von Thomas A. Spörer

Good News, bad News ....
Eine gute und eine schlechte Nachricht bringt uns der September-KID.
Da wir alle tapfer sind, die schlechte zuerst: Indikator und Oszillator
bröckeln langsam weiter abwärts. Zur Belohnung direkt danach
die gute: ein krasser Absturz ist bisher nicht erfolgt. In einem
Zeichentrick-Verlauf der letzten vier Wochen wäre nur ein eifriges
Pendeln zwischen den Linien B und C zu sehen gewesen, zuletzt in
der Momentaufnahme wieder hin zum Positiven in die Nähe der
oberen Linie B und damit auch wieder zurück im blauen "Mittelmaß-Bereich".
Grundsätzlich geändert hat sich, abgesehen von weiterer
leichter Abschwächung, im Vergleich zum Vormonat eigentlich
wenig.
Der Datenkranz entsprechend durchwachsen, die harten Daten leicht rückläufig, die Stimmung abgeschwächt, aber bislang weniger deutlich als befürchtet. Beim ifo-Index hat sich die Schere zwischen Lage-Einschätzung und Zukunftserwartungen erneut wieder weiter geöffnet - ein seit längerem schon stetig in die Zukunft gerolltes "Gut gehts uns, aber wielange noch?" - eben weil nun ganz offensichtlich die Zuversicht langsam nachläßt und die Skepsis weiter zunimmt.
Die entscheidende Frage bleibt damit auch in diesem Monat weiter offen, u.a. weil ein Teil des breiten Datenkranzes immernoch aus "Vor-Krisen-Zeiten" stammt. Und dazu in der Stimmung sowie an den Märkten erhebliche Verunsicherungen mit kräftigen Schwankungen herrschen. Risiko-Aversion dominiert zwar weiter das Geschehen, hier und da keimen aber erste Hoffnungen "daß alles doch nicht so schlimm sei" und der Wunsch, baldmöglichst wieder zur gewohnten Tagesordnung übergehen zu können. Ob das tatsächlich gelingt, steht jedoch in den Sternen: "Die Party ist noch nicht vorbei", obwohl einigen inzwischen die Lust zum Feiern gründlich vergangen sein dürfte.
Der "Party-Satz" dabei durchaus doppeldeutig, sowohl daß im negativen Sinn die aktuelle Krise längst noch nicht ausgestanden ist, als auch im positiven Sinn, daß auf mittlere Sicht im derzeitigen extrem langgezogenen "Wellblech-Zyklus" (siehe Grafik) später noch ein weiteres Wellentop folgen könnte. Bevor die (hier möglicherweise ursächlichen) "Schockwellen des 11. September" entweder langsam ausklingen, oder, was insbesondere nach der jüngsten Grundsatzrede des US-Präsidenten mit ihren mehr oder weniger unverhohlenen Langfrist-Weltkriegs-Perspektiven zu befürchten ist, ein längerer und tiefer zyklischer Abschwung erfolgen könnte. Dies eventuell sogar unvermeidlich, weil entweder möglicher Rückzug oder weitere Eskalation für die Weltwirtschaft im Ergebnis das gleiche bedeuten würden.
Hier schließt sich eventuell sogar ein großer Kreis, vom "positiven" Kongress-Lagebericht des US-Generals David H. Petraeus zur Situation im Irak, bis zur weiter sehr positiven Lagebeurteilung im ifo-Index: Natürlich existieren hier und da ein paar regionale und brancheninterne Problemchen. Die USA schlittern zunehmend in eine Rezession, in England stehen Kunden schon Schlange um ihre Bankguthaben abzuheben, wöchentlich explodiert irgendwo eine Bank oder ein großer Hypothekenfinanzierer, der Ölpreis knabbert ebenso an der 80-Dollar-Marke wie der Euro an neuen Hochs, auf den Kreditmärkten sieht es irgendwie garnichtmehr gut aus, die Banken-, Hypo-, Bau- und Immobilienbranche scheinen betroffen zu sein - aber davon mal abgesehen erscheint die volkswirtschaftliche Gesamtlage doch rosig, der robuste Aufschwung bleibt natürlich unberührt und ungefährdet.
Allein die vor der aktuellen Lagebeurteilung her permanent vorwärtsgerollte stark negative Zukunftserwartung stellt möglicherweise sowas wie einen Gegenpol aus diffusem "schlechtem Gewissen" zur relativen Verdrängung realexistierender Bedrohungen der Wirtschaftsentwicklung dar. Man darf gespannt sein, wann und wie sich dieses "Manjana-Syndrom" auflösen wird.
Auch für das laufende Quartal herrscht allgemein noch Optimismus, die Prognosen bewegen sich zwischen +0.40 und +0.70 im Vergleich zum Vorquartal, was Wachstumswerten von +2.20 bis +2.50 im Vergleich zum Vorjahresquartal und damit in der BIP-Balkengrafik einer stabilen bis leicht in Richtung "Mittelmaß" abschwächenden Entwicklung entspräche. Für ein erneutes (Zitat) "Durchstarten der Konjunktur im dritten Quartal" spricht dennoch sehr wenig, siehe die beiden fallenden Wenden im KID und noch deutlicher beim Oszillator. Danach wäre je nach endgültiger Verteilung der Monatswerte ins BIP-Quartal zwar nochmal ein sonniger Herbst möglich, die schon im Mai ("nachlassende Dynamik") angedeutete und seit dem Juni-KID ("erneutes Wendesignal") klar erkennbare zweite Abwärtswende zeigt aber alles andere als ein erfolgversprechendes neues "Durchstarten" für Ende 2007 bis Anfang 2008 an. Zahlen zum BIP im dritten Quartal stehen für 14. November im Destatis-Terminkalender, sollten sie recht freundlich geraten, wird dafür das vierte entsprechend schwächer ausfallen - oder umgekehrt.
Auf eines ist wenigstens vorberechenbar auch weiterhin Verlaß, denn "die Konjunkturpropheten, die bleiben sich treu". Zitat dazu aus dem Januar-KID:
"Trotzdem sollte sich niemand wundern, falls im Sommer 2007 "plötzlich und allgemein unerwartet" nur noch stagnierende oder mehr oder weniger stark rückläufige Wachstumsraten zu verzeichnen wären, bzw. das R-Gespenst (Rezession) "völlig überraschend" in den Medien wiederaufersteht. Und dazu die Institute ihre grade erhöhten, teils sogar gleich verdoppelten Prognosen immer schön hinter dem Trend her wieder runterfahren."
Prognose erfüllt: mit einem entschlossenen Schritt hat letzte Woche das IfW seine Jahreswachstumsprognose 2007 von euphorisierten +3.20 auf +2.70 herunterrevidiert. Raffinierter taktischer Schachzug, denn falls es tatsächlich abwärts gehen sollte, kann man mit Fug und Recht behaupten diesmal "Erster" gewesen zu sein, bleibt dagegen alles wie es ist oder erholt sich sogar wieder leicht, liegt man mit diesen 2.70 auch noch sicher im grünen Bereich. Behaupte da noch einer, die deutsche Konjunkturforschung sei nicht kreativ und wettbewerbsfähig. Von der Aussage, 2007 würde das eigentlich erst so richtige Boomjahr in Deutschland, hört man allerdings inzwischen nichts mehr.
Thomas A. Spörer