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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im Januar 2008?

von Thomas A. Spörer

KID Dezember 2007

 

Jahresauftakt vorläufig positiv !

Angesichts der momentanen Stimmungslage erscheint diese Aussage provokativ - doch aus der Verunsicherung zum Jahreswechsel ist inzwischen in der Tat ein erster vorläufiger Hoffnungsschimmer für das Jahr 2008 geworden. Mit besonderer Betonung dabei auf dem Wort "vorläufig".

Vorläufig ist zunächst einmal das in der Grafik sichtbare deutsche BIP zum vierten Quartal. In der letzten Woche wurde die Vorab-Schätzung zum Gesamtjahres-BIP 2007 mit +2.5 % zum Vorjahr veröffentlicht. Die BIP-Zahlen zum vierten Quartal sollen am Valentinstag 14. Februar folgen. Aus dem geschätzten Gesamtwachstum läßt sich rechnerisch ein vorläufiger Wert fürs letzte Quartal ableiten. Diesmal ist jedoch davon auszugehen, daß die ersten drei Quartale zum Teil wieder leicht abwärtsrevidiert werden, das vierte dafür ein Stückchen mehr nach oben. Insofern ist die KID-Grafik heute relativ zu sehen, da die Jahresrevision 2007 aktuell noch berechnet wird. Auch zur Wachstumsdynamik läßt sich daher wenig Sinnvolles sagen. Klar ist nur, daß das vierte Quartal deutlich schwächer ausgefallen ist, unterhalb des seinerzeit eingezeichneten statistischen Mittelmaßbereichs und so wie im Oktober 2007 als "zweite Abwärtswelle" angekündigt. Damit hat der KID den Verlauf der deutschen Wirtschaftsentwicklung 2007 erneut treffsicher und mit großem zeitlichen Vorlauf fast bilderbuchmässig vorausgesagt (siehe Abwärtswenden 1 und 2 mit nachfolgenden Stabilisierungen in der Grafik).

Vorläufig ist ebenso das bereits im Dezember ansatzweise sichtbare und heute schon deutlich kräftiger herangereifte Hoffnungshäkchen. Noch ist es zu früh, hier von einer endgültig vollzogenen Wende (Bogen 3) nach oben zu sprechen. Der kurzfristige Abwärtstrend (C) wurde mit dem aktuellen Datenkranz zwar erstmals ganz leicht überschritten, trotzdem könnten nachfolgende schwache Zahlen diesen Versuch noch wieder zunichte machen. Zudem besteht in der derzeitigen Wellenkonjunktur durchaus die Möglichkeit, daß es sich ähnlich wie zum Jahreswechsel 2006/2007 wieder nur um eine temporäre Zwischenerholung handelt, bzw die übliche saisonale Frühjahrsbelebung angekündigt wird. Relative Vorläufigkeit besteht weiterhin wegen der momentan angelaufenen Jahresrevisionen vieler Zeitreihen.

Nicht vorläufig sondern real stattgefunden hat eine sichtbare Wende jedoch bereits in der Fachmedienberichterstattung: Wo noch vor kurzem jede neue schwache Zahl als "überraschend" oder "unerwartet" abwärts bezeichnet wurde, werden nun positive Daten mit genau diesen Attributen belegt. Zuletzt am Freitag der Anstieg von 75.50 im Dezember auf nun vorläufige 80.50 bei erwarteten 74.70 im Index des US-Verbrauchervertrauens der Universität Michigan. Ebenfalls "verblüffend" der jüngste deutsche Auftragseingang (für November). Zwar liegt auch diesmal, wie schon im Oktober eine gewisse Verzerrung durch einzelne Großaufträge (Dubai Airshow) vor, trotzdem passen die Zahlen eben doch nicht nahtlos in den Reigen der zahlreichen Negativmeldungen. Der nächste Auftragseingangswert (7. Februar) bringt hoffentlich endlich mehr eindeutige Klarheit und könnte damit zum Richtungsanzeiger für das Frühjahr 2008 werden.

Praktisch ist momentan die Stimmung jedenfalls deutlich schlechter als die Lage - man holt hier fleissig nach was man zuvor erfolgreich verdrängt oder versäumt hat. Die Medien spekulieren angesicht staatlicher "Rettungspakete" über das Ende des Booms und die kommende US-Rezession, selbst ifo spricht inzwischen schon von "frostiger Stimmung". Der US-Einkaufsmanagerindex zeigt diese mit zuletzt 47.70 bereits sehr deutlich an, ebenso der dem TCB Leading Indicator vorlaufende ECRI Frühindikator. Ob es sich hier nur um ein einmaliges Unterschreiten der roten Linie zur Rezession handelt, werden erst die nächsten Monatswerte zeigen. Entsprechend kommen aber umgehend die schon seit Jahrzehnten bekannten Abkopplungsfantasien auf ("Decoupling" - denn diesmal ist ja alles anders!), ein einfacher Blick auf z.B. den Vergleich von US- mit Euroland-Einkaufsmanagerindices zeigt aber, daß Europa insbesondere bei Abwärtsbewegungen regelmässig lediglich um einige Monate später reagiert und realisiert.

Schwungvolles Reagieren und Realisieren traf diese Woche allerdings ausgerechnet die Hypo Real Estate, die sich als erste deutsche Bank mit halbwegs realistischen Zahlen aus der deutschbänklichen Abschreibungs-Deckung gewagt hatte: "HRE schockt die Märkte". Dabei war das im Vergleich relativ kleine Engagement im (gewerblichen) US-Immobilien-Verbriefungsmarkt ohnehin längst bekannt, da hierauf schon einmal anteilig abgeschrieben wurde, zudem existieren hier offenbar keinerlei Zweckgesellschaften (Conduits/SIVs) und andere verdeckte oder verschleierte Bilanzrisiken. Da auch die US- und internationalen Großbanken mit dem breiten Besen und zweistelligen Milliardenabschreibungen Klarschiff machen, besteht irrealistischerweise für eine kurze Weile sogar Hoffnung, die europäischen und deutschen "Großbanken" könnten hier irgendwie Land gewinnen. Auf den kommenden Zahlensegen und mögliche Marktreaktionen darf man gespannt sein - aber eventuell ist bis dahin auch alles Pulver schon auf die kleineren und mutigeren verschossen, sodaß einmal mehr Verdrängungs-, Verschleierungs- und Verzögerungstaktik die eigentlich großen Dummen im Land mit ihren dicken Subprimeportfolios zu Unrecht begünstigt.

Für Konjunktur, Wirtschaft, Stimmung und Märkte steht damit in jedem Fall noch eine weitere Belastungsprobe ins Haus, bevor sich aus einem "vorläufig positiv" möglicherweise wieder eine grundsätzlich erfreulichere Tendenz entwickeln könnte. Auch das sprudelnde Blutbad bei vielen Corporate Bonds (Unternehmensanleihen) wirft zu Recht die Frage auf, ob die dort jetzt herrschende Panik angesichts der Kreditkrise nicht bereits allzudeutlich in die Übertreibung geführt hat - sodaß eine Wende in nicht mehr weiter Ferne liegen kann. Beim DAX hingegen hat die Wende grade erst und deshalb vehementer eingesetzt, vergangene Woche kam richtiges Downside-Volumen auf. Auch hier hat man sich offensichtlich zunächst getäuscht und dann wie so oft verzögert reagiert und realisiert. Dies obwohl bei MDAX, Nikkei oder S&P500 die Baisse-Ampeln bereits seit längerem auf Rot umgesprungen waren. Wir hängen eben doch immer sehr innig an "unserem Boom" - treu auch noch, wenn er schon vorbei ist.

Angekommen sei "der Boom" (lt. Schlagzeilen) inzwischen auch in den Lohnforderungen. Das ist natürlich Unsinn, was hier angekommen ist, heisst Inflation, für die angesichts rückläufiger Realnettoeinkommen, der Mehrwertsteuererhöhung und steigender Abgabenbelastungen ein wiederum verspäteter, dafür aber um so kräftigerer Ausgleich gefordert wird. Harmlos zwar nach momentanen Expertenmeinungen - es lebe die totgesagte Lohn-/Preis-Spirale. Zum Glück hat wenigstens G.W. Bush inzwischen die Homöopathie als Mittel der Wahl für die schnelle Genesung der US-Konjunktur entdeckt: "Similium similibus curantur." Der Plan klingt genial einfach, Verminderung der Staatseinnahmen durch Steuersenkungen bei gleichzeitiger Erhöhung der Staatsausgaben, da wohl kaum jemand jetzt noch bereit ist, dem US-Konsumenten noch hunderte Milliarden Dollar verbriefte Kreditkartenschulden abzukaufen, um weiteren staatstragenden Konsum auf Pump zu ermöglichen. Ergo löst man die Kreditkrise, die in Wirklichkeit eine Schuldenkrise ist, einfach mit noch mehr neuen Schulden. Einfache Pläne haben jedoch den Vorteil, daß sie manchmal sogar klappen.

Zusammengefasst befinden wir uns momentan insgesamt wieder an einem besonders spannenden Punkt. Bis zum nächsten Monat sollte klarer geworden sein, ob wir tatsächlich eine Wende mit Überwindung des konjunkturellen Abwärtstrends C erleben werden, oder ob eher noch mit einer dritten Abwärtswelle bis zur unteren Linie A gerechnet werden muß. Aktuell gilt trotz aller düsteren Stimmungsindikatoren: Jahresauftakt vorläufig positiv ...

Thomas A. Spörer

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