von Thomas A. Spörer

Stimmung zieht Realwirtschaft
Zitat aus dem Januar-KID:
Jahresauftakt vorläufig positiv !
Angesichts der momentanen Stimmungslage erscheint diese Aussage provokativ - doch aus der Verunsicherung zum Jahreswechsel ist inzwischen in der Tat ein erster vorläufiger Hoffnungsschimmer für das Jahr 2008 geworden. Mit besonderer Betonung dabei auf dem Wort "vorläufig".
Vier Wochen später sieht es nun heute vorläufig so aus, daß sich die Hoffnung vom Jahresauftakt zunächst einmal ausgeschimmert hat. Im Berichtszeitraum gelang es dem KID zwar, sogar noch weiter aufwärts bis fast zur 75%-Linie des Trendkanals B voranzukommen. Da sowohl ifo- als auch ZEW-Index und schließlich auch der Euroland-Einkaufsmanagerindex später ebenfalls eine hoffnungsvolle wenn auch sehr zaghafte Aufwärtswende hinlegten, konnte der KID erneut "First-Mover-Advantage-Punkte" für sich verbuchen. Der erste kräftige Dämpfer folgte dann mit dem trotz erneut starkem Anteil an einzelnen Großaufträgen schwächeren deutschen Auftragseingang. Hiermit blieb der KID grade noch an der eben überwundenen Abwärtstrendlinie C stehen, bevor ausgerechnet zum früh einsetzenden warmen und sonnigen Februar-Frühlingswetter schließlich der weitere Abstieg zum heutigen vorläufigen Gesamtbild erfolgte.
Mit entsprechend großen Augen textete auch die Presse plötzlich
positive Schlagzeilen: "Ifo-Index überrascht alle" und "Europas
Industrie verblüfft zum Jahresbeginn" bzw "ZEW-Index
steigt unerwartet" oder "Arbeitsmarkt profitiert vom milden
Winter". Doch gegen die sich ständig wiederholenden neuen
alten Negativschlagzeilen "von gestern" hatten diese medialen
Frühlingsblumen noch keine wirkliche Chance, zu kräftig
drängten weiter Katastrophenmeldungen aus dem Bankensektor Bürger
und Anleger wieder ins Stimmungstief.
"Der frühe Vogel fängt den Wurm" bekanntlich,
und frühen Vögeln bot sich hier in doppelter Hinsicht dazu
gute Gelegenheit: Zunächst im Verkauf des überoptimistisch
vergleichsweise weit obengebliebenen DAX, danach im Wiedereinsammeln
der plötzlich panisch verkauften Stücke für die technische
Gegenkorrektur. Beides ausschließlich beim DAX in ungewohnter
Heftigkeit einem bislang völlig unbekannten Herrn Kerviel zu
verdanken, welcher wohl deshalb im Internet kurzzeitig zum tragischen
Volkshelden der Trader-Community avancierte.
Erfreulich dazu noch die Abschlußzahlen zum deutschen vierten Quartal 2007, das mit +1.75% im Vergleich zum Vorjahresquartal noch etwas oberhalb des "statistischen Mittelmaßes" von aktuell 1.51% festgestellt wurde und sogar mit +0.27% eine leicht positive Wachstumsdynamik zum Vorquartal auswies. Trotzdem muß man natürlich konstatieren, daß die revidierte BIP-Datenreihe mit der aktuellen Zahlenfolge 3.95 -> 3.73 -> 2.56 -> 2.48 -> 1.75 über nun vier Quartale abwärts seit dem Top Ende 2006 natürlich keinen "Aufschwung mit Delle" mehr darstellt, sondern mindestens die seit März/April 2007 hier abwärts angekündigte "Rückkehr ins Mittelmaß". Gleiches gilt für die Wachstumsdynamik mit der Zeitreihe 0.99 -> 0.64 -> 0.17 -> 0.66 -> 0.27, wobei man bislang immerhin positiv keinen einzigen Wert mit Minusvorzeichen verzeichnen mußte.
Auch das US-BIP verhält sich prinzipiell noch relativ stabil, sofern man nicht die in der Presse gern veröffentlichten "Seasonal Adjusted Annual Rates" (saisonbereinigt annualisierte Jahresraten) sondern die "normale" Berechnungsweise heranzieht. Zum Vergleich beide US-Wachstums-Zahlenreihen: 2.60 -> 1.55 -> 1.89 -> 2.84 -> 2.47 in der europa-üblichen direkten Berechnung, dagegen eher zum Kindererschrecken die "S.A.A.R.": 2.10 -> 0.60 -> 3.80 -> 4.90 -> 0.60 mit ausschließlich statistisch kaum aussagefähigen dafür dramatischen Schwankungsextremen. Die Realwirtschaft müht sich also bislang durchaus wacker, der Krise zu widerstehen.
Auch sonst gab es eigentlich überwiegend Positives zu vermerken.
Der US-Einkaufsmanager-Index kletterte mit 50.70 nach 48.40 wieder
zurück über die magische 50%-Marke, das europäische
Gegenstück stieg von 52.60 auf 52.80 und deutete damit nach
dem Oktober-Tief von 51.50 erneut an, daß er grundsätzlich
garnicht erst bereit sei, diesmal die 50%-Trennlinie zwischen Wachstum
und Rezession zu testen. Selbst die "alternativen" Konjunkturindikatoren
lieferten zuletzt positive Signale. So kletterte der Baltic Dry
nach einer drastischen Fast-Halbierung seit den Oktober-Tops 2007
von Januar auf Februar wieder über 1000 Punkte zurück
in Richtung aufwärts. Einen vermeintlichen Mißton lieferte
dagegen der ISM-Dienstleistungsindex mit einem Einbruch von 54.40
auf 41.90, dem tiefsten Stand seit Oktober 2001. Dies jedoch auch
nur auf den ersten Blick, denn die US-Dienstleister verhalten sich
recht oft wie ein "spätes Mädchen" und zeigen
dann mit entsprechend emotionaler Überreaktion einen direkt
danach bevorstehenden Trendwechsel an.
Äußerst heftig reagierte ganz zuletzt am Freitag schließlich das Verbrauchervertrauen der Universität Michigan mit einem satten Einbruch auf 69.60 zur Monatsmitte. Dies ist ein neues Rekordtief seit den damals noch kräftigeren Stimmungseinbrüchen Anfang der neunziger Jahre. Selbst beim Durchschnittsbürger ist das Thema "Krise" nun offenbar über viele Umwege (Börse, SocGen, IKB und WestLB, Nokia) endgültig angekommen: 45% erwarteten Ende Januar eine konjunkturelle Abwärtswende, nur noch 22% glauben an den Aufschwung (lt der regelmässigen Stern/RTL-Umfrage). Damit stehen wir insgesamt nun an einem äusserst brisanten Punkt, siehe Überschrift: "Stimmung zieht Realwirtschaft" (... und zwar schlimmstenfalls jetzt nach unten). Die heraufziehende Krise wurde solange (nicht nur in den Vorstandsetagen besonders der Landesbanken und natürlich bei vielen Aktionären) erfolgreich verdrängt, daß die plötzliche Wahrnehmung dafür jetzt Gefahr birgt, zum dominierenden Selbstläufer zu werden.
Positive Signale werden momentan schlicht übersehen, neben den oben erwähnten der Konjunktur z.B. auch die gemeldeten "Insiderkäufe" eigener Aktien bei vielen deutschen Unternehmen oder deren erfreuliche Quartals- bzw vorläufige Jahresergebnisse. Die weitere Konjunkturentwicklung steht damit im wahrsten Sinne des Wortes "auf der Kippe" am Rande des Abgrunds. Die realwirtschaftliche Lage ist (noch) deutlich viel besser als die momentane (Miß)Stimmung. Hier droht nun mit scharfer Klinge wie seit langem befürchtet die extrem weit offene Schere zwischen gefühlter Lage/Klima und den negativen Zukunftserwartungen (KID-Zitat vom September: "Gut gehts uns, aber wielange noch?") inform einer selbsterfüllenden negativen Prophezeiung.
Falls es in einer Art Selbstbestrafung für zu lange optimistisches Krisenverdrängen dem plötzlich kollektiven Pessimismus gelingt, die Realwirtschaft über die Klippe weiter abwärts zu ziehen, wird aus der möglichen Bodenbildung vom Januar-KID demnächst die heute noch fragliche "dritte Abwärtswelle". Hier bestätigt sich einmal wieder die alte Grundthese "KID, Konjunktur und Märkte", daß u.a. die Aktionäre keineswegs immer nur die zukünftige Entwicklung souverän vorweghandeln, sondern vielmehr sehr oft dazu neigen, erst zu lange verliebt am laufenden (Aufwärts)Trend zu kleben, um dann vom Abschwung unsanft geweckt und völlig verschreckt möglicherweise wieder leicht verspätet auf die nächste zyklische Aufwärtsbewegung der Wirtschaft zu reagieren. Aber soweit sind wir definitiv momentan noch nicht - wir kippeln zur Zeit noch in starken Stimmungsschwankungen.
Jede Krise bietet neben Risiken natürlich auch Chancen. Die erste wird grade verspielt, indem die Politik mit aussergewöhnlich großem Elan versucht, längst tote und erwiesenermaßen unfähige Strukturen mit Steuergeldern wieder und wieder zu reanimieren und um jeden Preis auch in Zukunft für die zahlende Allgemeinheit zu erhalten. Auf Ursachenforschung wird dabei geflissentlich ganz verzichtet, sonst käme am Ende gar noch jemand auf die verrückte Idee, den verantwortlichen US-Institutionen ihren Subprime-Kreditgiftmüll in blauen Säcken oder säurefesten orangenen Fässern einfach wieder retour vor die Tür zu stellen, statt die braven Steuerzahler im eigenen Land ersatzweise dafür kollektiv in monetäre Sippenhaftung zu nehmen.
Die zweite Chance besteht eventuell darin, daß gegen Ende dieser Krise zur allgemeinen Mißstimmung doch noch reale Angst auch am Aktienmarkt wegen der Krise aufkommen könnte, die sich zur Zeit nur bei den Corporate Bonds austobt. Sodaß auch in den Indices antizyklisch wirklich langfristige Kaufgelegenheiten entstehen - und falls dabei die Wirtschaft sich gleichzeitig wieder deutlich zu erholen beginnt. Doch soweit sind wir im Moment noch nicht, die ungewisse Vorläufigkeit aus dem Januar bleibt uns zunächst leider erhalten und die Frage offen, ob der Winter 2007/2008 mit diesem Februar bereits beendet sein könnte. Nur eins scheint jetzt schon relativ klar: der wahrscheinliche Verlierer nach Überwindung der Krise wird das lange Ende vom Rentenmarkt sein, da alle monetären Rettungsmaßnahmen zusätzlich zum zyklischen Trend fast zwangsläufig höhere Inflationsraten verursachen werden.
Thomas A. Spörer
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