von Thomas A. Spörer

Ball of Confusion....
Der März 2008 beschert eine grundsätzlich neue Erfahrung: Es gibt Momente im Wirtschaftsleben, da ist der schnellste und weitreichendeste deutsche Konjunkturindikator zugegeben auch der Ratloseste :-)
Der Blick auf die Grafik zeigt zunächst ein übergroßes Fragezeichen. Der Indikator selbst bröselt seitwärts dahin und liefert damit eine Quasi-Null-Information - abgesehen davon daß früher oder später eine Richtungsentscheidung mit Sicherheit ansteht, da wir uns in die Spitze eines leicht abfallenden Dreiecks aus der 50%-Linie B und der steilen Abwärtstrendlinie C hineinbewegen. Im Verlauf der letzten vier Wochen wurde die untere blaue Linie einmal erfolgreich getestet, damit ist (zunächst!) die mögliche dritte Abwärtswelle verhindert worden. Und schon heute kann man ziemlich sicher sagen, daß auch ein Ausbruch nach oben über die steile Abwärtstrendlinie C erstmal keinen sofortigen neuen Aufschwung auslösen wird, sondern nur als positives Stabilisierungszeichen gewertet werden müßte. Eine dritte Abwärtswelle im laufenden Zyklus scheint im derzeitigen Umfeld jederzeit ansatzlos ohne Probleme möglich. Nur zu sehen ist da momentan nichts wirklich Konkretes.
Der Datenkranz der vergangenen vier Wochen entsprechend insgesamt eher farblos, zumindest im Vergleich mit den täglich neuen Katastrophenmeldungen aus dem Banken-, Hypo- und Finanzkrisensektor. Nach wie vor ist die wirtschaftliche Lage (noch) besser als die Stimmung, auch in den USA. Die durchaus erstaunlich stabilen harten Daten im Euroland begannen jedoch zuletzt auch schon sachte wieder zu bröckeln. Eine Gefahr die schon beim Februar-KID angedeutet wurde. Das Studium einzelner Zeitreihen bringt derzeit leider keine zusätzlichen neuen Erkenntnisse - einige besser als erwartet, andere schlimmer als befürchtet, viele wie der US-Einkaufsmanagerindex weiter im zähen Kampf mit der "entscheidenden Linie".
Keine wirkliche Klarheit schließlich auch beim allgemeinen Sentiment. ifo traut nun (sinngemäßes Zitat) "der Wirtschaft mittelfristig keine großen Sprünge mehr zu". Der ZEW-Index hingegen stieg zuletzt schon zum zweiten Mal in Folge an und beweist damit wenigstens etwas an Glauben, daß "das Schlimmste bereits überstanden sei". Ernüchternd dagegen die jüngsten Medienberichte, daß bis heute möglicherweise erst ein Drittel aller erforderlichen Abschreibungen weltweit tatsächlich erfolgt ist. S&P setzt aber (zweck)optimistisch wiederum dagegen, möglicherweise sei der Höhepunkt der Abschreibungswelle schon erreicht. Da kann sich jeder sofort ein Bild aller möglichen Möglichkeiten passend zur eigenen Gemütslagen heraussuchen. Sentix konstatierte vergangene Woche zutreffend, daß die Angst nun im Aktienmarkt angekommen ist. Dennoch sehen wir aber (noch?) keinen übermässigen Abgabedruck. Allgemeiner Konsens lautet "überall schlechte Stimmung" - aber Cognitrend zählt gleichzeitig das Verhältnis von Bullen und Bären mit aktuell 53% zu 21%. So what?
Fazit: Gute Zeichen, schlechte Zeichen ("GZSZ") - je nach Interpretation, und das DAX-Tief vom Freitag lag immerhin magische sieben Punkte über dem Tagestief vom 23. Januar. Steht hier eine finale Entscheidung an? Dienstag ist Zinssenkung, Gründonnerstag ist Verfallstermin und direkt danach folgt Ostern.
Sofern man gewillt ist, Konjunktur- und Marktentwicklungen als beständigen Kampf zwischen Aufwärts- und Abwärtskräften zu betrachten, so befinden wir uns grade irgendwo mittendrin im konfus hin und her wogenden Kampfgetümmel, wo es schon Mühe macht überhaupt den Überblick zu behalten, geschweige denn einen möglichen Ausgang der Gesamtveranstaltung erkennen zu können. Inzwischen hat der Handelsblatt-Barclays-frühindikator für März sinngemäß den provokativen KID-Titel vom Januar eingeholt: "Deutsche Wirtschaft startet kraftvoll ins Jahr". Während der KID nur zwei nichtsentscheidende Schritte auf der Stelle weiter am gefährlich bröckelnden Rand vorangekommen ist. Der KID-Oszillator ragt derweil schon ziemlich weit voraus ins laufende Jahr hinein und zeigt trotzdem noch nicht mehr als eine relativ schwach ausgeprägte Erholungsmöglichkeit.
Wenigstens eins scheint momentan deutlich erkennbar: Subprime hat inzwischen auch die Politik erreicht. Die US-Notenbank löscht wie ihre Regierung weiter verzweifelt Feuer mit Benzin und beschert dem Rest der Welt damit ein inflationäres Brandrisiko mehr. Der Dollar hat die magische 1.50-Marke problemlos wie weiche Butter passiert, Öl die 100.- in kurzer Zeit um über zehn Prozent hinter sich gelassen, Gold wurde erstmals über 1.000.- gefixt. Dem bislang stabilen Standbein deutscher Exporte droht 2008 erheblich stark euronaler Gegenwind, der Außenhandelsverband rechnet noch mit maximal 5 nach 8,5 Prozent Zuwachs. Das Konsumklima verharrt auf tiefem Stand nähe dem von Anfang 2007, trotz zuletzt etwas verbesserter Einzelhandelsumsätze - die Mehrwertsteuererhöhung ist nach einem Jahr angekommen. Dies hauptsächlich bei Geringverdienern und Familien mit Kindern, also hohem Konsumausgabenanteil am ohnehin sinkenden Nettorealeinkommen. Die man zuvor ja extra entlasten wollte, um sie dann mit Verbrauchssteuern und Abgaben wieder unverhältnismässig höherzubelasten, um sie nun vor der nächsten Bundestagswahl mit der sinnlosen staatlichen Umverteilmaschinerie wieder aufs neue sozial gerecht zu entlasten (Elterngeld, Rentenerhöhung).
Ball of Confusion paradox total schließlich zuletzt innerhalb der innerdeutschen Subprime-Politik. Hier schafft man die Pirouette rückwärts mit doppeltem Tabubruch direkt aus dem Stand auf Anhieb: gleichzeitig Linksrutsch im Zeichen von angeblich noch mehr sozialer Gerechtigkeit für alle, ganz locker kombiniert mit großzügig gerechter Sozialisierung der Milliardenspekulationsverluste deutscher Landesbanken zulasten aller. Realexistierender Sozialismus für Milliardenfehlspekulanten unter nichtfunktionierender politischer Aufsicht und Kontrolle in Vorständen und Aufsichtsräten - sowas kann nur klappen, wenn man parallel zur Ablenkung schnell eine neue Hexenjagd auf Steuersünder mit dazugehöriger Neid- und Gerechtigkeitsdebatte vom Zaun bricht. Koste es doch was es wolle, der gute Zweck heiligt jedes Mittel, notfalls muß man als Rechtsstaat auch mal mit Dieben und Erpressern als Hehler ins Geschäft kommen und sie vor böswilliger Strafverfolgung schützen, um ein paar zusätzliche Steuermilliönchen zur Gegenfinanzierung der in Subprimelöchern auf immer verschwindenden Steuermilliarden aufzutreiben.
Denn wo kämen wir denn hin, wenn man diese Krise etwa als Chance begreifen würde, die Selbstreinigungskräfte des Marktes kontrolliert wirken zu lassen, und so längst antiquierte wie sichtlich ineffiziente öffentlichrechtliche Strukturen konsequent abzubauen, statt ihren ewiglichen Fortbestand ganz selbstverständlich zu Schaden und Lasten der Allgemeinheit zu garantieren? Oder unrechtmässige Steuervermeidung bzw legale "Kapitalflucht" als direkte Folge eines in der Welt einzigartigen wirr-komplexen Steuer- und Subventionssystems, staatlicher Miß- und Schuldenwirtschaft sowie weitverbreitet allgemeiner Perspektivlosigkeit aufgrund der gegebenen Rahmenbedingen zu betrachten? So verhindert man heute schon die Zukunftskonjunktur unserer Kinder, die Altlasten und Schuldenberge (als sozusagen "negatives Elterngeld") eines Tages erben werden.
Da wird dann auch die Frage "Subprime, cui bono?" garnicht erst gestellt, sodaß sie entsprechend unbeantwortet bleibt. Geld ist ja meistens garnicht weg, sondern bloß woanders. Brutalstmögliche Aufklärung hingegen über den zukünftigen Konjunkturtrend wieder in fünf Wochen, hoffentlich ohne fortgesetzte Ratlosigkeit beim nächsten KID. Und auch wenn das statistische Bundesamt die "Teuerungsrate bei Molkereiprodukten und Eiern" aktuell gänzlich ungefärbt mit knallhartgekochten +23,7% angibt:
Fröhliche Ostern !
Thomas A. Spörer
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