von Thomas A. Spörer

Schwierige Zeiten ...
... sowohl für die Markt- als auch für die Konjunktur-Prognose.
Politische Eingriffe ins natürliche Marktgeschehen schaffen
stets Unordnung und bergen das Risiko einer zunächst relativ
unkalkulierbaren Weiterentwicklung aufgrund allgemeiner Verunsicherung.
An einem solchen Punkt befinden wir uns derzeit, weshalb sämtliche "Signale" momentan
mit größter Vorsicht zu genießen sind, egal
aus welcher markttechnischen Richtung sie stammen. Dies gilt
(leider) heute auch für den KID. Ganz typisches Beispiel
war der eintägige "Aufbruch nach oben" in den
großen Aktienindices nach der Ankündigung, Freddie
Mac und Fanny Mae (zunächst für ein Jahr) unter staatliche
Verwaltung zu stellen. Bereits drei Sitzungen später war
davon mehr als nichts mehr übrig, die großen Indices
unterschritten sogar wieder die Tiefstände der Vorwoche.
Vergnügliche Stunden zwar für Kurzfrist-Trader, verbranntes
Geld aber für Positionshändler und Hedger sowie verwirrende
Entwicklung für den Rest der Welt.
Gutes Timing dieser Wochenend-Entscheidung noch dazu, denn grade eben drohte einmal mehr der direkte Durchbruch vieler Indices nach unten durch langfristige gleitende Durchschnitte und Unterstützungszonen. Der DAX plazierte sein Freitags-Tief vor acht Tagen nur wenige Punkte über seinen gleitenden Vier-Jahres-Schnitt. Die NYSE-Umsätze hatten schon in den zwei Wochen vor Labour-Day tagelang auf quasi "Heiligabend-Niveau", sprich auf Umsatzhöhe eines verkürzten Feiertagshandels gelegen. Eine Welle entschlossener Käufe mit nachfolgend umgehender Auslösung von Short-Eindeckungen zündet in derart ausgetrockneten Märkten natürlich sofort eine "Wunderkerze", die sich aber sehr schnell als eine im Höhenflug nur kurz entflammte Eintagsfliege entpuppte. Dennoch gelang damit erneut eine relative Stabilisierung der Aktienmärkte.
Zitat aus dem August-KID:
"Sinnvolle Marktkommentare erübrigen sich momentan angesichts offenbar massiver Eingriffe ins aktuelle Marktgeschehen. Vorsicht scheint geboten, zumal die technische Verfassung der Aktienmärkte trotz leichter Erholungsansätze bei genauem Hinsehen immernoch recht schwach ist."
Dem ist heute eigentlich wenig hinzuzufügen.
Und es geht auch hier nicht darum, sieben magische Jahre nach
dem 11. September noch neue geheimnisvolle Verschwörungstheorien
zu kreieren. Stattdessen wörtliches Zitat des saudi-arabischen Ölministers
Ali al-Naimi:
"Wir haben seit dem OPEC-Treffen im Juni hart daran gearbeitet, die Preise wieder auf den heutigen Stand zu bringen."
Ein unzweifelhaft konzertierter aktiver Markteingriff zur (zeitweiligen?) Senkung der weltweiten Rohöl- und Energiepreise.
Auch am anderen Ende der Fahnenstange wurde ganz offensichtlich ebenso konzentriert konzertierte harte Arbeit geleistet: Denn bis zur 32. KW verlief Euro/Dollar brav parallel zur damals aktuell angesagten Entwicklung der Zinsdifferenz. Seit der 33. KW jedoch hat sich hier zügig eine immer weiter aufklaffende Divergenz aufgebaut, d.h. Euro/DOllar verhält sich jetzt schon seit einigen Wochen unnatürlich verquer zu einer seiner wichtigsten langfristigen Intermarket-Korrelationen, und folgt damit hauptsächlich nur noch der inganggesetzten Dynamik des eigenen Momentums sowie der damit direkt verbundenen Dynamik invers korrelierter Märkte. Wann und wie sich diese Gesamtdivergenz wieder auflösen wird, ist unberechenbar.
Wir haben also in den letzten Wochen ausgeprochen kräftige Bewegungen einerseits am Devisenmarkt, andererseits an den direkt invers zum Dollar korrelierten Welt-Energie-, Rohstoff- und Edelmetallmärkten gesehen. Eine neben dem (auch charttechnisch) äußerst gut passenden Zeitpunkt wirklich fundamental gerechtfertigte Begründung für die sich daraus potenziert und heftig aufschaukelnde Spirale aus Dollar-Aufwertung und Preisverfall gibt es eigentlich nicht, abgesehen von höchster Not bei der (zudem vorab angekündigten) "schnellen Stabilisierung der Weltfinanzmärkte". Aber sind die damit jetzt wirklich dauerhaft stabilisiert ?
"Und wat nu ?", lautet daher die nächste berechtigte
Frage.
Euro/Dollar hat um 1.40 herum eben seinen gleitenden Zwei-Jahres-Schnitt
sowie eine parallel wichtige Trendkanallinie erreicht. Öl
ist auf glatt 100.- USD/Barrel angekommen. Das Gold hat spiegelbildlich
ebenfalls den Zwei-Jahres-Schnitt und den unteren Rand eines
seit 2005 laufenden Aufwärtstrends erreicht. Kräftige
Gegenbewegungen wären unter normalen Umständen damit
eigentlich umgehend zu erwarten.
Erneutes Zitat des saudischen Ölministers Ali al-Naimi
als Sprecher der OPEC:
"Der Markt ist jetzt im Gleichgewicht. Die Dinge sind in einer Balance, in einer gesunden Position."
Operation gelungen, Patient USA vor dem Wahltermin im November stabilisiert. Zwar ist noch ein zeitweiliges "Über- oder Unterschwappen" der Preise durchaus denkbar, prinzipiell sollte sich der Ölmarkt aber zunächst einmal einpendeln, parallel dazu vermutlich auch Devisen- und Edelmetallmärkte. Zitat aus dem KID-Jahresausblick 12/2007:
"Last but noch least ist 2008 Wahljahr in Amerika, da neigt der Dollar schon aus Patriotismus meistens zu mehr Stärke."
Behaupte da noch jemand, die Märkte seien langfristig lediglich unberechenbares Chaos.
Für Euro/Dollar gilt zudem, was hier schon vor einigen Monaten beim KID kommentiert wurde: Die "amerikanisch-direkte Art" mit der Krise offensiv umzugehen, ist wohlmöglich der europäischen Beschwichtigungs- und Verdrängungs-Mentalität grundsätzlich überlegen. Ausserdem ist die zitiert übliche "transatlantische Verzögerung" in der Reaktion inzwischen offensichtlich auch in der Wirklichkeit der hiesigen Wirtschaft angekommen. Zuverlässiges "same procedure" wie in "Diner for One" zu Sylvester: Zunächst hat nur Amerika ein Problem, dann entstehen hier fröhlich-optimistische Abkopplungsfantasien, und schließlich hat Europa "ganz überraschend" plötzlich auch ein Problem.
Die Aktienmärkte haben ebenfalls ein Problem, nämlich rückläufige Gewinnerwartungen der Unternehmen. Dazu ist trotz aller Unkenrufe noch nirgends ein irgendwie geartetes Ende der Krise in Sicht. Die "dritte Abwärtswelle" ist noch nicht eingepreist. Und die Geldmengen stagnieren bei stark rückläufigem Momentum. Lediglich die herannahende US-Wahl steht auf der Habenseite, sowie die oben erläuterte vermeintliche "Entspannung der Lage". Hier verheddert sich aber auch schon die positive Argumentation mit sich selbst: Die Rohstoffpreise zeigen per se eine schwere Rezession an, die die Aktienmärkte aber nicht wahrhaben wollen. Fällt dagegen im Umkehrschluß die Rezession nur milde oder ganz aus, besteht auch kein wirklicher Grund mehr für weiter rückläufige Energie- und Rohstoffnotierungen. Damit stecken die Aktienindices in einer ähnlichen Zwickmühle wie die Notenbanken: Einerseits möglicherweise Rezession als Belastungsfaktor, andererseits möglicherweise bald wieder anziehende Preise, und beides würde so oder so auf die zukünftigen Unternehmensgewinne drücken.
Für die Notenbanken stellt sich das gleiche Dilemma auf der Ebene Rezessionsvermeidung gegen Inflationsbekämpfung dar. Die EZB hat sich zu entschlossenem Abwarten durchgerungen und läuft damit Gefahr, daß bald die "Politik der ruhigen Hand" mit jener der toten Hose gleichgesetzt werden könnte. Falls, und darauf deutet vieles hin, diese Krise noch weitere Kreise ziehen wird, entsteht hier eine bislang noch gänzlich unerprobte Situation. Bislang liefen Konjunktur und Wirtschaft seit der Euro-Einführung 2001 tendenziell positiv und unisono mit Rückenwind. Erst in dem Moment, wo einzelnen Ländern mehr oder weniger hart der Wind direkt ins Gesicht bläst, werden sie feststellen, daß ihnen garkein souveränes Instrumentarium der individuellen Steuerung im Zins- und Währungsbereich mehr verblieben ist - sowohl für die alten südeuropäischen als auch für die neuen osteuropäischen Staaten eine ganz neue Erfahrung. Unter ungünstigen Umständen resultiert daraus in Zukunft noch eine ernste Sinn- und Vertrauenskrise des gesamten europäischen Zentralbanksystems mitsamt seiner nicht streßresistenten bisherigen Umverteilpraxis.
Einzig wirklicher Profiteur auf der Long-Seite war bislang der Rentenmarkt, da die Rezessionsängste über die kurzfristig gebremsten Inflationserwartungen dominieren konnten. Zudem gab es im kurzen und mittleren Laufzeitbereich sehr attraktive Renditen auf der Geldseite, denen aber umständehalber nur geringe Abgabeneigung gegenüberstand. Am langen Ende winkt im Hintergrund nach wie vor auch die oben erwähnte Zwickmühle mit ungeklärtem Ausgang. Damit (endlich) zum KID.
Hier sehen wir auf den ersten Blick Erfreuliches (grüne Pfeile): Nachdem beim letztenmal der freie Fall bereits die rote "Bottom-Line" zu durchbrechen drohte, hat sich die dritte Abwärtswelle jetzt sogar kurzfristig oberhalb der Unterstützungslinie B stabilisiert und dort bereits ein winziges Hoffnungshäkchen ausgebildet. Auch beim KID-Oszillator zeigt sich nun eine deutliche Wende oberhalb der roten Bottom-Line. Trotzdem noch kein Grund zu frühem Jubel. Den aktuellen Vorlauf berücksichtigend, wird sich diese erste leichte Stabilisierung erst zum oder nach dem Jahreswechsel bemerkbar machen. Die Aufwärtstrendlinie A ist unwiderruflich gebrochen, und es stehen uns noch zwei Quartalsergebnisse innerhalb der dritten Abwärtswelle ins Haus, bevor man möglicherweise eine Erholung einpreisen darf. Auf Basis des oben Gesagten stellt sich ausserdem die Frage, ob es sich hierbei tatsächlich schon um ein hoffnungsvolles Häkchen oder nur um ein kurzlebiges Fake-chen handelt.
Echte Wunder geschehen nämlich derzeit weiterhin nur in den USA, wo dem nunmehr stolzen plusdreikommadreiprozentig annualisierten "Wirtschaftswachstum" auch in diesem Berichtszeitraum wieder kräftig weiter sinkende Beschäftigung, weiter sinkende Wochenarbeitszeit und weiter sinkende Kapazitätsauslastung diametral gegenüberstehen. Der US-Wirtschaft gelingt damit das Kunststück, mit weniger Beschäftigten in kürzerer Arbeitszeit bei geringerer Auslastung ihrer Produktionsbetriebe und rückläufigem Energie- und Rohstoffbedarf trotzdem wieder deutlich mehr zu produzieren. Dafür kann es nur eine plausible Erklärung geben: massenhaft klammheimliche Heimarbeit unter tatkräftigem Einsatz größerer Populationen von genügsam fleissigen Heinzelmännchen. Entsprechend hat sich auch die Stimmung in Amerika zuletzt von den zuvor gesehenen Tiefstständen etwas erholt.
Entsprechend dem KID-Titel vom Februar 2008 ("Stimmung zieht Realwirtschaft") liegt hier aktuell der Schlüssel. Gelingt es mittels der von Bush, Bernanke und Hank Paulson angekündigten "Sofortmaßnahmen zur Stabilisierung der Weltfinanzmärkte", die Stimmung schnell und nachhaltig wieder aufwärts zu drehen, bliebe der Weltwirtschaft ein unmittelbar drastischer Absturz möglicherweise zum Teil erspart. Dies hieße jedoch nicht, den "Aufschwung 2009" jetzt schon vergnügt einzupreisen, sondern bedeutet bestensfalls nur eine mögliche zeitweise Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Das Grundproblem läßt sich mit populistischen Maßnahmen und/oder kurzlebigen staatlichen Eingriffen in die freien Märkte nicht lösen, im Gegenteil: eine z.B. volle endgültige Übernahme von Fanny Mae und Freddie Mac sowie weiterer möglicher Pleitekandidaten würde die ohnehin schon gewaltige und durch die laufende Kriegführung dazu rasch weitersteigende US-Staatsverschuldung in dramatische Höhen treiben, und mit etwas Zeitverzögerung zwangsweise zur Reduzierung staatlicher Ausgaben plus unumgänglicher Steuererhöhungen führen. Das "Modell West-LB" ist grundsätzlich nicht zukunftsfähig, weder in Düsseldorf noch in den Vereinigten Staaten.
Die erste kleine positive Stimmungs-Überraschung lieferte der ZEW-Index mit einem überraschenden Anstieg auf -55.5 nach -63.9 Punkten ganz am Anfang des Berichtszeitraums. Da konnte man mal sehen, wie prompt sich dreihundert Finanzexperten von etwas "harter Arbeit" an den Öl- und Devisenmärkten beeinflussen lassen. Deutlich praktischer veranlagt zeigten sich die Verbraucher direkt an der realen Preisfront, der GfK-Konsumklima-Index sank für September auf einen neuen Tiefstand seit Sommer 2003, bei gleichzeitig rückläufiger Anschaffungsneigung langlebiger Güter. Entsprechend brachen die Einzelhandelsumsätze gleich um -1.5 % ein, erwartet wurden nur -0.4% bei den Juli-Zahlen.
Auch der ifo-Index gab im August über Erwartung weiter kräftig nach und bestätigte damit spät aber immerhin eindrucksvoll den zügig fortlaufenden Abschwung. Finanzminister Steinbrück kommentierte darob umgehend, daß es momentan trotzdem "völlig unverantwortlich" sei, von Abschwung oder gar Rezession zu reden, er habe stattdessen (von Asien aus) hier ganz klar "einen Anstieg unseres Potenzialwachstums" beobachtet. Möglicherweise bezieht sich dies aber auch nur auf die immernoch kräftig sprudelnden Steuereinnahmen dieses Sommers, die dem Staat zunächst durch Abschöpfung des vorangegangenen Aufschwungs am Bürger vorbei, sowie als direktem Krisen-Profiteur der explodierenden Energie- und Lebenshaltungskosten inform von Milliardenüberschüssen im ersten Halbjahr 2008 weiter zuflossen. Am langfristigen Nachschub wird bereits hart gearbeitet, auch wenn dies sehr wahrscheinlich zu direkter Produktionsverlagerung energie-intensiver Betriebe wegen des CO2-Emissionsrechte-Ablaßhandels führen wird.
Auch der abgeschlossene IKB-Verkauf scheint ein voller Erfolg zu werden, sieht es doch ganz danach aus, daß ein hochnotpeinlicher Untersuchungsausschuß vermieden werden kann. Sodaß keine dummen Fragen zur namentlichen Verantwortlichkeit der umfangreichen Riege politischer Führungskräfte in den aufsichtsblinden Bank-Aufsichtsräten in der Öffentlichkeit gestellt werden, darunter auch bekannte Linke und Gewerkschaftler. Weiter planmässig sehr erfreulich verhielt sich auch die amtliche Arbeitsmarktstatistik im August. Was prompt einige Experten zu der historisch bedeutungsvollen Aussage verleitete,
"der deutsche Arbeitsmarkt hat sich nun erstmals endgültig von Konjunktur und wirtschaftswachstum abgekoppelt" (!).
Das macht Sinn. Das klingt logisch. Zumal zeitgleich endlich die neuen bunten Pompons an die gesamte Economic-Cheerleader-Truppe ausgegeben wurden. Dummerweise fühlte sich direkt im Anschluß ausgerechnet ein Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit selbst berufen, in aller Öffentlichkeit peinlich kundzutun, daß mindestens schonmal eine Million Arbeitslose in der amtlichen Statistik unterschlagen werden. Damit läuft der Trend weiter hin zur permanent krisenresistenten Vollbeschäftigung nach Vorbild der früher erfolgreichen DDR-Wirtschaft. Jeder Zehnte lebt lt. Destatis in Deutschland inzwischen bereits direkt vom Staat, in Berlin, Hauptstadt der Republik, existentiell sogar schon jeder Fünfte.
Dazu paßt nahtlos der Auftragseingang der Industrie. Das Bundeswirtschaftsministerium meldete hier für Juli den achten Rückgang in Folge und damit die längste Negativserie rückläufiger Bestellungen und Aufträge in Deutschland seit 1990 (also praktisch seit Beginn der neuen gesamtdeutschen Statistik). Der Maschinen- und Anlagenbau verzeichnete einen Einbruch von acht Prozent gegenüber Vorjahr, der Auslandsanteil sank sogar um elf Prozent. Erstmals rutschte der Einkaufsmanager-Index für Deutschland jetzt mit 49.7 Punkten unter die magische 50er-Marke, während der Euroland-PMI mit 47.6 nach 47.4 stabil darunter verweilte, ebenso wie das amerikanische Pendant mit zuletzt 49.9 nach glatt 50 Punkten im Vormonat. Erstmals stärker rückläufig entwickelte sich ausserdem der deutsche Aussenhandelssaldo.
Wenig reale Beruhigung leider bisher an der Preisfront, wo die ersten teils vorläufigen Augustzahlen noch keinerlei erwähnenswerte Reaktion auf die stark rückläufigen Weltmarktpreise im Energie- und Rohstoffsektor zeitigten. Zusammengefasst bewegen wir uns damit heute irgendwo zwischen bestenfalls Stagflation (stagnierende Wirtschaft bei weiter inflationierenden Preisen) und einem neuen epochalen Zyklus aus schwindendem Wachstum bei gleichzeitig stark anziehender Geldentwertung. Nicht zuletzt ganz direkt mitverursacht durch großvolumige politische "Rettungsmaßnahmen" oder gar in anschließender Folge ebenso nutzlose wie teure Konjunkturprogramme - in Summe also schlimmstenfalls deutlich spürbar sinkender Wohlstand. Da verwundert es natürlich schon, daß der DAX noch unverdrossen klar oberhalb 6000 weiter auf den nächsten großen Aufschwung wartend verharrt, während die Unternehmen selbst sich schon auf mindestens eine längere Flaute vorbereiten und die Vorstände und Insider ihre Aktienbestände entsprechend reduzieren.
Wenigstens grade rechtzeitig zum beschleunigten Abschwung wollen jetzt zusätzlich die Ewigzuspätkommenden endlich auch noch vom längst vergangenen und staatlich voll abgeschöpften Aufschwung profitieren. Die IG Metall präsentierte soeben die höchsten Lohnzuwachsforderungen der letzten 16 Jahre und verkündet damit endlich das "Ende der Bescheidenheit" - es geht doch einfach nix über gutes Timing. Regelrecht revolutionär im Vergleich dagegen der Vorsitzende der versammelten europäischen Finanzminister, der stattdessen speziell für Deutschland schnelle Steuer- und Abgabensenkungen zur Verbesserung der realen Einkommenssituation der Bevölkerung vorschlägt und dabei in nahezu völlig verantwortungsloser Weise ganz direkt von "ernster Lage" und "unmittelbar drohender Rezession" spricht.
Ebenso realistisch Norbert Walter, Chefvolkswirt der Deutschen Bank: Nur "Glücksfälle" könnten eine Rezession in Deutschland jetzt noch verhindern, die Lage sei schlecht, die Stimmung aber noch schlechter. Die (wörtlich) "ausgeprägte Abschwungperiode" werde noch bis mindestens 2010 hinein andauern. Der Blick auf den historischen ifo-Index(-Chart) gibt ihm Recht, noch liegen dort Lage, Klima und Erwartungen deutlich weit auseinander. Wie die Vergangenheit zeigt, ist regelmässig vor einer Wende jedoch ein Zusammentreffen der drei Komponenten erforderlich, manchmal sogar das kurzzeitige Abtauchen der Lagebeurteilung unter die Zukunftserwartungen, bevor es danach wieder aufwärts geht. Das kann also durchaus dauern.
Als Treppenwitz der Konjunkturgeschichte schließlich vollführte das Kieler IfW erneut den schwerverspäteten Salto Mortale vorwärts mit massiver Schraubensenkung der eigenen 2009er Konjunkturprognose auf sprunghaft nur noch 0.2% Jahreswachstum im kommenden Jahr - ausgerechnet zu einem Zeitpunkt wo der KID nach über 18 Monaten dreistufiger Talfahrt wieder ein erstes positives wenn auch zweifelhaftes Hoffnungshäkchen oberhalb der langjährigen Bottom-Line für das kommende Jahr anzeigt. "Sollte diese IfW-Prognose zutreffen, fliegt uns der kommende Bundeshaushalt um die Ohren", kommentierte der Vorsitzende des Bundestags-Haushaltsausschusses. Ja, das könnte freilich passieren. Zumal da noch keinerlei Ausgabenposten für zukünftig tatsächliche Bankrisiko-Übernahmen in Milliardenhöhe eingeplant sind.
Schwierige Zeiten, in der Tat.
Trotzdem gibt der KID heute schon ein allererstes frühes
Vorsignal darauf, daß nach Herbst und Winter möglicherweise
im nächsten Jahr zumindest eine Stabilisierung auf dem
bis dahin abwärts erreichten Niveau stattfinden könnte.
Dies allerdings vorerst nur unter dem unmittelbar kurzfristigen
Eindruck umfangreicher dirigistischer Stabilisierungsmaßnahmen,
deren Halbwertszeit und reale Wirkung auf Stimmungslage und
Realwirtschaft in Zukunft momentan noch garnicht einzuschätzen
ist. Und auch nicht etwa schon im Hinblick gleich auf den nächsten
dynamischen Aufschwung, dafür sind wir jetzt noch viel
zu weit vom laufenden steilen Abwärtstrend C in der Grafik
entfernt.
Zum Glück gibt es in anderen Forschungsbereichen des täglichen Lebens heute schon viel bessere und vor allem weiterreichend zuverlässige Prognosemodelle. So hat die Bundesregierung vorsorglich in einem Anfall von akutem Klimawahn mit Steuergeldern eine umfangreiche Studie beim renommierten Max-Planck-Institut durchführen lassen. Damit kann nun endlich jeder Bundesbürger "so detailgenau wie noch nie" (nämlich im Flächenraster von nur zehn Quadratkilometern) seine kommende klimatische Entwicklung am persönlichen Standort gleich bis zum Jahr 2100 mitsamt "Veränderungen ungeheuren Ausmaßes" regional präzise abrufen, um möglicherweise seine individuelle Vorgartengestaltung mit hitzebeständigen Zwergen zu planen, noch rechtzeitig von Feuer- doch lieber auf kühlere Seebestattung umzudisponieren oder gleich für die kommenden 92 Jahre Frühbucherrabatte bei der Urlaubsplanung noch nicht geborener Enkel global wie lokal klimagerecht realisieren.
Zugegeben, mit der exakten Wettervorhersage bloß für nächste Woche haperts zwar doch noch immer etwas, Max Planck persönlich dreht sich vor Kummer auch schon im Grabe rum, aber eins ist und bleibt doch Fakt: Deutschland wird immer trockener und heißer! Wer das nach dem Rekordsommer 2008 noch ernsthaft bezweifelt, denkt schon wieder völlig verantwortungslos und bekommt deshalb auch kein hocheffizientes neues Sozialklimakühl- und Gefriergerät von der Bundesregierung subventioniert, muß aber die unmittelbar nach der nächsten Wahl sozialgerecht folgenden "Klima-Abgaben zur unvermeidlichen Weltrettung" wahrscheinlich trotzdem zahlen. Nur ganz ganz flach atmen (CO2!) gibt dann vielleicht noch einen kleinen Freibetrag ...
Thomas A. Spörer