von Thomas A. Spörer

Nichts Neues auf dem Weg nach Süden
... zeigt leider heute der KID.
Zwar gab es mehrere Stabilisierungsversuche am Linienkreuz
A/B (roter Pfeil in der oberen Grafik) seit dem Juni, bis
dato und per Stichtag heute sind sie aber alle schnell wieder
gescheitert. Damit gilt weiter die Erkenntnis vom Wonnemonat
Mai: Die dritte Abwärtswelle der deutschen Konjunktur
rollt.
Der DAX schloß sich erwartungsgemäß an und zeigte zwischenzeitlich für einige Minuten die 5 ganz vorn vor dem Komma, bevor diese Woche eine erste Erholung inform zunächst der klassischen Short-Squeeze einsetzte. Ein volumiger Sell-Off fand nicht statt. Wenige Punkte oberhalb der Kombination aus gleitendem 4-Jahresschnitt und optisch-psychologischer 6.000er-Marke endete der aktuelle Baisse-Schub, ohne dabei den unteren Rand des Abwärtstrendkanals etwa parallel der fallenden 200-Tage-Linie bei aktuell knapp 5.500 Punkten überhaupt in näheren Augenschein zu nehmen. Das ist kurzfristig ein technisch positives Zeichen, genau wie der erfolgreiche Test der "Fangzone 6.000".
Offen bleibt aber die Frage, ob sich die Stimmungslage durch die kleine Korrektur im Ölpreis allein schon ausreichend stabilisiert hat, um breiter angelegte Anschlußkäufe und eine folgende Bearmarket-Rally auszulösen. Mögliches absolutes Maximum einer solchen Bewegung böte technisch derzeit das kraftvolle "Triumvirat" aus der 200-Tage-Linie, dem noch immer leicht ansteigenden 2-Jahres-Schnitt und dem oberen Rand des Abwärtstrendkanals. Alle drei liegen nah beieinander um die 7.000er Marke herum und werden sich erst in den nächsten Wochen etwas weiter auffächern. Indem Trendkanalrand und 200-Tage-Schnitt ihren Weg nach unten fortsetzen, während der 2-Jahres-GD als mittelfristiger Torwächter der 7.000er Marke oben zurückbleibt.
Damit ist die Bandbreite der Möglichkeiten kurzfristig klar und insgesamt fast fertig definiert, liefert aber keinerlei Anlaß zu akutem Freudengeheul. Mit eher stillem Schmerz wandert der Blick einmal zurück auf den "Jahreseröffnungkurs" (DAX-Handelsstart 2. Januar 2008 9:00 Uhr) mit 8.045,97 Punkten. Da bleibt selbst nach einer möglichen technischen 50%-Korrektur der bisherigen Abwärtsbewegung noch Rest, sodaß die Spekulation nicht wirklich aufgeht. Man kann da natürlich relativieren, wie etwa die Chefvolkswirtin einer bekannten Landesbank, die trotz allem noch Grund für Optimismus sieht: "Wir sprechen nicht von einem Aufwärtstrend, sondern von einer breiten Seitwärtsbewegung zwischen 6.000 und 8.000 Punkten". Das geht natürlich auf, notfalls verbreitert man einfach die Seitwärts-Range weiter nach unten, um das Unwort "Baisse" oder Abwärtstrend trotz 25% Kursverlust in gut sechs Monaten weiter raffiniert zu umschiffen.
Zur Fertigstellung der Bandbreite aller Möglichkeiten 2008 fehlt allerdings noch ein weiterer markanter Fixpunkt. Richtung Jahresende trifft sich der untere Rand des laufenden Abwärtstrends mit einem harten Horizontalwiderstand und dem 8-Jahres-Schnitt irgendwo zwischen 5.000 und 5.200 Punkten. Wenn es also ganz schlimm kommt, gesellt sich der DAX möglicherweise dort hinzu. Die Konjunkturentwicklung deutet jedenfalls weiterhin in diese Richtung, sofern es nicht doch noch gelingt, eine schnelle Stabilisierung der rollenden dritten Abwärtswelle herbeizuführen. Davon ist derzeit nichts zu sehen, etwas Mut macht nur der schon erwähnte "Jahresablauf" im KID-Oszillator, der prinzipiell Raum lässt für eine zeitweilige Zwischenerholung. Ausserdem ragt hier und heute schon, allerdings später und auf erneut tieferem Niveau, ein winziges Häkchen (roter Pfeil in der unteren Grafik) halbwegs waagrecht in das Jahr 2009 hinein. Zu früh und viel zu klein aber noch, um etwaige Hoffnungen daran festzumachen. An dem beim letzten Mal ausführlicher erläuterten "Problemthemenbündel 2008" hat sich noch nichts Wesentliches geändert. Im Gegenteil.
Lediglich die kleine Schar realexistierender Long-Spekulanten wurde kurzfristig mit morgendlichen Web-Schlagzeilen wie "Einbruch am Ölmarkt" sowie ganz blumig "Talfahrt der Ölpreise setzt sich fort" aufgeschreckt. Sofort nach Erreichen der Betriebstemperatur war aber jedem sofort klar, daß hier offenbar nur ein Journalist seinen mittelfristigen Chart verkehrtrum gehalten hat. Bislang führte die Korrektur noch zu keiner sichtbaren "Talfahrt". Aber immerhin, erstmals seit Januar und dem folgenden Ausbruch über 100.- US-Dollar wurde der 50-Tage-Schnitt wieder deutlich unterschritten. Man darf also hoffen, sollte sich aber der Zweischneidigkeit dieser Hoffnung bewußt sein. Der Preis sinkt nicht wegen real steigenden Angebots auf dem Weltmarkt, sondern aufgrund zunehmender Konjunkturängste, möglicherweise auch durch politischem Druck im Hintergrund sowie laufender Untersuchungen des Handelsgeschehens. Dem Bund-Future schließlich gelang es vergangene Woche nicht, seinen Abwärtstrendkanal zu durchbrechen, entsprechend fiel er heftig zurück und droht damit erneut den aktuellen Untergrund zwischen 109.- und 110.- auf Belastbarkeit zu testen.
Bei den einzelnen Konjunkturdaten gab es, siehe Headline, nichts wirklich Neues - dies aber mit erstaunlich deutlicher Heftigkeit unisono in Richtung Süden. Hierbei sammelte der KID zahlreiche Punkte im Bereich präzise weit vorlaufender Schnelligkeit bei der Zukunftsprognose. Etliche Wochen nach Verkündung der dritten Abwärtswelle an dieser Stelle brachen die Indikatoren gleich reihenweise ein: der ZEW-Index zeigte im Berichtszeitraum kalendarisch bedingt ausnahmsweise gleich zwei dicke Einbrüche nacheinander, zuletzt auf ein neues Allzeittief. ifo verkündete nach Abrutschen unter den langjährigen Durchschnitt mit den jüngsten Daten direkt das Ende des Aufschwungs und erklärte Deutschland zum möglichen Wachstumsschlußlicht der EU. Die Euroland-Einkaufsmanager passierten erstmals wieder die magische 50er Marke nach unten, hier liegt der deutsche Index aber noch etwas stabiler. Industrie- und Verbrauchervertrauen gaben weiter nach. Einbrüche folgten auch in den harten Daten wie im Auftragseingang und, überraschend früh, bei der Industrieproduktion.
Die einzig erstaunliche Ausnahme bildeten diesmal erneut die deutschen Arbeitsmarktdaten. Hier muß man jetzt aber wirklich dringlich empfehlen, endlich eine vernünftige und bessere Synchronisation zwischen laufender "Statistik-Optimierung" intern im Hause und wirtschaftlicher Zyklik draußen im wirklichen Leben zu finden und diese zukünftig entsprechend konsequent anzuwenden. Sonst droht uns die statistische Vollbeschäftigung ausgerechnet mitten im Nullwachstum oder schlimmstenfalls sogar Richtung Tiefpunkt einer möglichen Rezession. Merke: "Man kann einige Leute immer für dumm verkaufen. Man kann viele Leute auch für eine begrenzte Zeit für dumm verkaufen. Aber man kann nicht alle Leute immer nur für dumm verkaufen." Diesen Satz prägte sinngemäß Bill Gross von Pimco für die amtlichen amerikanischen Inflationsdaten. Hoffen wir aber, daß er in der Anstalt auch sehr sorgfältig gelesen wurde.
An der Inflationsfront gab es für Juni neue Rekordeinbrüche direkt mitten hinein in die Geldbörsen der deutschen Verbraucher zu melden: Erzeugerpreise plus 6.7 Prozent auf 26-Jahreshoch, Großhandelspreise plus 8.9 Prozent, Verbraucherpreise mit verdächtig niedrigem Jahreszuwachs von nur plus 3.3 Prozent. Das läppert sich trotzdem. Desgleichen in Amerika im Juni: Erzeugerpreise plus 9.1 Prozent auf 27-Jahreshoch, Großhandelspreise plus 5.0 Prozent auf 26-Jahreshoch, Verbraucherpreise plus 4.9 Prozent auf 17-Jahreshoch.
Dennoch gab es auch in Amerika ganz erstaunliche Ausnahmeerscheinungen. So stiegen die "Housing Starts" (Neubaubeginne) plötzlich und völlig unerwartet landesweit um überaus fröhlichstimmende 9.1 Prozent. Erneut Gelegenheit, Bill Gross von Pimco fortführend weiter zu zitieren: "Und man kann nicht auch noch markt-daten.de für dumm verkaufen!". Wer wissen möchte, woher die wundersame Wende im US-Bausektor in Wirklichkeit stammt, schaut zwischendurch kurz in den Markt-Daten-Blog, zum Eintrag vom 18.7.2008. Der Kommentar zu dieser stolzen Glanzleistung aktueller US-Wirtschaftspropaganda gilt für die hochinvestigativen Nachrichten-ungeprüft-Weiterverteilagenturen gleich mit, und fällt kurz, bündig und knapp aus: "Setzen! Sechs! Und Eintrag ins Klassenbuch!"
Damit aber noch nicht genug: Da die "Silberne Zitrone" schon für besonders stör- und schadensanfällige Produkte und das "Bambi" für deutsche Medien- und Filmschaffende reserviert sind, geht der "Pferdefuß mit den drei goldenenen Haaren von des Teufels Großmutter" 2008 ebenfalls direkt nach Amerika zur SEC (U.S. Securities and Exchange Commission) für den grenzgenialen, ernstgemeinten und zur Zeit auf direkte Umsetzbarkeit überprüften Vorschlag, zur Rettung der Nation den ungedeckten Leerverkauf ("Naked Short Selling") von Hypo-, Bank- und Finanztiteln (darunter z.B. Fannie Mae, Freddie Mac, Merrill Lynch, Lehman Brothers, Goldman Sachs, Morgan Stanley) für zunächst 30 Tage zwangsweise per Notverordnung zu verbieten. Freedom dies by Inches, Ende der Freien Marktwirtschaft und ob später noch stundenweise Ausgangssperren für nicht-bullische Börsenkommentatoren oder staatlich festgesetzte Häusermindestpreise nach quasi altkubanischem Vorbild hinzukommen, wird sich zeigen. Die CitiBank Deutschland ging unterdessen überraschend heimlich still und leise an Crédit Mutuel, die Gruppe der französischen Genossenschaftsbanken.
Die gesamte Gemengelage sieht im Moment rundum so katastrophal aus, daß es eigentlich schon bald wieder an der Zeit wäre, allein daraus antizyklisch positive Schlüsse zu ziehen. Doch völlig ohne wenigstens ansatzweise einige Anhalts- und Ankerungspunkte scheint dies noch ausgesprochen riskant. Da geistern schwer nachprüfbare Zahlen durch den Raum, daß international erst ein Viertel aller insgesamt notwendigen Abschreibungen auf Problemkredite tatsächlich erfolgt sind. Die FED stellt Listen von 150 pleitebedrohten Banken auf und muß wahrscheinlich demnächst sogar noch weitere 100 hinzufügen. Deutschbanker Ackermann verlangt plötzlich auch neue Bilanzrichtlinien die rotes Minus in gefälliges Plus verwandeln. FED-Chef Bernanke spricht trotz einiger weniger auf niedrigem Niveau noch halbwegs stabiler US-Daten inzwischen von großen Konjunkturrisken. Man erwägt Notmaßnahmen, staatliche Zwangseingriffe in die freien Märkte und manipuliert offensichtlich mehr und mehr Statistiken gezielt künstlich nach oben.
Wirklich schwierig, hier zwischen kulminierender Panik und ernsthaftenm Bedrohungspotential zu unterscheiden. Mit Blick auf den KID bleibt zunächst nur vage Hoffnung auf baldige Stabilisierung der dritten Abwärtswelle - von der aber heute noch absolut nichts zu sehen ist. Möglich scheint vieles, sogar ein Rücksetzer beim Ölpreis bis fast zurück auf das Ausbruchsniveau oberhalb 100.- US-Dollar, sogar ohne daß dabei der langfristige Aufwärtstrend verletzt würde. Ein Szenario das an den Aktienmärkten ohne Zweifel zunächst erhebliches Erholungspotential freisetzen würde. Realistisch irgendwie kalkulierbar ist dies momentan aber alles nicht. Zwar gibt es immernoch fachkompetente Stimmen in Deutschland, die weiterhin unbekümmert auf eine Fortsetzung des Aufschwungs setzen. Doch nicht einmal die Bundesregierung vertraut darauf offenbar noch, sondern kalkuliert schon mit einem sehr schwachen 2. Quartal. Am 14. August sollen die Zahlen der ersten Schnellschätzung zum BIP veröffentlicht werden.
Zunehmend nirgends richtig einkalkuliert erscheinen ausserdem die möglichen finanziellen Folgen der Risiko-Abschirmung der deutschen Landesbanken. Die Sparkassenverbände sprechen hier inzwischen von bedrohlichen "Granaten" mit erheblicher Sprengkraft durch die abgegebenen Garantien für Bayern- und West-LB. Auch im Haushaltsentwurf des Finanzministers findet sich jedenfalls keinerlei irgendwie eingeplanter Milliardenposten für tatsächliche Risikoübernahme von Schäden aus längst mit absoluter Sicherheit garantierten hohen Wertverlusten. "Die Retter packt das kalte Grausen, lassen sie nun die Rettung sausen?" könnte man fragen, bzw "Die IKB ist quasi fast verkäuft, solang das Bieten endlos weiterläuft." Die 20 Milliarden von denen der Sachverständigenrat spricht, wären praktisch das Doppelte des Jahres-Etats für den Bereich "Bildung und Forschung". Möglicherweise war das doch garkeine so gute Idee mit den einfach wieder abschreibungsfrei zum Nennwert neu ausgelagerten unter Risikoschirmchen dürftig versteckten Riesenbergen von Problemkrediten der Zweckgesellschaften.
Aber man muß politisch ja stets positiv denken, positiv formulieren und positiv berichten. Genau in diesem Sinne fiel schließlich auch das folgende Ereignis noch mit in den vergangenen Berichtszeitraum: "Im Endspiel um die Fußball-Europameisterschaft belegte Deutschland einen ganz hervorragenden zweiten Platz. Spanien wurde trotz deutlicher Überlegenheit auf dem Spielfeld mit einem einzigen Tor Vorsprung diesmal leider nur Vorletzter."
Thomas A. Spörer
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