von Thomas A. Spörer

Erste Allgemeine Verunsicherung
Nicht unbedingt einfach, momentan eine sinnvolle Prognose zu stellen.
Doch besser der Reihe nach: Am 14.8. wurde erstmal das deutsche BIP
für das zweite Quartal veröffentlicht. Mit +2.55 % im Vergleich
zum starken Vorjahresquartal immernoch erfreulich, dennoch eine deutliche
Abschwächung zu den (revidierten) Vorquartalen, wie man der
Grafik unschwer entnehmen kann. Auch die Wachstumsdynamik schwächte
sich erneut kräftig ab, nach +0.99 % im vierten Quartal 2006 über
+0.54 % im ersten 2007 auf inzwischen nur noch +0.26 %. Damit nähern
wir uns langsam aber sicher wieder dem statistischen "Mittelmaß",
wie schon im KID von Mitte März 2007 frühzeitig vorhergesagt.
Nachlassende Wachstumsdynamik, zwei Quartale nacheinander rückläufiges
Wachstum des Bruttoinlandsprodukts, das aktuelle Quartal dabei sichtbar
schwächer als alle vier vorherigen, doch der Aufschwung setzt
sich selbstverständlich unbeirrt weiter fort, jedenfalls laut
Presse: "Das deutsche Wachstum schwächt sich nur vorübergehend
ab". Also zum Glück nicht gleich für immer und ewig,
außerdem gilt schon seit Lale Andersen:
"Es geht alles vorüber,
es geht alles vorbei,
auf jeden Dezember
folgt wieder ein Mai.
Es geht alles vorüber,
es geht alles vorbei,
doch die Konjunkturpropheten,
die bleiben sich treu."
Und folgen dem Trend einfach brav weiter in seiner altbekannt sympathischen Richtung, selbst wenn er schon deutlich abgedreht hat, und nachher wird dann alles wieder revidiert. Auch das zunehmend krisenhaft turbulente Marktgeschehen ändert daran offenbar noch wenig und scheint ausgeblendet.
Zitat aus dem KID vom Juli zu ABS, CDO und Subprime Mortgage:
"Wie weit mögliche Folgen eines beginnenden Kollapses hier Konsum, Konjunktur und Märkte erschüttern könnten, wird sich erst noch zeigen."
Daß die Märkte inzwischen gründlich erschüttert werden konnten, ist schon nicht mehr zu übersehen, querbeet von Aktien über Devisen, Unternehmensanleihen, Rohstoffe und Edelmetalle. Inwieweit dies in weiterer Abfolge sehr wahrscheinlich mehr oder weniger starke Auswirkungen auch auf Konsum und Konjunktur hat, wird man erst an den nächsten Wirtschaftsdaten ablesen können. Speziell bei den Stimmungswerten könnte sich das seit langem hier erwähnte latente Enttäuschungspotential jetzt plötzlich entladen, siehe der immernoch historisch hohe Spread zwischen Lage- und Erwartungskomponenten. Insofern darf man gespannt sein, wie die kommenden ZEW- und ifo-Daten diese und nächste Woche ausfallen. Insbesondere bei den harten Daten werden aber mögliche Folgen wegen der längeren Erhebungszeiträume erst um einiges später sichtbar.
Damit sind wir direkt beim Problem des August-KID. Sämtliche hier und heute eingeflossenen Daten sind aktuell im Prinzip schon "Schnee von gestern", da sie "von vorher" stammen, die aktuelle Kredit-, Liquiditäts- und in allererster Linie Vertrauenskrise also noch nicht mit beinhalten. Wobei die Krise selbst eigentlich alles andere als "neu" ist. Schlagartig verändert hat sich lediglich das Bewußtsein der Marktteilnehmer, der Entscheidungsträger bei Banken und in der Wirtschaft sowie durch die allgemeine Berichterstattung sicher auch das der breiten Öffentlichkeit und der Konsumenten. Dabei angesichts eines möglichen krassen Einbruchs noch von "fortgesetztem Aufschwung mit vorübergehender Delle" zu sprechen, erscheint mehr als nur fahrlässig. Wenn Ökonomen hier "keine Gefahr für die Konjunktur" erkennen können, ist ein umgehender Besuch beim Optiker ihres Vertrauens dringend ratsam.
Die letzten harten Zahlen waren zwar grundsätzlich nicht schlecht, nur sagt das diesmal real wenig über die tatsächliche Entwicklung in der näheren Zukunft aus. Der KID verläuft aktuell noch relativ seitwärts, ähnlich wie 2004 und beides zur Verdeutlichung daher mit einem roten Balken unterstrichen, scheint sich aber 2007 immer mehr an der fallenden Linie (B) leicht abwärts zu schlängeln. Die Zwischenerholung seit dem Bruch des Aufwärtstrends (A) fiel recht dürftig aus, sowohl beim KID als auch beim KID-Oszillator sehen wir inzwischen zwei Abwärtswenden, von denen sich die erste soeben mit dem BIP bestätigt hat und die zweite auf deutlich tieferem Niveau stattfindet. Dazu kommt jetzt die grade begonnene und noch keineswegs abgeschlossene krisenhafte Entwicklung, sodaß eine zweite Abwärtswelle im weiteren Jahresverlauf sehr wahrscheinlich ist. Man könnte dies auch einen Abschwung nennen, dem später ("es geht alles vorüber, es geht alles vorbei") wohlmöglich auch wieder ein Aufschwung folgen wird. Aber erst danach.
Zwischenzeitlich bleibt Zeit sich bewußt zu machen, daß Kredite allein im Ernstfall keine wirklich vorhandene Liquidität darstellen, daß die Begriffe "Subprime" und "AAA-Bonität" (bzw. "Triple-A") prinzipiell schon einen logischen Widerspruch in sich selbst darstellen und daß ein (US-)Aufschwung bei dem für jeden Dollar BIP-Wachstum deutlich mehr als nur ein Dollar neue Schulden gemacht werden müssen, eventuell doch auf recht tönernen Füßen stand. Zusätzlich ratsam, erneut über die "angesichts der immer weiter boomenden Wirtschaft" schon optimistisch verplanten Steuereinnahmen und Staatsausgaben 2008 nachzudenken. Denn genau hier liegt das Lehrstück bei der aktuell laufenden Gesamtveranstaltung: mit Forderungen handeln deren einzige Sicherheit darin liegt daß sie uneinbringbar sind, sowie "sichere" Erträge bereits großzügig verplanen und mit hohem Hebel reinvestieren bevor sie überhaupt real angefallen sind.
Insofern hat auch eine Krise mit zeitweise folgender plötzlicher Risiko-Aversion nach zuvor deutlich zu niedrig eingeschätzten und gleichzeitig zu hoch eingegangenen Risiken durchaus markt- und auch allgemein reinigenden Charakter. Möglicherweise ringt man sich schließlich sogar zur Neu-Etikettierung von explosivem Kreditgiftmüll durch, das Alphabet bietet hier ja durchaus noch weite Gestaltungsmöglichkeiten. Und "Hedge"-Fonds heißen zukünftig vielleicht "Hochrisikospekulations-Fonds" weil sie eigentlich im wirklichen Leben tatsächlich garnichts hedgen (= absichern durch Gegengeschäft).
Panik ist so oder so kein guter Berater, und Chancen gibt es in jeder Situation. Mit eigentlich langweiligen Anleihen souveräner Schuldner (mit ECHTEM A-Rating) war in den letzten Wochen am langen Ende relativ sicheres Geld bei unbeeinträchtigtem Nachtschlaf zu verdienen, da die Kategorie "risiko-arm" urplötzlich außergewöhnlich stark nachgefragt wurde. Mit einer schnellen Feuerwehr-Lösung der aktuellen Krise sollte man besser nicht rechnen, dafür sind die in den letzten Jahren angehäuften Probleme einerseits zu massiv, andererseits längst viel zu tief verwickelt, sodaß es viel Zeit und Arbeit brauchen wird, um das Gemisch aus Giftmüll und Werthaltigem erstmal zu sichten, zu sortieren und realistisch neu zu bewerten, Explosivstoffe dabei möglichst rechtzeitig zu entschärfen und danach vor allem wieder grundsätzliches Vertrauen neu zu schaffen. Amerikanisches Zitat bzgl. IKB: "If you can’t trust a German bank, so who can you trust?". Das gilt umgekehrt natürlich erst recht für die amerikanischen Rating-Agenturen.
Der Konjunktur stehen in den kommenden Monaten harte Belastungsproben mit bislang noch ungewissem Ausgang bevor, denn bis heute ist noch unklar wie groß der angerichtete "Systemschaden" insgesamt wirklich ist, welche Folgen dies für die Weltwirtschaft haben wird und wie die Verbraucher schließlich auf das unzweifelhaft vorläufige Ende des unbeschwert kreditfinanzierten Konsums reagieren werden. Fazit daher heute: Schaumermal, wieviel Abschwung der Aufschwung in nächster Zeit noch so verträgt:
"Liebe Hanne, bleib’ mir gut,
und verliere nicht den Mut!
Denn gibt es auch Zunder und Dreck,
das alles, das geht wieder weg!"
Thomas A. Spörer