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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im Mai 2008?

von Thomas A. Spörer

KID Mai 2008

Chart grösser

Die dritte Abwärtswelle rollt

Mit der Prognose vom April landete der KID erneut einen Volltreffer, das relativ gesicherte "Outlook: Sunny" wurde wetterseits im Mai täglich mehr als vollumfänglich bestätigt.

Auch die seinerzeit recht antizyklische Januar-Prognose (Zitat:)

  • "Jahresauftakt vorläufig positiv! Angesichts der momentanen Stimmungslage erscheint diese Aussage provokativ - doch aus der Verunsicherung zum Jahreswechsel ist inzwischen in der Tat ein erster vorläufiger Hoffnungsschimmer für das Jahr 2008 geworden."

ist inzwischen voll und ganz eingetroffen. Das deutsche Brutto-Inlandsprodukt im ersten Quartal 2008 stieg im Vergleich zum Vorjahresquartal vorläufig um 2.65% und erreichte damit sogar noch einmal die Wachstumswerte des Sommers 2007.

"Volkswirte ratlos" kommentierte die Presse. Da hat sich das VWL-Studium ja doch irgendwie gelohnt. "Die deutsche Volkswirtschaft ist nach wie vor in guter Verfassung, allerdings lässt die Dynamik nach." kommentierte Sachverständigenrats-Vorsitzender Bernd Rürup. Und lag damit gleich zweimal voll daneben: Die Wachstumsdynamik stieg im ersten Quartal 2008 im Vergleich zum Vorquartal auf in der Tat überraschend starke +1.53% nach nur +0.27% im Quartal davor. Wer KID und vorlaufenden Oszillator seit Januar bis heute mitverfolgt hat, konnte miterleben wie sich der vorläufig positive Jahresauftakt mit Überwindung der kurzfristigen Abwärtstrendlinie C (siehe Januar-KID) ganz langsam zunächst in erhebliche Zweifel, dann in die labil stabile Seitenlage und heute nun schließlich in die dritte Abwärtswelle aufgelöst hat. Wahrlich kein Zeichen von besonders "guter Verfassung" der deutschen Konjunktur und Wirtschaft, ausser man steht grade mit dem Rücken zum Trend. Höchste Zeit aber, daß einige führende Institute spontan ihre Gesamtjahresprognosen wieder nach oben setzen und gleichzeitig auf eine mögliche Abschwächung im Jahresverlauf hinweisen, sodaß das ganze Spektrum der Möglichkeiten erneut treffsicher abgedeckt scheint.

Allgemeines Rätselraten herrscht anscheinend noch um die Gründe für den "Boom" des deutschen ersten Quartals. Neben dem milden Winter hierzulande spielt da der bekannte zeitliche Nachlauf zur US-Wirtschaft natürlich seine übliche Rolle, dazu wahrscheinlicher Überhang sowohl beim Export als auch in der zeitlichen Kette von (speziell in den letzten Monaten stark von ausländischen Großaufträgen dominierten) Auftragseingängen bis hin zur laufenden Produktion. Eine weitere Nachlaufverzögerung dürfte diesmal zusätzlich dadurch entstehen, daß die Bankenkrise die Realwirtschaft erst mit erheblichem Zeitverzug treffen kann und wird, da Unternehmen und Konsumenten hier ja noch nicht direkt von der Bankenhand in den Mund leben. Weiterhin ist die fragwürdige künstliche Liquiditäts-Überversorgung anzuführen, sowie speziell in Deutschland die geflissentliche Verschleierung und Verschleppung sichtbarer Folgen der Schuldenkrise. So kommt insgesamt schließlich einiges an Ursachen zusammen, um überraschend einen zünftigen "Dead Cat Bounce" mitten in der (zitiert) "größten Finanzkrise der Nachkriegszeit" aufs Parkett zu legen.

In kontinuierlicher Fortsetzung medizinischer Analysen der letzten KID-Kommentare liegt momentan sogar die Vermutung nahe, daß die relative Abschreibungs-Radikalkur in den USA, GB und CH sich letztendlich noch gesünder auswirken wird als die deutsche Verschleppung über lange Inkubationszeiten mit zwischenzeitlichem Frohsinn und möglicherweise dafür später stärkeren Symptomen und langsamerer Erholung. Teils hat sich sogar der Eindruck durchgesetzt, die Banken- und Schuldenkrise sei hierzulande bereits erfolgreich überwunden, bzw. erst garnicht existent (Zitat: "Subprimekrise ist nur eine Scheinkrise"). Einerseits wegen einer gewissen Gewöhnungsresistenz gegenüber den aktuellen Abschreibungs-, Gewinnwarnungs- und Verlustmeldungen im ersten Quartal bei den privaten Banken, andererseits wegen des völligen Ausbleibens neuer Katastrophenmeldungen aus dem Sektor öffentlich-rechtlicher Landesbanken. Nicht das es hier etwa garnichts mehr abzuschreiben gäbe, man verbirgt im friedlichen Funktionärs-Einvernehmen die entstandenen zumindest teils irreparablen Schäden unter politischen Schirmchen und bilanziell ausgelagert, sowie mittels realitätsferner Bewertungsmaßstäbe ordentlich geschönt. Dies fügt sich fast nahtlos an die "Erfolgsmeldungen" von der Arbeitsmarkt- und Inflationsfront: wirklich nur noch ein paar Millionen Ein-Euro- oder Mini-Jobber mehr, schon herrscht landesweit endlich wieder kerngesunde Vollbeschäftigung wie zu Erhard´s besten Zeiten.

"Stimmung zieht Realwirtschaft" lautete die KID-Überschrift im Februar.
"... nach unten" könnte man heute abschließend hinzufügen. Nach den weichen sentimentalen sind inzwischen auch die harten Daten der Realwirtschaft deutlich abgeglitten. Mit dem aktuellen Datenkranz wurde nicht nur der labilen Seitwärtsbewegung ein abruptes Ende gesetzt, der KID rutschte gleich weiter durch das beim letzten Mal mit rotem Pfeil markierte Linienkreuz: die dritte Abwärtswelle in der seit 2001 vorherrschenden wellig-zähen Konjunkturschaukel. Falls hier demnächst nicht schnell noch ein paar halbwegs stabilisierende Daten hinzukommen, droht neben dem bereits erfolgten kurzzeitigen Verlassen des langfristigen Aufwärtstrends A ein Durchrutschen bis auf die heute tiefergelegte mit rotem Pfeil markierte Linie B. Statistisches Mittelmaß adé: dies hieße im Jahresverlauf sicher wieder die kleine Null vor dem Komma. Während in der Politik noch um die gerechte Umverteilung des großen Kuchens gestritten wird, ist der in Wirklichkeit längst schon wieder vom Tisch verschwunden. Beim Bürger ist vom ganzen Aufschwung diesmal so gut wie nichts wirklich angekommen.

Aus "Outlook: Stable" ist im Wonnemonat Mai ein klares "Outlook: Negative" für die deutsche Konjunktur geworden, trotz Sonnenschein, starkem Erstquartal, scheinbaren politischen Problemlösungen und leichter Entspannung an Aktien- und Kreditmärkten. Der KID-Oszillator zeigt in letzter Zeit, siehe senkrechte grüne Linien, offenbar überdurchschnittlich viel Vorlauf, sodaß sich daraus inzwischen ein möglicher "konjunktureller Gesamtjahres-Ablaufplan 2008" ablesen lässt: zwei Abwärtsschwünge mit einer kleinen Stabilierung dazwischen. Zitat aus dem April: "... der KID-Oszillator widerspricht zumindest der allgemeinen Konsens-These eines schwachen ersten gefolgt von einem erhofft wieder deutlich stärkeren zweiten Halbjahr." Sondern zeigt aktuell das genaue Gegenteil. Noch über einige Monate werden sich die notleidenden Hypothekenkredite weiter kumulieren, im Hintergrund grummelt bereits das nächste mögliche Desaster heran, erstmals mit sichtbaren Spuren in der jüngsten HSBC-Bilanz inform kräftig wertzuberichtigender verbriefter Kreditkartenschulden.

In diesem Umfeld mitsamt Euro und Ölpreis werden es der DAX und seine Freunde im weiteren Jahresverlauf sicher nicht wirklich leicht haben. Da macht es Sinn, sich rechtzeitig wieder an die alten Regeln zu erinnern: Ein erfolgreicher Abschluß einer (inversen) Kopf-Schulter-Umkehrformation wird erst durch hohes Volumen im Ausbruch tatsächlich nachhaltig bestätigt. Zwischen 7300 und 7400 lauern ausserdem noch erhebliche Widerstände, innerhalb der Seitwärts-Range. Was dagegen der Rentenmarkt im Spannungsfeld einer "kaschierten Stagflation" zwischen mehr oder weniger stark rezessiver Wirtschaft und weiter inflationärer Realpreisentwicklung anstellen wird, wissen bis heute nur die Zinsgötter ...

 

Thomas A. Spörer

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