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KID Konjunktur-Indikator-Deutschland

Quo vadis, Konjunktur und Märkte im Juni 2007?

von Thomas A. Spörer

kid chart

 

.... mit erneutem Wendesignal

Zitat aus dem KID vom 19.5.07:

"In der KID-Grafik ist der blaue Seitwärtspfeil damit verschwunden, dem vorlaufenden Oszillator brav folgend sehen wir nun wieder ein Aufwärtssignal. Jedoch erinnert der Indikatorverlauf dabei bis jetzt noch stark an eine nachrangige Erholung, die aktuell parallel noch klar unterhalb der gebrochenen Aufwärtstrendlinie verläuft."

Die Freude über das jahreszeitlich ausschlagende positive Mai-Signal währte leider nur einen Monat, mit dem aktuellen Datenkranz sehen wir ein erneutes Abwärtssignal, was zwar nicht erfreulich ist, wohl aber die Idee der vermuteten "nachrangigen Erholung" bestätigt.
Die Abfolge erinnert an das Jahr 2004, wenn auch auf anderem Basisniveau. Damals litt die deutsche Konjunktur an "klarer Unterbewertung" (im Vergleich zur amerikanischen), heute sehen wir eine ebenso "klare Überbewertung" (wiederum im Vergleich zur amerikanischen). Man erkennt daran, wie groß der Einfluß der jeweils herrschenden Stimmung auf den realen Konjunkturverlauf im BIP tatsächlich sein kann.

Damit dies nicht mißverstanden wird: Fundamentals wie Energiepreise, Zinsniveau, Inflation, Weltlage u.v.a. setzen zu jeder Zeit im globalen Zyklus einen gewissen "Rahmen der aktuellen Möglichkeiten" - was Unternehmen, Arbeitnehmer und Konsumenten daraus aber mehr oder weniger zu machen verstehen, wird offenbar zeitweise doch stark vom jeweiligen "kollektiven Sentiment" mitbestimmt. Nach dem Tief 2001 verblieb Deutschland lange Zeit depressiv und pessimistisch und erzielte im Vergleich mit den USA trotz insgesamt positiver Rahmenbedingungen nur unterdurchschnittliche Wachstumsraten. Dann, als die US-Konjunktur bereits ihren Höhepunkt überschritten hatte, schlug die Stimmung hierzulande ins euphorische um und produzierte den dynamischen Spätzünder der deutschen Sonderkonjunktur 2006.

Die ist nun schon seit längerem Geschichte, und leider geht es nun, so wie es damals wellblechförmig aufwärts ging, offenbar ähnlich wellblechförmig wieder abwärts. Für eine Prognose mit Schwerpunkt auf Wendepunkte nicht eben erfreulich, aber leider grundsätzlich nicht zu ändern, solange die Zyklik insgesamt in rollenden Kurzwellen statt gradlinig langen Auf- und Abschwüngen verläuft.

Zwar haben einige (trendfolgende statt trendfindende) Institute ihre Wachstumsprognosen nochmals weiter erhöht, man spricht inzwischen von Jahresdurchschnittsraten von +3.2 % für 2007, das Überraschungspotential liegt aber, wie hier schön öfter angesprochen, eindeutig auf der Negativseite. So wie die seinerzeitige "Unterbewertung" schon einen Treibsatz für den folgenden dynamischen Aufschwung enthielt, liegt heute der Sprengstoff in der sentimentalen "Überbewertung" der konjunkturellen Möglichkeiten und einer möglicherweise nachfolgenden übertriebenen (und eigentlich gänzlich unnötigen) Enttäuschung aufgrund zu hochgesteckter Erwartungen. Wer angesichts dessen also von einer "noch viel dynamischeren Fortsetzung des deutschen Aufschwungs für 2007/2008" spricht, hat die Position des nüchternen Beobachters eigentlich schon verlassen und sich stattdessen der sentimentalen "Euphorie der Massen" (frei nach Gustave LeBon) angeschlossen. Und wird seine hoffnungsfrohen Prognosen in den nächsten Quartalen relativ wahrscheinlich wieder korrigieren müssen.

In der KID-Grafik, insgesamt leicht verändert durch einige Revisionen, sehen wir, Signale hin oder her, jetzt eine Seitwärtsbewegung ähnlich 2004, damals unterhalb, heute überhalb des blau markierten "Mittelmaßes". Beim vorlaufenden KID-Oszillator hat sich dazu inzwischen ein relativ klares Wendesignal nach unten etabliert. Aus dem Fragezeichen der letzten Ausgabe wurde ein Ausrufungszeichen. Damit scheint sich auch hier die "Nachrangigkeit der Erholung" zu bestätigen. Dies gilt wahrscheinlich ebenso für die laufende Aufwärtsbewegung z.b. im ZEW-Indikator.

Ein weiteres Zitat aus der letzten Ausgabe:

"Die momentan entscheidende Frage ist, ob anläßlich dieser zyklischen Divergenz Amerika nun noch weiter auf ein Tief zuläuft, oder mit den jüngsten Zahlen bereits eine neue zyklische Aufwärtswende vollführt. Das erste Quartal 2007 beschert uns zunächst eine skurrile Situation, in der gleichzeitig die US-Konjunktur ein zyklisches Tief durchlaufen hat, während die deutsche (Eurolandzahlen stehen noch aus) einen "verzögert fortgesetzten Gipfel" markiert. Auflösen muß sich diese Divergenz, früher oder später werden sich die Zyklen auch wieder angleichen."

Eine skurrile Angleichung vollführten bereits kurz danach die Einkaufsmanager in USA und Euroland. Beide Einkaufsmanager-Indices (US-ISM und Euroland-NTC) erreichten den exakt gleichen Punktstand von glatten 55.-, jedoch aus verschiedenen Richtungen, USA von unten nach oben ansteigend, Euroland (überraschend) genau umgekehrt von oben nach unten abgeschwächt. Wie die US-Einkaufsmanager beim nächsten Mal auf das gestern krass eingebrochene vorläufige US-Verbrauchervertrauen der Uni Michigan (nur noch 83.70 nach 88.30 im Vormonat bei im Konsens erwarteten 88.00) reagieren, dürfte interessant werden. Der Konsument trägt gut 2/3 des amerikanischen BIP, ob in dieser Stimmung der US-Konjunktur "die zweite Luft" für einen neuen Höhenflug zur Verfügung stehen wird, darf man zunächst ernstlich bezweifeln.

Das US-BIP wurde inzwischen (unerwartet) noch weiter nach unten revidiert, auf nur +0.60 % im ersten Quartal bei der "Seasonal Adjusted Annual Rate" (entsprechend noch +1.90 im direkten Jahr/Jahr-Vergleich). Der deutsche Auftragseingang ging zwar im Vergleich zum Vormonat deutlich zurück, hält sich aber im Jahresvergleich und unter Berücksichtigung der vorherigen Einzel-Großaufträge noch wacker. Erfreulich stabil blieb auch der deutsche Außenhandelssaldo, während die letzten Produktionszahlen negativ überraschten. Beim US-Auftragseingang scheinen, siehe oben, die Verbrauchsgüter der mögliche Schwachpunkt zu werden. Eine krasse Wende legten zuletzt noch die hier kürzlich lobend erwähnten Baltic-Indices hin, die nach erfolgtem Ausbruch über ihre alten Tops ganz schnell und sehr deutlich wieder gen Süden abgedreht haben.

Im Auge behalten sollte man in näherer Zukunft auf jeden Fall auch die Inflationsraten diesseits und jenseits des Atlantiks. Totgesagte leben bekanntlich länger, und nachdem den früheren "Lohn/Preis-Spiralen" in den Medien längst offiziell ein endgültig finales "Aus" durch die segensreiche Globalisierung bescheinigt wurde, die Mehrwertsteuer-Erhöhung zu Jahresanfang (bislang und noch) "als praktisch völlig folgenloses Non-Event" in die deutsche Wirtschaftsgeschichte einzugehen schien und euphorische Prognosen dazu zweckdienliche Hinweise für erweiterte Begehrlichkeiten auf der wiedererwachenden Anspruchsseite liefern, könnte durchaus ...

Letztes reinkarnierendes Zitat für heute erneut die kleine Tabelle zur Wachstumsdynamik:

1-2006: +0,84
2-2006: +1,23
3-2006: +0,82
4-2006: +0,98
1-2007: +0,51

 

Das jetzt laufende Quartal muß sich wie gesagt mit dem "Weltmeister-Quartal" 2006 messen, der neue "Handelsblatt-Barclays-Indikator" prognostiziert hierzu ("Wachstum verliert Tempo") einen bevorstehenden Rückgang dieser Dynamik auf grade noch +0.26 im zweiten Quartal - wenn das im direkten Vergleich mal nicht auch noch zu optimistisch ist oder sogar schon auf eine erste enttäuschende "Nulldynamik" hinausläuft. Zum Glück werden die BIP-Zahlen 2/2007 aber erst im späten August veröffentlicht werden, es bleibt also noch ausreichend Zeit für mögliche neue Höchststände im DAX und parallel dazu weiter fallende Anleihekurse am langen Ende, entsprechend steigenden Renditen und (bremsenden) Zinsen. Noch trägt die Stimmung ungebremst (jedenfalls hier im Euroland), noch besteht weiter die hohe Divergenz zwischen Lage und Erwartung z.B. im ifo-Index (hier genau umgekehrt divergierend übrigens wie vor dem dynamischen Aufschwung) und noch hält uns die Hoffnung weiter klar oberhalb des "statistischen Mittelmaßes" - genießen wir also einstweilen möglichst unbeschwert den Sommer.

Thomas A. Spörer

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