Sitemap  |  Feedback  |  RSS  |  Kontakt  |  Links

Markt-Daten.de    web

KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im Juni 2008?

von Thomas A. Spörer

KID Mai 2008

Chart grösser

 

Aus dem Auge des Hurrikans ...

... zurück in die rauhe stürmische Wirklichkeit:
Eben sah alles noch so schön still und friedlich aus, die Krise schien praktisch schon fast überwunden, die Stimmung an den Aktienmärkten und bei den Unternehmensanleihen deutlich verbessert, die Rezession vielleicht doch garnicht so sicher. Aber ein Feuerwerk aus neuen Hiobsbotschaften, explodierendem Ölpreis und wachsendem Inflationsproblembewußtsein weckte die sonnigen Optimisten schnell wieder aus ihren Mai-Träumen. So gehts alleweil zu, wenn man aus dem stillen Auge des Hurrikans plötzlich durch die unerwartete zweite Sturmfront muß.

Erstaunlich schnell folgte der Dreh in die hier angekündigte dritte Abwärtswelle. Wie weit sie tragen wird, ist im Moment stark stimmungsabhängig, da das Überraschungspotential eher auf der Negativseite liegt. Mit der inversen Kopf-Schulter-Formation in den Bank-Indices scheint es auch nicht zu klappen. Die Krise ist noch nicht vorbei.

Der DAX-"Ausbruch" über seine Nackenlinie der angeblichen inversen Kopf-Schulter-Formation nur ein kurzes Fehlsignal, die fallende 200-Tage-Linie blieb dabei sogar völlig unberührt, ebenso wie der obere Rand des mittelfristigen Abwärtstrendkanals. Das Downside-Volumen der letzten 10 Tage lag über dem Upside-Volumen der 10 Tage davor. Inzwischen wurde auch der Zwei-Jahres-Schnitt bei ca. 7000 Punkten wieder klar unterschritten, was dieser Marke zunächst doppeltes Gewicht gibt. Im weiteren Jahresverlauf dürfte hier die fallende 200-Tage-Linie ebenfalls noch eintreffen, sodaß um 7000 eine Schlüsselschwelle für den Marktverlauf entstehen kann. Die nächsten Unterstützungen liegen um 6300-6400 Punkte, darunter folgt die 6000er Marke, demnächst direkt unterlegt mit dem steigenden 4-Jahresschnitt (aktuell um 5930). Da würde es dann wirklich eng für die langfristig orientierten Optimisten und alle Abgeltungssteuer-Umgeher. Schon die pure Erwähnung dieser langfristigen gleitenden Durchschnitte belegt genau wie das Muster mittelfristig fallender Lows und fallender Tops, daß wir uns eindeutig in einer Baisse befinden. Halten die Unterstützungen nicht, könnte das nächste Low im Jahresverlauf richtig wehtun.

Direkte Bekanntschaft mit dem Schmerz erlebten die "Rentner" ja bereits nach klassischem Muster: Bruch des letzten mittelfristigen Aufwärtstrends im Bund-F oberhalb 113, Absturz mit Pullback und erneutem Absturz unter 110.- Punkte im neuen Kontrakt. Es scheint, als ob hier die jetzt schon fast jahrelang ignorierte und vernachlässigte Korrelation von Preisen und Zinsen endlich ihren (eher natürlichen) Tribut fordert. Kurzfristig scheint der Markt leicht überverkauft, aber unübersehbar haben die Zinsen im Gespann mit der Inflation wichtige Chartmarken unter sich gelassen. Bei den Kursen erwischte es vornehmlich die mittleren Laufzeiten wegen Versteifung der Zinsstrukturkurve, aber auch hier droht am langen Ende noch deutlich negatives Überraschungspotential.

Besonders schwierig diesmal die Einschätzung der jüngsten Wirtschaftsdaten. Beim KID sehen wir zwar weiterhin die dritte Abwärtswelle, aber verglichen mit dem Mai längst nicht mehr so dramatisch tief. Aktuell liegt der Indikator hart am rechten Rand wieder oberhalb des langfristigen Aufwärtstrendkanals A. Eigentlich zunächst ein gutes Zeichen, dem jedoch in den momentanen Turbulenzen nicht vorbehaltlos vertraut werden sollte. Der KID-Oszillator präsentiert sich ebenfalls etwas weniger dramatisch. Mit einem inzwischen erkennbaren fallenden Dreieck aus kräftig sinkenden Spitzen oben und leicht ansteigenden Spitzen unten steht hier eine Entscheidung offen, die zum Jahresende zumindest eine Stabilisierung möglich erscheinen läßt.

Verblüffend zunächst die unerwartet positiven US-Auftragseingänge. Erst bei genauerer Betrachtung fiel hier jedoch ein Phänomen ins Auge, das in dieser krassen Form bisher noch nicht zu beobachten war. Während die Aufträge für langlebige Wirtschafts- und Investitionsgüter (Durable Goods) ungebremst weiter kräftig nachgaben, zeigten die Auftragseingänge bei kurzlebigen Verbrauchsgütern (Non-Durables) einen überaus kräftigen Zuwachs, der auch das Gesamtresultat der Manufactoring New Orders schön nach oben zog. Vom Markt wurde dies zunächst oberflächlich positiv interpretiert, trotzdem gibt es dafür eine eigentlich sogar wenig erfreuliche Erklärung: Ein gehöriger Teil dieses atypisch asymmetrischen Anstiegs dürfte nämlich auf das Konto des explodierenden Ölpreises gehen, der nicht nur Benzin und Heizöl sondern genausogut Düngemittel, Kunststoffe, petrochemische und andere Produkte des täglichen Lebens verteuert, was sich natürlich auch in den Auftragsbüchern als sichtbarer Zuwachs niederschlägt - ohne aber real einer zu sein.

Gleiches gilt auch für inflationierende Agrarrohstoffe und Lebensmittelpreise, und genau damit fließen die vergleichsweise überdimensionalen jüngsten Steigerungen der Produzenten- und Konsumentenpreise auch in die auffallend positiv gemeldeten und dazu rückwirkend hochrevidierten Einzelhandelsumsätze ein. Geordert, gekauft und getankt wurde sehr wahrscheinlich sogar weniger, gezahlt und verbucht wurde dafür aber deutlich mehr. Kein Zeichen für eine wirkliche Kehrtwende der US-Wirtschaft weg von der Rezessionsgefahr, zumal andere Zeitreihen die obige Annahme zunächst bestätigen. Wirklich real steigende Auftragseingänge gehen z.B. nur selten mit rückläufiger Kapazitätsauslastung einher, und die Stimmungswerte der US-Verbraucher markierten (allgemein unerwartet) wiederum nochmal neue Tiefstände. Auch die US-Einkaufsmanager verblieben mit nur gering verbesserten Zahlen zunächst weiter unterhalb der magischen 50er Marke zwischen Wachstum und Rezession. Sowohl ECRI als auch TCB-Leading-Indicator befinden sich längst im rezessiven Bereich. Als echter Tiefschlag für die Märkte stellte sich der kräftige Anstieg bei der US-Arbeitslosenrate heraus, der vielen wohl als das Ende vom schnellen Ende der Krise erschien.

Noch komplizierter ging es parallel bei den heimischen Auftragseingängen zu. Das Bundeswirtschaftsministerium und die Deutsche Bundesbank meldeten einen weiteren Monat mit schwachem Auftragseingang. Die Destatis-Zahlen sahen jedoch ganz deutlich positiver aus, der VDMA (Maschinen- und Anlagenbau) meldete gar einen Rekord-Auftragseingang für April mit einem satten Plus von 35%. Alle Ergebnisse beruhen dabei auf den gleichen Basiswerten, die (zum Glück nur gelegentlich auftretenden) krassen Differenzen ergeben sich aus unterschiedlichen statistischen Verfahren bei der Saison- und Kalenderbereinigung sowie der grundsätzlichen Bewertung einzelner Großaufträge. Das erklärt die Sache zwar, trägt aber nichts zur Wahrheitsfindung bei, sodaß in Geduld der nächste Monat abgewartet werden muß.

In den KID fließen regelmässig die Zahlen des statistischen Bundesamtes für den Auftragseingang ein, sie haben maßgeblichen Anteil an dem zum letzten Monat insgesamt leicht verbesserten Gesamtbild bei Indikator und Oszillator. Ob diese Stabilisierung sich im kommenden Monat bestätigt und fortsetzt, muß sich erst noch zeigen. Der Auftragseingang steht ganz am Anfang der wirtschaftlichen Produktionskette, diesmal haben wir leider verdoppelte Unsicherheit, einerseits durch die mögliche Verzerrung mittels explodierender Preise, dazu durch die Divergenzen in den statistischen Verfahren. Am Gesamtbild der dritten Abwärtswelle hat sich dadurch jedoch nichts grundsätzlich geändert.

Bleibt zunächst nur weitere Daten abwarten, sowie mit zugegeben etwas holpriger Überleitung die heute etwas eingehendere Beschäftigung mit den aktuellen Themenschwerpunkten, die uns wahrscheinlich noch mindestens über 2008 weiter begleiten werden.

Neben dem "doppelten Lottchen" beim Auftragseingang gibt es in Deutschland zwei Bereiche, in denen wertvolle geistige Ressourcen massenhaft sinnlos verschwendet werden, weil die gesamte Energie und Leistung zumeist komplett auf das falsche Ziel ausgerichtet wird:

Das sind zum einen im Finanzbereich die schier unvermeidlichen "Prognosen zum Jahreswechsel", mit denen der "DAX-Stand zum Jahresende" (meistens alles andere als zielgenau) vorhergesagt wird. Abgesehen davon, daß am 31.12. regelmässig wieder kein Sylvester-Handel stattfindet, ist der Jahresschlußstand als solcher schlicht einfach vollkommen unwichtig. Von elementarer Bedeutung hingegen sind die verschiedenen Entwicklungen im Jahresverlauf, die großen Trends, Wendephasen und Themen, bei denen viel Geld verdient oder verpaßt werden kann oder ggf. sogar verlorengeht.

Zwar ist das Bewußtsein für in naheliegender Zukunft stattfindende Einflußfaktoren, Themen, Trendwechsel, mögliche Ablaufszenarien sowie Saisonalität und Zyklik allgemein in den letzten Jahren deutlich gestiegen, teils durch die vielen Trader mit ihrer vermehrter Erkenntnis von Möglichkeiten zur Gewinnsteigerung und Risikoverminderung jenseits starrer Halte-Strategien, teils durch hervorragende Einzelleistungen engagierter Analysten, trotzdem bleibt der Mainstream, die Medienwelt und ein Großteil des dankbaren Publikums noch immer auf nutzlose Jahresendstandsprognosen fixiert.

Zum zweiten im Bereich der Wirtschafts- und Konjunkturprognostik, für den ganz ähnliches gilt und festzustellen ist. Im fairen Wettbewerb gegen- und miteinander wird vergeblich versucht, die Wachstumsrate des nächsten Quartals, des laufenden und sicherheitshalber auch gleich des nächsten oder übernächsten Jahres vorauszusagen. Dies gelingt jedoch so wenig und wird zwischenzeitlich so häufig revidiert, korrigiert und im Backtesting neu optimiert, daß zuletzt sogar die Politik mit den Resultaten hörbar unzufrieden war.

Derzeit erleben wir grade wieder eine "Korrekturwelle", bei der anläßlich eines praktisch schon Monate zurückliegenden überraschend ausgefallenen Quartalswachstums die Prognosen munter durcheinander teils deswegen herauf, teils genau deswegen weiter herunterrevidiert werden. Dabei ist das Wachstum selbst im "endgültigen" Prozentwert noch eine variable Größe, die regelmässig später und im Nachhinein oft nicht unerheblichen statistischen Revisionen unterliegt. Warum also überhaupt diese starre Ausrichtung auf ein ohnehin leicht schwammiges Ziel, wenn Trendrichtung, Trendstärke und Trendwendepunkte für die Planung in Wirtschaft und Politik doch eindeutig weitaus bedeutsamer sind als vage Zahlenspiele um nun nur 1.6 oder doch noch 1.8 Punkte ?

Hinzu kommt bei möglicherweise brisanten Zukunftsthemen eine fast seltsam beschwichtigende, chronisch schein-optimistische Verdrängungs-Mentalität. Sommer/Herbst 2007 hatten wir tendenziell bei der fachlichen Mehrheit und in den Medien folgende klare und rückwärts google-bare Aussagen:

  • Subprime-Krise:
    wird lt. Experten kaum spürbare Auswirkungen auf Konjunktur und Realwirtschaft haben, allenfalls die berühmt-berüchtigte "kleine Delle im fortgesetzten Endlos-Aufschwung".
  • Inflation:
    ist unter Experten überhaupt kein Thema, allenfalls vorübergehende Randerscheinung, die speziell in D spätestens mit Auslaufen des statistischen MwSt.-Effekts per Jahreswechsel 2008 wieder verschwinden wird.
  • Energiepreise:
    Werden nach einhelliger Expertenmeinung schon sehr bald wieder deutlich sinken, grobe Zielrichtung im Konsens ungefähr 50 US-$ zum Jahresende 2007 möglich.

Heute hingegen, Mitte 2008 dominieren genau diese 3 Themen die Märkte, die Wirtschaft und die Konjunktur: Inflation, Energiepreise und die Banken- bzw. Schuldenkrise.

 

Inflation:

Ein expertenseits offiziell längst totgesagtes Gespenst feiert fröhliche Wiederauferstehung, lohn-preis-spiralt sich wieder emsig durch Wirtschaft und Gesellschaft, hinterlässt "geschockte Verbraucher" und beginnt schleichend Vermögen und Schulden zu entwerten. Die dabei grade für Mai ausgewiesenen amtliche deutsche Inflationsrate liegt bei 3.0%, während die Großhandelspreise im Mai deutlich näher an der Wirklichkeit gegenüber dem Vorjahr um satte 8.1% gestiegen sind. Feste Brennstoffe und Mineralölprodukte wiesen im gleichen Zeitraum ein Plus von 20.7% aus.

Da der amtliche Verbraucherpreisindex neben den laufenden Kosten des alltäglichen Lebens anteilig aber auch die allgemeine Geldentwertung reflektiert, hat das statistische Bundesamt die Zusammenarbeit mit Prof. Hans Walter Brachinger gesucht und den "IWI" als "Index der wahrgenommen Inflation", also der Preissteigerungen des ganz normalen Alltagslebens, ins Programm aufgenommen. Er weist derzeit einen Anstieg der täglichen Lebenshaltungskosten von 12% auf Jahresfrist aus. Regelmässig publiziert und kommentiert wird er ausserdem in der Wirtschaftswoche. Weitergehende Informationen sind via www.wiwo.de mit der Schlagwortsuche "IWI" oder "Inflation" zu finden. Die wahrgenommene Inflation bezieht sich dabei nicht etwa auf "vage Gefühle an der Kasse", sondern nimmt direkten Bezug auf die durchschnittlichen Kaufhäufigkeiten wie z.B. Tanken, Lebensmitteleinkauf, regelmässige Monatsrechnungen, Kino- oder Kneipenbesuch etc.

"Inflationsbekämpfung"
ist ein wundervolles politisches Schlagwort, das auf der amtlichen Unwort-Liste direkt neben "Kampf gegen die Arbeitslosigkeit" oder "Klimasanierung" seinen Platz finden sollte, weil sich dabei ausgerechnet der Hauptverursacher des Problems zu seinem intimsten Gegner aufspielt und sich selbst damit zu Tarnzwecken das harmlos grüne Robin-Hood-Mäntelchen überwirft. Teuro-Einführung, Mehrwertsteuererhöhung, dynamisch wachsende Mehrfachbesteuerung bei Energie, zunehmende staatserzieherische Zusatzabgaben, das läppert sich ausreichend zusammen, um mißtrauisch die "Cui-Bono-Frage" zu stellen. Damit aber noch nicht genug, läßt sich der "Preistreiber Staat" auch statistisch exakt nachweisen. Mit amtlichen Zahlen des statistischen Bundesamts belegt stieg von Anfang 1995 bis Ende 2006

  • der Index der Verbraucherpreise OHNE staatlich festgesetzte oder staatlich mitbeeinflusste Preise von indexierten 100 auf 117.1 Punkte,
  • der Index sogenannter "administrierter Preise", also mit staatlicher Beeinflussung der Preisbildung, von indexierten 100 auf 131.4 Punkte,
  • der Index "direkt administrierter Preise", also allein direkt staatlich festgesetzt, von indexierten 100 auf 144.7 Punkte.

Da ist der eigentlich erst dynamische Aufgalopp krass steigender Lebenshaltungskosten 2007 und im laufenden Jahr noch garnicht mit enthalten. Die Differenz zwischen "freier Marktwirtschaft" und preistreibender "staatlicher Über-Regulierung" dürfte heute noch bedeutend viel größer geworden sein.
Direkt und hart getroffen von dieser Entwicklung werden vor allem sozial Schwächere, Rentner, Studenten, Geringverdiener und kinderreiche Familien, da sie einen vergleichsweise viel höheren prozentualen Anteil ihres Einkommens direkt wieder in den Alltagskonsum investieren müssen, also in ungefähr die im IWI ausgewiesenen drastischen 12% mehr auf Jahressicht. Man nennt dies wohl "realexistierende soziale Marktwirtschaft".

Allerhöchste Zeit also, daß Gewerkschaften und besonders engagierte "Sozialpolitiker" nach Gerechtigkeit ob der von ihnen selbst direkt verursachten Misere schreien. Die erfolgt bei der arbeitenden Bevölkerung inform von Lohn- und Gehaltserhöhungen. Die mittels der "kalten Progression" sofort wieder vom Staat abkassiert wird, auf dem Weg überdurchschnittlich höherer (progressiver) Besteuerung von Lohnsteigerungen, sodaß netto real trotzdem nichts oder im Extremfall bzw nach eingerechneter Inflation sogar noch deutlich weniger übrigbleibt als vorher. Einziger Grund dafür ist die absichtliche Nichtanpassung der geltenden Einkommenssteuertarife an die jeweilige Kaufkraftentwicklung. Einzige praktische Folge neben höheren Steuereinnahmen des Staates ist die wiederum inflationierende Weitergabe höherer Lohn- und selbstverständlich darauf auch Lohnnebenkosten auf dann in Folge munter weitersteigende Preise (Lohn-Preis-Spirale). Nur so ist es möglich, daß ein kompletter wirtschaftlicher Aufschwung 2005-2007 völlig am Bürger vorbei umgeleitet wird, sodaß Wachstumsraten von zeitweise deutlich über 3 Prozent trotzdem mit sinkenden Nettorealeinkommen einhergingen.

Fazit: Größter Preistreiber ist alleine der Staat, sprich die angeblich so soziale und gerechte Politik höchstselbst. Nicht etwa Phantome wie "die Globalisierung", das Klima, die Weltlage, die reale Verknappung und Verteuerung einzelner Ressourcen oder sonstiger in den Medien gern aufgeführter Blödsinn von preistreibend milchwegtrinkenden Chinesen, gierigen Heuschrecken und Spekulanten, Ölscheichs oder Al-Quaida. Im Gegenteil, wie sich in der aktuellen weltweiten Lebensmittelpreiskrise zeigt. Wenn staatliche Mißwirtschaft so weit geht, daß mit Steuern subventionierte Lebensmittelüberschüsse in Drittweltländern zu nur 30% des dortigen Inlandserzeugerpreises verkauft werden, sodaß die heimische Produktion daran zwangsläufig praktisch zugrundegeht, entsteht ohne Sinn und Verstand und vor allem wirtschaftlich ohne Grund und ohne Not echte bittere Not.

 

Bankenkrise/Schuldenkrise:

Wir befinden uns im Jahre 2008 n.Chr. Ganz Bankenland stöhnt unter neuen Abschreibungen, Gewinnrückgängen oder Quartalsverlusten. Ganz Bankenland? Nein! Ein von unbeugsamen Bänkern bevölkertes Dorf hört nicht auf, der selbstverschuldeten Katastrophe tapfer Widerstand zu leisten. Das kleine Dorf liegt direkt an der Düssel tief im Westen wo die Kohle versinkt, und dort werden unter Leitung eines Triumvirats aus Verleihnix, Verbuchfix und Bilanztrix mit Hilfe des hochverschuldeten Finanzdruiden Beschirmdich-Aberhabnix bei der West-LB tatsächlich antizyklisch schon wieder Riesengewinne erzielt. Rekordverdächtige 1046 Millionen allein im ersten Quartal 2008. Das operative Geschäft brach zwar drastisch ein, es entstand jedoch wertverlustbefreit ein zaubertrankbedingt stark beschwingter "Sondergewinn" von satten 947 Millionen durch Rückbilanzierung von Abschreibungen aus der Übertragung zum Nominalwert (!) des auch 2008 weiter arg gebeutelten Milliardenportfolios unverkäuflicher strukturierter Wertpapieren an eine, da schau an, ausserbilanzielle Zweckgesellschaft.

Theoretisch könnte man dies im zweiten Quartal sogar wiederholen, indem man zunächst die Papiere zum Realwert wieder in die Bilanz nimmt und sie erneut zum Nominalwert in eine Zweckgesellschaft überträgt. Dann hat das Geldverdienen im kleinen Dorf an der Düssel ja praktisch nimmermehr ein Ende. Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, während in Villa Banco noch geschrubbt, saniert und abgeschrieben wird, wird in Villa West-LB schonwieder gefeiert. Da lachen diesmal ausnahmsweise sogar die römischen Legionäre, die als Besatzung in den befestigten Lagern Babaorum, Aquarium, Laudanum und Kleinbonum sicherheitshalber stationiert wurden, damit der Bilanzkarneval nicht aufs ganze Bankenland übergreifen kann.

Fazit: Der neudeutsche Weg der Problemverdränglösung ist konsequent zuende gegangen natürlich weder lustig noch sonderlich erfolgversprechend. Aber typisch für eine Politik, die "Klimasanierung" offiziell ganz oben auf der Dringlichkeitsliste stehen hat. Die höchst zweifelhaften zeitweiligen Abschirmungen verzerren natürlich auch den Wettbewerb und schaden damit den Sanierungs- und Konsolidierungsbemühungen der gesamten deutschen Banklandschaft.
Wenigstens ein Alleinschuldiger ist inzwischen offiziell ausgekuckt und benannt worden: die Ratingagenturen, die jetzt den schwarzen Peter für das US-Subprime-Gesamtkunstwerk zugeschoben kriegen. Weil sie ganz versehentlich falschetikettiert haben, was zuvor als breit angelegtes US-Konjunkturstützungsprogramm zulasten Dritter konstruiert, vorbereitet, kaschiert verbrieft und verkauft wurde.

 

Energiepreise:

Auch bei der "Ölpreisblase" sind schuldige Verursacher ganz schnell gefunden: Spekulanten, Ölscheichs, die Globalisierung oder gar der Iran sind (angeblich) verantwortlich für die hohen Energiepreise weltweit. Schon damit fängts an, denn es gibt durchaus einige Länder, in denen man für einen umgerechneten Gegenwert von 5.- Euro noch volltanken kann, ohne daß sich dabei staatliche Mineralölsteuer plus "Öko-Steuer" plus auf beides sozialgerecht erhöhte Mehrwertsteuer im Preis aufschaukeln. Was schon im Normalfall zu einer Quasi-Nochmalbesteuerung der Basissteueranteile führt, die aber, wie jetzt bei einem dynamischen Anstieg des "steuerlichen Underlyings", dann völlig selbsttätig zu galoppieren beginnt. Ähnlich wie oben bei der allgemeinen Inflation ist der Staat hier eindeutig und vor allem ganz systematisch (ähnlich wie bei der "kalten Progression" der Einkommensteuer) Oberster aller Turbo-Preistreiber.

Dagegen hält die politisch vielgeliebte "Spekulanten-These" keinerlei realitätsnaher Überprüfung stand: In den betreffenden COT-Daten (Commitments of Traders) kann man klar erkennen, daß insbesondere die "Small Spec´s" die Hausse eher komplett verpasst haben anstatt hier etwa noch fleissig Öl ins Feuer zu gießen. Auch die institutionellen Analysen des letzten Jahres von Banken, Brokern und Energiehändlern sagten zwar alles mögliche, aber keinen Ölpreis oberhalb 100.- US-$ voraus. Zu genau identischen Ergebnissen kommen bestätigend weiterhin die Sentiment-Umfragen (wie z.B. Sentix) hinzu, wo sich seit Monaten das äußerst seltene Phänomen zeigt, daß stark ansteigende Kurse mit parallel kräftiger Abnahme des (bullishen) Sentiments einhergehen.

Wer hier also von einer "Spekulationsblase" spricht, redet entweder bloß dummes Zeug oder will absichtlich von den wirklichen Verursachern ablenken. Und negiert darüber hinaus völlig die Tatsache, daß das verfügbare Rohöl-Angebot mit der wachsenden Weltnachfrage einfach nicht Schritt hält. Bereits 2005 hat die US-Aufsichtbehörde CFTC in einer Untersuchung ermittelt, daß die Big Players am Terminmarkt (wie Hedge-Fonds) keinen nachweisbaren manipulativen Einfluß auf das Preisgefüge der Ölmärkte haben. Jetzt läuft eine erneute Untersuchung.

Möglicherweise zusätzlich nützlich ist der scheue Seitenblick auf einen Langfristchart, z.B. via Markt-Daten.de. Hier erkennt man sofort mit bloßem Auge, daß in Folge der Beruhigung nach dem ersten Ölpreis-Schock der 70er Jahre der Ölpreis über die folgenden Jahrzehnte (von kurzen Spitzen abgesehen) im Schnitt sehr friedlich und erträglich zwischen 10 und 30 US-$ pendelte. Erst nach "War on Terror" und dem amerikanischen Angriff auf den Irak folgte 2004 der Ausbruch über 40.- US-$. Über die innige Verquickung führender NeoCon-Politiker mit den großen anglo-amerikanischen Öl-Multis braucht man nicht spekulieren, allenfalls zusätzlich interessant, daß diese Multis natürlich nicht die aktuellen Spot-Preise der Energieterminmärkte bezahlen, sondern sich nach Notierungen z.B. von Petroleum Argus oder Platts richten. Diese "groß-institutionellen Insiderpreise" sind dem sterblichen Normalbürger aber weder bekannt noch irgendwie zugänglich.

Fazit: Die Energiepreise, die Bürger und Unternehmen im "unvermeidlichen Konsum" zwangsweise täglich bezahlen müssen, sind zwar sehr drastisch und stark konsum- und konjunkturschädlich, aber auch alles andere als "ausser Kontrolle von macht- und hilflosen Politikern". Die entsprechende Jammerei über einen "anormalen Ölpreis" ist reines Vergießen von Krokodilstränen, solange dabei die "anormale Mehrfachbesteuerung" als erzieherische Zwangsmaßnahme einer plan- und substanzlosen ökologischen Energiewendepolitik mitsamt umverteilenden Quersubventionen in Kraft bleibt.

 

Thomas A. Spörer

BlogKontakt oder Kommentare direkt im Blog plazieren (Anmelden erforderlich)

 

nach oben