schnitt knapp über 7000 und der kräftig fallende 200-Tage-Schnitt bei derzeit noch 6500 Zählern.
Nach unten bietet sich wie oben schon erläutert um 4000 Punkte herum incl. des 20-Jahres-Schnitts eine sehr mächtige Unterstützungszone - wie allein schon der Blick auf den DAX im gesamten zähen Jahresverlauf von 2004 mehr als deutlich macht. Die US-Leitbörsen könnten in näherer Zukunft eine neue Zusatzfunktion als "Verleitbörsen" mit eher negativem Einfluß auf andere Aktienmärkte entwickeln - in dem Sinn, daß die größeren strukturellen und psychologischen Probleme ohne Zweifel in Amerika liegen, wo sich wohl oder Übel breite Bevölkerungsschichten zwangsweise zum unvermeidlichen Verzicht auf den geliebten kreditfinanzierten Konsum durchringen müssen. Auch mit sog. "Verleiderverkäufen" ist allgemein noch zu rechen, also Verkäufe von schwer enttäuschten Anlegern, die zwischen 2003 und 2008 irgendwo "auf halbem Wege" eingestiegen sind und bei einem Wiederanstieg den Markt zu ihrem früheren Einstandskurs entschlossen und heilfroh halbwegs Plusminusnull verlassen wollen. Für Crashgurus und abgründige Pessimisten noch erwähnt: Der allerletzte und allerunterste intakte Trendkanal beim DAX (vom Oktobertief 1987 über den Tiefpunkt März 2003) verläuft derzeit im Bereich von ca. 2670 Punkten.
Technisch absolut mustergültig verhielt sich auch der amerikanische S&P500-Index. Sein bisheriges Krisentief 2008 lag als Tagesschlußkurs am 10.10. bei 899 Punkten, sein gleitender 20-Jahres-Schnitt an diesem Tag nur 9 Pünktchen höher bei 908 Punkten (ohne Gewähr nach Berechnung mit Tagesschlußkursen aus eigener Datenbank). Das Tagestief am 10.10. fand etwas darunter bei 839 Zählern statt, zum Börsenschluß obsiegte aber der "Magnetismus" des Langfristschnitts. So oder so eine absolut präzise Punktlandung trotz des hochvoluminösen und überaus hektisch-chaotischen Handels. Crashartige Bewegungen sind stets und immer wieder die große Stunde der Langfrist-Charts, der wichtigen jahrzehnte-alten Langfrist-Trendkanäle, der großen historischen Horizontalwiderstände und der ganz langen gleitenden Durchschnitte.
Festzustellen war ausserdem ein eindeutiger "Home Bias", also schnelle Flucht aus vielen "exotischen" Investments zurück in die wohlvertrauten Heimatmärkte. Sofern der Weltuntergang aber ausbleibt und sich in der Weltkonjunktur und an den Weltbörsen eine deutliche Stabilisierung und allgemeine Bodenbildung einstellt, werden grade diese Volkswirtschaften und ihre Aktienmärkte wieder neue dynamische Chancen bieten. Im Gegensatz zu den hochverschuldeten und langsam aber sicher überalternden westlichen Industriegesellschaften findet hier auch in Zukunft reales Wachstum statt. Amerika wird sicher einen Teil seiner früheren und zum Schluß teilweise nur noch getürkten Führungsrolle verlieren und über einen längeren Zeitraum die strukturellen Schäden im eigenen Land mühsam beseitigen müssen. Die großen Schwellenländer stehen dagegen bereit, einen Teil dieser vakanten Führungsposition zu übernehmen und mit ihrem Wachstum und vermehrtem Konsum die Weltwirtschaft insgesamt zu stabilisieren.
Ungewohnt heftige Turbulenzen auch am Rentenmarkt. Ein ansonsten unter Aktionären eher als Senioren-, Witwen- und Waisen-Markt belächeltes Segment probte den unmittelbar bevorstehenden Weltuntergang. Situationsbedingt ohne jeden Sinn und Verstand: Einerseits heillose Flucht in Bundesanleihen - also direkt zum "Debtor of the last Ressort", ausgerechnet zu dem Schuldner, der mit multimilliardenschweren Garantien und Rettungspaketen zunächst die Gesamtlast der Krise auf sich nehmen und tragen wird. Anderseits: Wann gab es jemals kurzlaufende Pfandbriefe mit zehn oder zwanzig Prozent Rendite zu kaufen ? Unternehmensanleihen wurden zu jedem Preis abverkauft, so als wäre eine gewaltige Pleitewelle bereits im Rollen, weil durch die mißtrauensgelähmten Banken jegliche zukünftige Kapitalversorgung der Wirtschaft auf Dauer gestrichen wäre. "Virtuelle Kurse" mit Geld/Brief-Spannen von zehn, zwanzig oder dreissig Punkten waren und sind keine Seltenheit.
Extrem (psycho-)logisch auch der Einbruch der Emerging Market Bonds. Die (ehemaligen) Schwellenländer Südamerikas, Asiens und Osteuropas haben keinerlei direkte Subprime-Probleme, wiesen auch im letzten Quartal noch Wachstumsraten aus, von denen westliche Staaten seit langem nur noch träumen und haben sich durch Rohstoff- bzw. Energiequellenreichtum sowie Entwicklung von Infrastruktur, modernen Produktionsanlagen und eines konsumhungrigen breiteren Mittelstands längst eine neue Basis erarbeitet, die nicht mehr mit den früheren Billiglieferanten von Rohstoffen und Arbeitsleistungen vergleichbar ist. Die Abhängigkeit von den (US-dominierten) Institutionen IWF, Weltbank und Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist deutlich gesunken, was nebenbei auch schwindende Macht und Einfluß dieser Institutionen bedeutet. Venezuela z.B. verkündete kürzlich den Plan, aus dem Ärmel zwei Milliarden in Dollarbonds vorzeitig zurückzukaufen. Auslandsverschuldung wurde von vielen Staaten konsequent abgebaut, die wenigen Neu-Emissionen wiesen Coupons auf, die meist nur noch zwischen denen westlicher Staats- und Unternehmensanleihen angesiedelt waren.
Nach inzwischen schon leicht veralteten Zahlen erbrachten die klassischen Schwellenländer zwischen 50 und 60 Prozent der Weltwirtschaftsgesamtleistung, wiesen dazu aber nur noch unter 5 Prozent der gesamten aktuellen Weltverschuldung aus. Selbst die jüngsten pessimistischen Schätzungen, die den hochverschuldeten Westen schon hüfttief in der Rezession sehen, billigen ihnen weiterhin noch Wachstumsraten von mindestens plus drei bis fünf Prozent zu, die es in den klassischen Industrieländern seit Jahren selbst im dicksten Aufschwung nicht mehr gab. Möglicherweise werden diese ehemaligen "Entwicklungsländer" schon in wenigen Jahrzehnten ähnliche Institutionen wie eine "Dritt-Weltbank" gründen müssen, um die hochverschuldeten westlichen und zukünftigen "Abwicklungsländer" vor dem drohenden Staatsbankrott zu retten. Sofern demnächst doch kein allgemeiner Weltuntergang stattfindet, bieten Kurse weit unter pari steuerfreie Kursgewinne sowie teils noch unter Anrechnung fiktiver Quellensteuer durchaus lukrative Nachsteuerrenditen als Depotbeimischung.
Der Bund-Future, der seit der Spaltung der Rentenmärkte in grundverschieden laufende Segmente eigentlich nur noch für westeuropäische Euro-Staatsanleihen maßgeblich ist, hat sich im Prinzip seit Ende Juli kaum noch wirklich verändert. Um 114.25 herum liegt ein "dickes Brett" inform einer starken Unterstützungs/Widerstandszone. Zum Höhepunkt der Krisenpanik wurden kurzzeitig fast 118 Punklte erreicht, um nur wenige Tage später erneut bei 114.- zu landen. Die "normale Bandbreite" dürfte zwischen 112.50 und knapp 117.- liegen, solange Rezessionsängste die Inflationsgefahren überwiegen.
Am Devisenmarkt sank der Euro gegen Dollar zuletzt bis an den Vierjahres-Schnitt (aktuell bei ca. 1.3280). Hier und knapp darunter bietet sich erhebliche charttechnische Unterstützung. Erst nach erfolgreichem Durchbruch wären noch neue Tiefstkurse denkbar. Auch Euro/Yen erreichte an ca. 1.3490 kurzfristig ein Korrekturniveau an der Kreuzung von 8-Jahres- mit dem 20-Jahres-Schnitt. Die Bewegung fiel also noch stärker aus als in Euro/Dollar, entsprechend schwächte sich Dollar/Yen gut zehn Prozent ab. Die weitere Entwicklung ist schwierig vorherzusagen, in jedem Fall sollte man den Wahltermin in USA nicht aus den Augen verlieren. Vice versa seilte sich der Ölpreis panisch schnell von 100.- USD auf nun ca. 70.- Dollar ab. Hiermit dürfte zumindest eine weitere charttechnische Unterstützungsmarke erreicht sein.
Angebot und Nachfrage regeln bekanntlich üblicherweise den Preis innerhalb unserer "freien Märkte". Dennoch enttäuschten prinzipiell Gold und Edelmetalle zuletzt im Kurs als eigentlich ideal prädestinierte Profiteure und Sicherheitengeber dieser Weltfinanzkrise. Seltsamerweise berichten viele Interessenten von Gold- und Silber-Münzen und -Barren jedoch von allgemeinen Lieferschwierigkeiten erstmals quer durch die gesamte Republik. Mehrere Landesbanken hängten das "Ausverkauft"-Schild offiziell ins Kassenhäuschen. Wer ausgiebig herumtelefonierte, konnte vielleicht noch einige wenige Krügerrand oder Barren ergattern, ein größeres Engagement in physischem Gold war vor und mitten in der Krise wegen "Lieferengpässen" und trotz absolut moderater Preise nirgends möglich. "Papiergold" in den Weltmärkten dagegen in jeder Menge preiswert zu haben. Wer blockt oder hortet hier, und warum wedelt plötzlich der Schwanz mit dem Hund ? Folker Hellmeyer kommentierte das Szenario trefflich: "Diese Situation ist jedoch zunehmend grotesk und erinnert an die HO-Läden in der DDR. Die Preise waren niedrig und nichts war verfügbar!" Ein Schelm, wer etwa auch hier an die "Cui-bono-Frage" denkt ...
Thomas A. Spörer