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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im April 2008?

von Thomas A. Spörer

KID Dezember 2007

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Outlook stable....

"Outlook stable" lautet das Rating für die deutsche Konjunktur aktuell und weiterhin. Im Berichtszeitraum war dabei zunächst ein "Watch negative", danach ein "Watch positive" und schließlich der momentan wieder neutrale Ausblick zu sehen. Für die heutige Grafik ist daher erneut der blaue Seitwärtspfeil mit in die Watchlist aufgenommen worden. Die zwischenzeitlichen Schwankungen sowie ein Seitenblick auf den KID-Oszillator empfehlen jedoch nur das Fazit "labile Stabilität".

Wie schon einmal 2004 sowie erneut um den Jahreswechsel 2006/2007 erleben wir eine ausgeprägte Seitwärtsphase im Indikator. Immerhin gab dies Anlaß, den langfristigen Abwärtstrendkanal B erneut genauer unter die Lupe zu nehmen und anschließend zu justieren. Betrachtet man das untere Extrem 2001 nach 9/11 als ausserhalb der normalen Bandbreite, liegen wir momentan und nun schon über mehrere Monate genau auf der Mitte dieses Bandes. Damit hat auch die relative Ratlosigkeit aus den Iden des März ein Ende und macht Platz für die Ideen des April.

Ausgehend vom hier vorhergesagten und wieder erreichten Mittelmaß besteht momentan hohe Wahrscheinlichkeit einer prinzipiellen Fortsetzung der labil stabilen Seitwärtsbewegung der deutschen Konjunktur, im positiven Extremfall innerhalb des gelben Bereichs. Ausreißer nach oben sollten sich im grün markierten Bereich (saisonale Frühjahrsbelebung, siehe KID-Oszillator) bzw ungünstigenfalls nach unten (dritte Abwärtswelle) in die rote Zone abspielen. Wo das amtliche Mittelmaß 2008 sich genau befindet, dürften die Zahlen zum deutschen BIP im ersten Quartal 2008 definieren. Sie werden in knapp vier Wochen am 15. Mai veröffentlicht und sollten unter den derzeitigen Voraussetzungen Maßstabs-Charakter zumindest für die erste Jahreshälfte haben.

In den aktuellen Zahlen haben wir nach wie vor Ausgewogenheit der Extreme, weiterhin durchaus robuste harte Daten, dazu Stimmungswerte z.B. bei den US-Verbrauchern wie sie lange nicht mehr gesehen wurden. Ergänzt jedoch durch noch immer relativ stabile Einzelhandelsumsätze, die zwar abgeschwächt aber keineswegs schon großkatastrophal aussehen. Da Stimmung ein labiles Medium ist, kann man solche krassen Werte sowohl als Katastrophen- sowie genausogut als Signale einer baldigen Wende interpretieren. Weil der durchschnittliche Konsument einfach keine tiefe Dauerdepression zu tragen bereit und imstande ist. Ähnliches gilt natürlich auch für den durchschnittlichen Aktionär.

Interessanterweise ist der US-Auftragseingang ausgerechnet für nicht-langlebige Wirtschaftsgüter zuletzt deutlich gestiegen, hier plant man vermutlich die Erholung bereits ein oder setzt auf mögliche Diskrepanzen zwischen Konsumentenstimmung und tatsächlichem späteren Konsumverhalten. Auch die Einkaufsmanager diesseits und jenseits des Atlantiks hielten sich tapfer: in den USA leicht verbessert aber weiter unterhalb der 50%-Marke, in Euroland nur leicht abgeschwächt insgesamt 2 volle Punkte darüber, in Deutschland sogar klar aufwärtsgerichtet. Unsicherheit, Zweifel und Hoffnungen bestimmen insgesamt weiter das Datenbild, das im KID-Resultat ausgewogen labil stabil seitwärts mündet. Insofern suboptimales Timing, daß ausgerechnet jetzt die Politik ansonsten begründete Forderungen nach mehr verläßlicher frühzeitiger Prognosequalität der Konjunktur- und Wirtschaftsforschungsinstitute stellt.

Sich treu bleiben auch die Experten unter den Ökonomen: Noch vor neun Monaten war nach ihrer Aussage "Inflation absolut kein Thema". Heute, wo die Wiedergeburt der zyklischen Inflation überall bis in die BILD-Zeitung Thema geworden ist, wo erste Unruhen wegen stark steigender Lebensmittelpreise aus ärmeren Regionen im Ausland gemeldet und im Inland die ersten Tarifrunden der laufenden Lohn-Preis-Spirale gedreht werden, prophezeihen sie baldige Beruhigung und Normalisierung an der Inflationsfront. Ruhe ist erste Ökonomenpflicht.

Im Frühjahrsgutachten bescheinigt man uns angesichts der US-Krise immerhin ein "intaktes Immunsystem" gegenüber transatlantischen Verkühlungs- und Ansteckungsgefahren. Davon ab, daß in den USA zunächst mal nur die Stimmung, weniger noch die Realwirtschaft selbst bereits in der Rezession steckt, läßt dies natürlich eine diesmal denkbare längere Inkubationszeit ausser Acht. Erschwerend kommen grundsätzliche Unterschiede bei der finanzmedizinischen Therapie auf den Intensivstationen der Hauptbetroffenen USA, Schweiz und Deutschland hinzu.

Bei den ersten beiden setzt man auf den entschlossenen chirurgischen Schnitt, schreibt wie bei UBS oder CitiGroup im ersten Quartal erneut gewaltige Milliardensummen ab und überdenkt mit offenen Karten im Emergency Room ernsthafte Konsequenzen. Die Deutsche Bank präsentiert immerhin auch eine Gewinnwarnung, andere große private Institute haben ihre ABS-Bestände inzwischen konsequent halbiert und adhoc bereits weitere hohe Abschreibungen angekündigt, oder kämpfen wie HRE sichtlich sehr aktiv ums Weiterleben und eine zusätzliche wärmende Kapitaldecke durch zugeführte private Investorengelder.

Vermeintliche Wunder hingegen geschehen derzeit bei den betroffenen deutschen Landesbanken. "Als spontangeheilt entlassen" präsentiert sich z.B. die West-LB und kündigt sowohl das endgültige Ende aller lästigen Abschreibungen als auch ein sofort wieder positives Ergebnis für das erste Quartal 2008 an. Die erfolgreiche Therapie unter fachlicher Leitung politischer Kassenärzte erinnert stark an verzweifelte Selbstheilungsversuche chronisch spielsüchtiger Probanden: die riesigen Verlustpositionen werden einfach zum Einstandspreis in eine neue Zweckgesellschaft ausgelagert, ergo kann man schöne kleine "Realgewinne" in der Bilanz vorweisen und darf vor allem ohne direkte Konsequenzen weiter mitspielen. Die Zombies im tiefen Keller versteckt warten solange brav auf die "erlösende Markterholung" - die es zumindest für Subprime und nicht direkt verwertbare komplexe Kreditderivate aber niemals geben wird.

Lebende Untote sind bekanntlich therapieresistent und gefährden ausserdem das Immunsystem und die notwendige Therapie der ganzen deutschen Bankenlandschaft. Politisch dürfte es sich ausserdem nur um eine medizinisch äusserst fragwürdige "Schonfrist" handeln, denn in absehbarer Zeit drohen dadurch ernsthafte Komplikationen, die sich bereits seitens der EU-Wettbewerbshüter und auf dem letzten Treffen der G7-Finanzminister ankündigten. Zu Recht, wie die offenbare Gefährdung der zukünftigen Förderfähigkeit der KfW wegen der IKB-Garantien mehr als deutlich beweist. Wettbewerbsrecht und verbindliche Bilanzierungsrichtlinien wurden schließlich nicht zum Spaß erdacht. Auf dauerhafte Verläßlichkeit politischer Bluttransfusionen aus Steuergeldern sollte man besser auch nicht setzen. Im Ernstfall dürfte angesichts näherrückender Wahlen die politische Bereitschaft erheblich sinken, sich mit einer im selbstlosen Samariterdienst erworbenen häßlichen Subprime-Verlustinfektion dem zahlenden Wahlvolk zu präsentieren.

Insofern weist speziell das deutsche Immunsystem erhebliche Lücken und Schwachstellen auf, die typische "deutsche Krankheit" des geflissentlichen Verdrängens und bequemen Aufschiebens in die Zukunft anstelle konsequenter Reformen und notwendiger Strukturveränderungen in der Gegenwart. Momentan scheint die Lage ganz klar: Amerika steckt tief in Krise und Rezession, bei uns ist wenigstens oberflächlich alles wieder halbwegs in gewohnter Ordnung. Ob mögliche Spätinfektion oder längere Verschleppung des Leidens, und wieviel Vitalität der jeweilige Therapieansatz der Krise am Ende für Konjunktur und Wirtschaft freisetzt, wird sich aber erst noch herausstellen. Das aktuell erneute Abwärtshäkchen im KID-Oszillator widerspricht zumindest der allgemeinen Konsens-These eines schwachen ersten gefolgt von einem erhofft wieder deutlich stärkeren zweiten Halbjahr.

Zumindest die Märkte spielen schon ansatzweise Erholung und versuchen die Krise abzuhaken. Ob dies auf Anhieb gelingt, scheint fraglich. Dennoch zeigt sich grade am Beispiel CitiGroup eine gewisse Therapiepräferenz der Marktteilnehemer: schonungslose Offenheit und aktiver Einsatz bei der Krisenbewältigung schaffen offenbar mehr Vertrauen als das intransparente deutsche Gemauschel unter fragwürdigen politischen Schutzschirmen.

Dennoch gilt das oben zur Konjunktur gesagte auch für die Aktienindices: momentan nur labile Stabilität, die sowohl zeitweises Frühlingserwachen als auch erneute Rückschläge je nach Nachrichten- und resultierender Stimmungslage beinhalten kann. Dax & Co stehen unmittelbar vor einer kurzfristig entscheidenden Bewährungsprobe inform massiver Widerstände nach oben. Beim S&P 500 ist dies der Bereich 1400-1450, beim DAX zunächst der Zwei-Jahres-Schnitt und ein Mehrfachkreuz zwischen 6850 und 7000. Die fallende 200-Tage-Linie liegt bei knapp 7400 und erst darüber würde ein endgültiger Test des aktuellen Abwärtstrends anstehen. Viel Arbeit für den herannahenden Frühling. Möglich scheint auch, daß sich aus der Seitwärts-Range in den kommenden Wochen eine inverse Kopf-Schulter-Umkehrformation herausbildet, deren Nackenlinie dann um 7000 Punkte läge.

Falls die Konjunktur sich aus der laufenden Seitwärtsbewegung doch noch für eine dritte Abwärtswelle entscheiden sollte, drohen natürlich auch hier in Folge erneute Tests der alten oder sogar neue Tiefstände. Nur der Rentenmarkt scheint bereits eine Richtungsentscheidung vorwegzunehmen. Aber hierbei spielt natürlich das im Hintergrund auferstehende Inflationsgespenst eine zusätzlich belastende Rolle. Erst ein markantes Unterschreiten der 113.- würde Klarheit schaffen, ob es sich nur um das fast schon traditionelle Frühjahrs/Frühsommer-Tief handelt oder um eine generelle Zinswende. Genau gegenläufig zu den Staatsanleihen begann parallel mit der Entspannung bei den itraxx-Indices eine leichte Erholung bei Corporate Bonds.

Für den weiteren Jahresverlauf insgesamt entscheidend dürfte die erwartete Entwicklung für das zweite Halbjahr werden. Hier liefert der weit vorlaufende KID-Oszillator ein erstes ernstzunehmendes Warnsignal, dessen Weiterentwicklung man scharf im Auge behalten sollte. Falls daraus eine verzögerte dritte Abwärtswelle der Konjunktur als mögliche Spätfolge der Kreditkrise für die Gesamtwirtschaft resultiert, werden die in der Zwischenerholung aufgebauten Hoffnungen enttäuscht, was eine Fortsetzung der Korrektur in eine Baisse auslösen könnte. Aber soweit sind wir heute noch nicht, noch gilt "Outlook: Stable", Richtung Mai erfreulich ergänzt durch ein relativ gesichertes "Outlook: Sunny!" ...

 

Thomas A. Spörer

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