von Thomas A. Spörer

Zurück zum Mittelmaß?
"Alea iacta est." stand über dem gefallenen Februar-KID.
Heute, im März wäre inzwischen ausserdem noch "Aktiae
iacta sunt" hinzuzufügen.
Honi soi qui mal y pense (Ein Schelm, wer Böses dabei denkt).
Die Medien sprechen in gewohnter Übertreibung vom "Aktien-Schock",
in den Konjunkturberichten zu einzelnen Daten taucht vermehrt wieder
das Wort "überraschend schwächer" auf. Dabei sah
doch noch Anfang Februar alles so wunderbar optimistisch, glänzend
und bullish aus (?) - zumindest, wie gesagt, im sentimentalen Rückblick
auf 2006 und seine gepflegte Fortschreibung in die Zukunft.
Die Konjunkturdaten im Berichtszeitraum waren eher "sehr durchwachsen", aber zumeist nicht wirklich schlecht. Dementsprechend kam es nicht zu einem weiteren Absturz beim KID, eher fast wieder schon zu einer kleinen Verbesserung im Vergleich zum Februar. In der Grafik wurden die Linien wieder unterbrochen dargestellt, um den Indikatorverlauf besser erkennen zu können. Wer sagt, daß charttechnische Analyse nicht auch für Konjunkturdaten anwendbar wäre: Der KID hat (roter Kreis) zunächst die aufsteigende Konjunkturtrend-Linie A durchbrochen, hält sich nun aber wacker (noch) auf der unterstützenden Linie B. Im Februar lag er bereits auch schon hier leicht darunter, mit den aktuellen Daten sehen wir also eine marginale Stabilisierung.
Damit zu den "blauen Bändern" ausnahmsweise in der
heutigen Grafik:
Im unteren Bildteil ist wie üblich das Wachstum des deutschen
BIP in der Veränderung zum jeweiligen Vorjahresquartal als Balkenchart
dargestellt. Bildet man aus allen Quartalsveränderungen des neuen
gesamtdeutschen BIP-Wachstums seit 1991/92 den aktuellen Mittelwert,
so liegt dieser z.Zt. bei ca. +1.45, das "blaue Band" unten
stellt also den momentanen "historischen Mittelwerts-Bereich" des
langfristigen deutschen Wachstums dar.
Die gleiche Berechnung für die KID-Indikatorwerte seit 1993 ergibt
das "blaue Band" im oberen Teil der Grafik. Man erkennt im
Vergleich der beiden "Mittelmaß-Bereiche" deutlich
die parallelen Phasen überdurchschnittlichen Wachstums, ebenso
die lange Schwächephase zwischen 2001 und Ende 2005, sowie die
charttechnische "Widerstands-Funktion" des rechnerischen
Mittelwertes besonders in den letzten Jahren. Optisch verdeutlicht
wird damit auch die nach 2001 weniger klar zyklisch ausgeprägte
Schwingung der Konjunktur mit 2004 und 2005 sehr zähem "Kampf
um das und mit dem Mittelmaß".
Sie tanzte nur einen Sommer.
Die deutsche Sonderkonjunktur 2006 ist mit dem abschliessenden Sylvesterfeuerwerk
des vierten Boomquartals zuendegegangen, der Aufwärtstrend seit
Ende 2001 wurde klar durchbrochen, der KID-Indikator ist inzwischen
von oben nach unten wieder in die zähe Zone des durchschnittlichen
Mittelmaßes zurückgekehrt.
Als skurrile Fußnote der Konjunkturweltgeschichte erklärt jetzt ausgerechnet noch das Institut, welches erst gegen Ende 2006 seine Jahresfehlprognose ganz schnell nach oben verdoppelt hat, das Jahr 2007 zum "Boomjahr" und erhöht seine Wachstumsprognose dafür erneut deutlich. "Sehr geehrte Damen und Herren, zwar haben Sie es offenbar komplett verschlafen, aber das Boomjahr fand schon 2006 statt."
Schädlich sind solche Voraussagen vor allem auch deshalb, weil sie Begehrlichkeiten wecken. Einerseit in der Politik, wo bereits über neue Klima- bzw. Energiesteuern/abgaben nachgedacht wird, weil der Bürger die Mehrwertsteuererhöhung ja offensichtlich ohne spontanen Barrikadenbau und nachweihnachtliche Lichterketten weggesteckt hat. Was so natürlich garnicht stimmt, da der Handel, aus Erfahrung klug, den Einbruch mit extremer Rabattierung ("Wir zahlen die MwSt. für Sie!") zu überbrücken versucht hat. Dies läßt sich bei den meisten Margen jedoch nicht ewig durchhalten. Der bremsende Effekt kommt so verzögert und scheibchenweise abgemildert, zusätzlich begünstigt durch die Energiepreise und Kosten in diesem milden Winter, aber er kommt trotzdem mit Sicherheit noch auf die Binnenkonjunktur zu. Andererseits liefern überzogene Prognosen (bewußt?) eine direkte Steilvorlage für möglicherweise deutlich konjunkturschädlich überzogene Lohnforderungen und andere Ideen (zusätzlicher "Schulden-Soli"?) zum ungünstigen Zeitpunkt.
Offen bleibt derzeit noch die Frage, ob die "Linie B" zunächst weiter halten wird. Im bestmöglichen Fall erleben wir dann auf höherem Niveau noch eine Fortsetzung der schaukelnden "Wellenkonjunktur" der vergangenen Jahre, als mögliche nachrangige Belebung wie sie aktuell z.B. vom ZEW-Index und auch im KID-Oszillator angezeigt wird. Doch grade diese Fortsetzung wird durch blauäugig überzogene Erwartungenen und daraus resultierende Folgehandlungen natürlich im weiteren Verlauf stark gefährdet. Besonders eine künstlich angeheizte Stimmung und Erwartung kann ganz schnell in Enttäuschung umschlagen, wenn statt des fortgesetzten oder sogar noch kräftig gesteigerten Booms plötzlich nur (an sich ja durchaus gutverträgliches) Mittelmaß folgt.
Daß das nicht völlig abwegig ist, zeigt der Seitenblick auf das us-amerikanische BIP. Dies hatte seine dynamische Boomphase schon zwischen Anfang 2002 und Mitte 2004 und driftet seitdem seitwärts bis leicht abwärts dahin. Europa und Deutschland zeigten dagegen neben dem üblichen leichten zeitlichen Nachlauf dazu noch eine gepflegte Spätzündung mit dafür zuletzt klar überhöhter Drehzahl. Das ziemlich gleiche Phänomen war 1996 bis 2000 und davor auch schon zu beobachten, zeitweise kombiniert mit Abkopplungsfantasien. Geht es in den USA aber richtig abwärts, läuft Europa trotzdem jedesmal stante pede mit. Auch wenn Alan Greenspan die Wirkung seiner Rede wegen der heftigen Reaktionen umgehend wieder etwas abgemildert hat - die Gefahr besteht akut, daß die ausufernde Housing-Krise mittelfristig kräftig auf den US-Konsum durchschlagen wird.
Aktuell sind die Daten schwächlich bis durchwachsen, eine temporäre Zwischenerholung scheint jederzeit möglich, zumal klimatisch der Frühling uns mit weiterer Erwärmung droht. Die Rezessionswahrscheinlichkeit erscheint kurzzeitig zwar leicht rückläufig, ist aber längst noch nicht gebannt. Die ifo-Indices zeigten "überraschend" zuletzt einen ersten leichten Rückgang in allen drei Bereichen - der prompt teilweise sofort als klares Zeichen für die weitere Fortsetzung des Aufschwungs interpretiert wurde. Was sonst folgt normalerweise nach dem stürmischen Erreichen des Gipfels? Man steigt einfach weiter beschwingt luftig aufwärts und fällt kurz darauf kräftig auf die Nase, weil der Berg eben irgendwie doch überraschend schon zuende war. Beim deutschen Auftragseingang gab es zum Glück eine deutliche Aufwärtsrevision der schwachen Vormonatsdaten, die weitere Entwicklung bleibt hier aber aufmerksam zu beobachten.
Ein möglicherweise schwächer als erwartet ausgefallenes
erstes Quartal 2007 ließe sich sehr wahrscheinlich noch als "die
allseits erwartete Delle" verkaufen. Erst beim zweiten würde
es ernsthaft kritisch, aber diese Zahlen kommen erst im August. Bis
dahin liegt ein neuer Satz Würfel zum Spiel bereit. Wie es damit
laufen wird, liegt natürlich an uns selbst. Die Schere zwischen
Lage-Einschätzung und Zukunfts-Erwartung ist immernoch sehr groß.
Trifft man sich hier nicht bald auf halbwegs realistischen Niveau,
birgt dies kombiniert mit den beschriebenen inländischen Verzögerungseffekten
und einer schwächeren US- und Weltkonjunktur im weiteren Jahresverlauf
erhebliche Enttäuschungsgefahr.
Thomas A. Spörer