von Thomas A. Spörer

Zweiter Konjunktur-Absturz in Sicht
Was im Oktober bereits mehr als klar war, hat sich
beim November-KID nahtlos dynamisch fortgesetzt: Die zweite Abwärtswelle der Konjunktur.
Dahin die Chance auf lediglich nur eine "erste Schockwirkung",
stattdessen geht es weiter schwungvoll abwärts - ergo ade deutsche
Sonderkonjunktur, ade positive Trends, ade Mittelmaß, ade Aufschwung.
Damit in der grafischen Darstellung auch wieder zurück zum Februar-Bild, ohne zwischenzeitliches "Mittelmaß" der Konjunktur und ohne den möglichen Halt inzwischen durchbrochener Trendlinien und Unterstüzungen. Stattdessen nun ein neuer steil etablierter Abwärtstrend (c), sowie ebenfalls neu, die Trendkanäle A und B. Ersterer resultierend aus vergangenen besseren Zeiten, der zweite jünger und mit längerfristiger Abwärtsneigung in ungefähr der Stärke wie es "früher" aufwärts ging. Mit dem aktuellen Datenkranz sind die Indikator-Tiefs von 1996 und 2003 wieder erreicht bzw leicht unterschritten, möglichen Halt bietet jetzt noch die untere Trendlinie A vor dem Abrutschen bis maximal Linie B. Eigentlich zur Zeit noch kaum erwähnenswert, dennoch mit einem roten Pfeil gekennzeichnet, im KID-Oszillator ein winziges Hoffnungshäkchen, das nach einem harten Winter wieder eine mögliche Frühjahrsbelebung der deutschen Wirtschaft in ungefähr sechs Monaten andeutet. Aber bis Mai 2008 kann noch viel passieren.
Wie zum versöhnlichen Abschied zeigte das deutsche BIP im dritten Quartal noch einmal etwas herbstliche Sonne und Wachstumsdynamik. Mit +2.49 lag die Wachstumsrate im Vergleich zum Vorjahresquartal nur knapp unter den +2.55 des zweiten Quartal. Bei der Wachstumsdynamik gab es mit +0.68 (nach +0.29) ebenfalls noch einmal einen letzten Schub im Direktvergleich der Quartale. Dies alles lag aber im Rahmen der Erwartungen und wurde beim KID als mögliche winzige Zwischenerholung (zwischen den beiden roten Kreisen) bereits seit April/Mai angezeigt. Nun steht ohne Zweifel der zweite Abwärtsschub bevor, während ein Teil der "etablierten Szene" gerade den ersten langsam zu realisieren beginnt bzw. angesichts einer unübersehbar bevorstehenden Abschwächung fleissig weiter von der bekannten und beliebten "Delle im Aufschwung" fabuliert.
So oder so ist das Gesamtjahr 2007 eigentlich "in trockenen Tüchern", drei zwar vom Top jeweils rückläufige, insgesamt jedoch starke Quartale (+3.63, +2.55 und 2.49) sind auch durch einen Absacker im vierten nicht mehr nachhaltig aus der Balance zu bringen. Die Zahlenspiele zum bevorstehenden Jahresende daher nicht sonderlich aufregend: ein stagnierender BIP-Wert im vierten Quartal würde noch ein Quartalswachstum von +1.49 generieren, bei einem (möglichen) Rückfall bis auf den Wert des zweiten Quartals stände beim Wachstum jedoch mit dann nur +0.80 schon wieder die NUll vor dem Komma, bei entsprechend negativer Dynamik.
Ebenfalls von der versöhnlichen Seite zeigte sich noch einmal das US-BIP, stabil in der SAAR mit +3.90 nach +3.80 %, entsprechend der bei uns üblichen Berechnungsweise +2.59 nach +1.89, doch auch hier handelt es sich ohne Zweifel nur um eine Zwischenerholung. Nicht unterschätzen sollte man dabei die zeitliche Verzögerung bei der Entstehung des Bruttoinlandsprodukts. Entsprechend nahmen Märkte und Marktteilnehmer die beiden im Berichtszeitraum veröffentlichten eher positiven BIP-Werte auch weniger als Zeichen neuer Hoffnung denn als Schnee von gestern zur Kenntnis.
Bei den aktuell veröffentlichten Monatsdaten fiel das mediale Attribut "überraschend" vor dem folgenden Terminus "stark abgeschwächt" auch von Mal zu Mal kleinlauter aus. Entsprechend stieg (endlich) die breite Wahrnehmung zunehmender konjunktureller Gefahren aus den veröffentlichten Einzeldaten an. Der ZEW-Index rutschte gar gleich auf ein 14-Jahres-Tief ab, was in einem Kommentar dazu fantasievoll als "Schrilles Signal" erkannt wurde. Nun, so schrill sind die befragten institutionellen Investoren und Analysten sicher nicht, sie hatten nur bei der letzten Abwärtswende im ZEW das Pech, von der deutschen Sonderkonjunktur im Sommer 2006 (positiv) überrascht zu werden, woraus sich ein relatives "Fehlsignal" entwickelte. Davon abgesehen liefert der ZEW (im KID nicht enthalten) sehr frühe und zuverlässige Trendwechsel- und Richtungssignale für Wirtschaft und Märkte und befindet sich zur Zeit auch völlig im Gleichklang mit dem KID.
Tatsächlich vielleicht doch eher "schrill", angesichts der Datenlage noch von "Fortsetzung des Aufschwungs" (ifo trotz erneutem fünften Rückgang in Folge in allen drei Bereichen) oder weiter "robustem Wirtschaftswachstum" (DIW) sowie der offenbar unkaputtbaren seit längerem allgegenwärtigen "Delle" zu sprechen. Dieses Festkrallen am endlos fortgesetzten Aufschwung wirkt fast befremdlich. Erstaunlich schnell und realistisch dagegen das Bundesfinanzministerium, hier kündigt man präventiv schonmal "rote Nullen" und erneutes Minus in den Staatsfinanzen für das Jahr 2008 an. Und genehmigt sich dazu zügig noch eine Erhöhung der Bundestags-Abgeordneten-Diäten von +9.4 Prozent, bevor der Wahlkrampf wieder zulasten praktischer Politik in den Vordergrund tritt. Erstaunliches verlautet auch aus dem Bundeswirtschaftsministerium, so soll das deutsche BIP 2020 (!) mit mindestens -0.8 % durch die leider unumgänglichen "Klimaschutzmaßnahmen" belastet werden. Diskret und moralisch hochwertig vertretbar gegenfinanzierte militärische Rüstung fordert halt möglicherweise ihren Preis. Daß die globalpolitischen Klimaprogramme contra Erderwärmung tatsächlich greifen, hat der Sommer 2007 in Deutschland ja mehr als nur offensichtlich bewiesen.
Abkühlung liegt voll im Trend, sowohl bei den Verbrauchern (Vertrauensindex Uni Michigan rasant tiefergelegte 75.- nach 80.90 im Vormonat sowie 83.40 im September, EU-Verbrauchervertrauen rückläufig seit Juni) als auch bei der Industrie (Vertrauenswende im EU-Indikator seit Juli). Und wer hätte schon erwartet, daß sich sowohl deutscher als auch EU- und US-Einkaufmanagerindex so schnell wieder der magischen Schwelle von 50 und damit der "offiziellen Grenze" zwischen Wachstum und Rezession nähern würden. Der amerikanische ISM-NAPM steht aktuell noch grade bei 50.90, sein (meist leicht nachlaufendes) EU-Pendant heute noch marginal besser bei 51.50 nach dem Top bei 57.0 vor genau einem Jahr. Der gesamte Datenkranz deutet zur Zeit ziemlich direkt auf einen "invers fortgesetzten Aufschwung".
Wohltuend und beruhigend, besonders angesichts drastischer Kostenanstiege bei Lebensmitteln, Benzin, Energie und anderen eher trivialen Dingen der täglich realen Lebenshaltung sind allenfalls noch die amtlich errechneten Inflationsraten imaginärer Warenkörbe. Und natürlich die weiter sehr positive Entwicklung der Arbeitsmarktstatistik. Hier tut sich was, und wer weiß, vielleicht werden aus den Hunderttausenden von der "neuen Statistik" schlicht nichtmehr erfaßten Minimaljobber, Kleinstverdiener und Permanentfortbilder eines Tages noch dynamische, konsum- und zahlungsstarke neue Verbraucher heranwachsen. Trotz unübersehbar amtlicher Schönfärberei bei diesen "hochpolitischen Statistiken" (Preise und Arbeit) lagen die Oktober-Produzentenpreise in den USA bei drastischen +6.0 %, während die deutsche Inflationsrate mit +2.5 % inzwischen auch weit über den +1.1 % vom Oktober 2006 angegeben wird. Die USA wiesen für Oktober +3.5% (nach +1.3 % vor einem Jahr) bei der Teuerungsrate aus. Wie schon im Juni-KID erwähnt, erhebt sich das totgesagte Inflationsgespenst langsam aber sicher wieder aus der Mottenkiste.
Noch eine Wende gab es in diesen Tagen zu vermelden: Bei den Bankanalysten
weltweit zählt der DAX seit kurzem nichtmehr als "Outperformer",
sondern wird nur noch als "Durchschnitt" bewertet. Dresdner
Kleinwort geht aufgrund nachlassenden Gewinnwachstums für 2008
sogar nur noch von einem "Fair Value" von 7500 DAX-Punkten
aus, nach 8100 in 2007. Auch hier mehren sich also die Warnzeichen.
Ein einfaches Umschwenken auf das lange Ende des Rentenmarkts scheint
diesmal aber ebenso fragwürdig, dieser erhält zwar jetzt
Rückenwind von der abschwächenden Konjunktur, dazu kommt
jedoch möglicherweise zunehmend kräftiger Gegenwind von der
Inflationsseite und eine sich abzeichnende kommende Zwickmühle
für die Notenbanken. Nicht unbedingt einfache Zeiten also für
Investoren - eher klassischer November-Blues ...
Thomas A. Spörer