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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im August 2008?

von Thomas A. Spörer

KID Mai 2008

Chart grösser

 

Konsequent nach unten durchgereicht

"Nichts Neues auf dem Weg nach Süden" lautete die Überschrift vor einem Monat an dieser Stelle. Prinzipiell gibt es auch diesmal eigentlich nichts wirklich Neues auf dem weiteren Weg nach Süden zu vermelden, davon aber leider ziemlich viel. Der jüngste Datensatz hat den Indikator nämlich kräftig und konsequent nach unten durchgereicht. Kon-sequent darf hier wortwörtlich genommen werden: mit Folgen.

Beim Blick auf die obere Grafik ist vom alten konjunkturellen Aufwärtstrend A inzwischen nur noch Erinnerung geblieben, er wurde (roter Kreis und Pfeil) in einem Rutsch gerissen und der Absturz führte sofort weiter steil abwärts (zweiter roter Pfeil) bis aktuell auf das Niveau des alten KID-Tiefpunkts aus dem Jahr 2001 (rote Linie). Von einer Stabilisierung an dieser Stelle heute weit und breit noch nichts zu sehen. Das gleiche Bild auch beim KID-Oszillator, der ebenfalls die Tiefpunkte der jüngeren Vergangenheit inzwischen wieder erreicht hat. Die beim letzten Mal angedeutete "vage Hoffnung auf baldige Stabilisierung der dritten Abwärtswelle" kann man also getrost erstmal auf den nächsten Monat vertagen und zusätzlich gedanklich mindestens noch ein ganzes Stockwerk tieferlegen. Sofern die bisherigen Tiefpunkte halten. Über eine mögliche Umkehr braucht man jetzt noch nicht spekulieren.

Auch sinnvolle Marktkommentare erübrigen sich momentan angesichts offenbar massiver Eingriffe ins aktuelle Marktgeschehen. Vorsicht scheint geboten, zumal die technische Verfassung der Aktienmärkte trotz leichter Erholungsansätze bei genauem Hinsehen immernoch recht schwach ist. Sowohl charttechnisch als auch hinsichtlich Marktstatistik.

Stattdessen noch ein Zitat aus der vorigen Ausgabe:

"Wirklich schwierig, hier zwischen kulminierender Panik und ernsthaftem Bedrohungspotential zu unterscheiden."

Da wenigstens herrscht inzwischen Klarheit: ernsthaftes Bedrohungspotential scheint für den Augenblick und die nähere Zukunft offensichtlich ausreichend vorhanden, von kulminierender Panik hingegen keine Spur. Im Gegenteil: "Übertriebene Konjunktur-Sorgen" oder "Keine Angst vor der Flaute" verkündet mutig die Presse. "... notfalls paddeln wir doch glatt auch ohne Wind in den Segeln einfach weiter den Bach runter," könnte man hier dem Anlaß entsprechend sinngemäß ergänzen. Ganz neu ist dagegen die äusserst gelungene Wortschöpfung "Economic Cheerleading", so neu daß die hoffentlich wie üblich sehr knapp gehaltenen Uniformen dafür leider noch garnicht rechtzeitig fertig geworden sind. Man darf gespannt sein.

Schon seltsam, was sich derzeit an den Märkten abspielt.
Mitte Juli verkünden US-Präsident Bush und US-Notenbankchef Bernanke gemeinsam, daß angesichts immer neuer Hiobsbotschaften sowohl aus dem Banken- und Immobiliensektor und der Automobilindustrie als auch von den Aktien- und Devisenmärkten die schnelle Stabilisierung der Weltfinanzmärkte nun aber alleroberste Priorität genießen werde.
Gesagt, getan:

Urplötzlich vermeldet die robuste US-Wirtschaft gleich wieder einen sehenswert soliden Anstieg im Bruttoinlandsprodukt (bei weiter sinkender Kapazitätsauslastung und rückläufiger Beschäftigung in der realen Wirtschaft). Die Aktien- und Rentenmärkte stabiliseren sich zeitgleich und parallel, und wie von Zauberhand gehen Edelmetall-, Energie- und Rohstoffmärkte sofort in eine kräftige Abwärtsbewegung über. Fast wie von konzertiert aktionistischer Notenbankhand gelenkt dreht vice versa auf einmal der Dollar, ohne daß dafür irgendwelche neuen fundamentalen Gründe oder Gesichtspunkte auszumachen wären. Wer aufschlußreiche Details zu den mehr als fragwürdigen und in sich längst ganz offen widersprüchlichen US-Daten der letzten Wochen erfahren möchte, dem sei diesen Monat einmal mehr der Markt-Daten-Blog zur Lektüre empfohlen. Das Leerverkaufsverbot für besonders absturzgefährdete Bank- und Immobilientitel hat sich ebenfalls bestens bewährt und wurde deswegen auch prompt noch weiter verlängert.

Im Klartext heißt das, zwischen den Zeilen oder einfach verstandesgemäß zusammengenommen, daß sich maßgebliche Adressen schlicht keinerlei weitere Verluste und Abschreibungen mehr leisten können. Ausserdem ist US-Wahljahr. Es besteht also berechtigte Hoffnung, daß mit vereinten Kräften, massiven Manipulationen und direkten Markteingriffen schon bald ein kurzlebiger Schwebezustand scheinbarer "Normalität" in den klassischen Investmentbereichen Aktien, Renten, Devisen und evtl. sogar Immobilien zumindest oberflächlich und "praktisch so schön wie vor der Krise" wiederhergestellt werden könnte. Vorausgesetzt es gelingt damit tatsächlich, die katastrophale Stimmung dauerhaft soweit zu beeinflussen und zu drehen, daß die fundamentalen Wirtschaftsdaten sich allmählich stabilisieren könnten. Im Konjunktiv, denn davon sind wir momentan mehr als noch sehr weit entfernt, die Stimmung ist total am Boden und die harten Wirtschaftsdaten folgten ihr zuletzt hier nach zuvor kurzem Verharren wieder ausgesprochen kräftig nach (siehe Februar-KID, "Stimmung zieht Realwirtschaft"):

ZEW und ifo-Index brachen weiter ein, sogar am Arbeitsmarkt war eine erste leichte Verschlechterung sichtbar, der Auftragseingang zum wiederholten Mal schwach, ebenso die Industrieproduktion im zweiten Quartal trotz zuletzt marginal verbesserter Juni-Zahlen. Einzelhandel, Konsumklima und Industrie- und Verbraucher-Vertrauenswerte gaben weiter nach. Der Euroland-Einkaufsmanager-Index sank auf ein neues Tief von 47.4 Punkten und damit deutlich unter die Rezessionsschwelle von 50. Einziger Lichtblick blieben die starken deutschen Exportzahlen für den Juni. Bei den Großhandelspreisen fehlte nur noch ein winziger Zehntelpunkt an satten runden 10% gegenüber dem Vorjahr, ein neuer Rekordwert seit Anno 1981.

Die Binnenkonjunktur ist durch die realen Preissteigerungen regelrecht zu Boden gegangen, sowohl im privaten Konsum als auch bei der Investitionsneigung. Das deutsche BIP im zweiten Quartal rutschte entsprechend mit -0.5% gegen Vorquartal erstmals wieder in die Negativzone bei der Wachstumsdynamik ab. Gegenüber dem Vorjahresquartal blieb uns noch eine Wachstumsrate von 1.7% übrig, während andere europäische Länder hier bereits die mehr oder weniger schwarzrote Null zum Halbjahr erreicht oder sie direkt im Visier haben. "Gebremstes Wachstum – aber noch kein Einbruch" kommentierte das Bundeswirtschaftsministerium. Der folgt dann sicher erst im weiteren Jahresverlauf. Also falls kein Wunder geschieht. Warten wir´s ab ...

Thomas A. Spörer

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