von Thomas A. Spörer

Alea iacta est
Die deutsche Konjunktur steht glänzend da.
Auf jeden Fall im Rückblick auf das vergangene Jahr 2006.
Die Zahlen zum BIP im vierten Quartal: +3.73 zum Vorjahresquartal,
dazu alle vier Quartale mehr oder weniger stark noch einmal hochrevidiert
zu einem Gesamtjahreswachstum deutlich über der ersten Schätzung
vom Januar.
Die vergangenen vier Quartale stellen mit +1.90, +2.83, +3.11 und +3.73
zum jeweiligen Vorjahresquartal eine kontinuierliche Steigerungsreihe
dar. Bei der Wachstumsdynamik (Quartal zu Vorquartal) sehen wir jedoch
mit +0.84, +1.18, +0.79 und +0.87 nach wie vor das "Vorweltmeisterschaftsquartal" 2/06
klar in Führung. Trotzdem ist damit die Wachstumsdynamik auch
im vierten Quartal noch stabil geblieben. Der Boom schürt Optimismus,
die Stimmung ist prächtig bis euphorisch, die Unternehmen in Hochstimmung
und die meisten Experten erwarten ein starkes Jahr 2007.
Nur eins paßt momentan nicht ganz dazu:
die Wirklichkeit, insbesondere innerhalb der maßgeblichen "harten" Wirtschaftsdaten.
In der Rangfolge der Wirtschaftsprozesse steht der Auftragseingang
ganz weit vorn, hier gab es mit den jüngst veröffentlichten
Dezemberzahlen bereits einen heftigen Einbruch: der Destatis Volumenindex
sank "Gesamt" von 126.40 auf 117.40, "Inland" stark
von 114.00 November auf nun noch 101.40, "Ausland" eher noch
moderat von 141.80 auf 137.50 im Dezember.
Der KID verlief noch zum Monatsanfang weiter exakt auf der blauen Aufwärtstrendlinie (A). Die Auftragseingangszahlen legten ihn schlagartig flach, sodaß ein waagerechter Trendbruch der Linie A erfolgte, weitere schwächere Daten bewirkten schließlich den aktuellen Stand, wo der Indikator kurzzeitig bereits die Linie B unterschritten hat und derzeit einen klaren weiteren Abwärtsschub einzuleiten droht. Damit hat sich das bisherige vorsichtige Hantieren mit vielen Fragezeichen bislang als richtig erwiesen und von dem zwischenzeitlichen fragwürdigen Positivsignal ist heute garnichts mehr zu sehen, es bleibt bis auf weiteres bei einem einsamen frühen und leider nochmals bestätigtem Abwärtssignal.
Schlimmer sieht es z.Zt. beim "harten KID" allein aus Realwirtschaftsdaten aus (siehe dazu Grafik vom KID Dez 2006), der inzwischen steil abwärts wieder auf dem Level von Mitte 2002 bzw. Mitte 2003 angekommen ist. Der vergleichsweise deutlich geringere Absacker im KID wird also vom positiven Sentiment getragen und noch unterstützt.
Eine kleine Hoffnung bleibt damit, falls sich die zunehmende Schwäche im Auftragseingang nämlich nur als temporäre Veranstaltung herausstellen sollte. Die nächsten AE-Daten (zum Monat Januar 2007) erscheinen voraussichtlich am 7. März, sollte hier keine klare Trendwende nach oben stattfinden, oder sich stattdessen der bestehende Trend sogar noch verstärken, braucht man das Thema "Fortsetzung des Aufschwungs 2007" zunächst nicht weiter diskutieren. Die aktuell sichtbaren leichten Erholungen in ZEW und anderen (Lage-)Sentimentzeitreihen wären dann mit hoher Wahrscheinlichkeit nur nachrangige "technische Reaktionen" auf eine zu früh erfolgte Wende ohne Berücksichtigung der unerwartet starken "Sonderkonjunktur 2006" und ihres Nachhall-Effekts. Die im KID oszillator angezeigte Frühjahrsbelebung wäre dann ebenfalls nur ein nachrangiges Intermezzo, eine kurze Gegenwelle im beginnenden Abschwung.
Der Binnenkonsum zeigte die erwartete heftige Reaktion auf die MwSt.-Erhöhung, der GfK Konsumklima-Index sank von 9.1 Punkten noch im Dezember auf inzwischen fast halbierte 4.8 Punkte Anfang Februar, die gemessene "Konsum- und Anschaffungsneigung" zeigte mit einem Einbruch von +59.9 auf unter Null im Neuen Jahr weit mehr als nur eine "leichte Delle". Der Außenhandelssaldo verringerte sich von 19.11 Mrd auf 14.43.
Der nationale US-Einkaufsmanager-Index (ISM) sank im Berichtszeitraum nach kurzem Rebound wieder ein Stückchen tiefer (aktuell 49.30) unter die entscheidende 50%-Marke, allgemein erwartet wurde hier ein Anstieg auf 51.50 statt weiterem "auf der Kippe stehen" zwischen Wachstum und Rezession. Ebenso "überraschend" folgte der europäische PMI verzögert seinem amerikanischen Bruder und zeigte damit den dritten leichten Rückgang in Folge.
Insgesamt besteht damit eigentlich kein realer Grund für überschwenglichen Optimismus. Der "Tanz auf der Rasierklinge" scheint nun nach langen Monaten endgültig beendet, der KID und die Würfel sind gefallen. Ausgerechnet die vermeintlichen Stärken bieten dabei möglicherweise negatives Überraschungspotential. Das Jahr 2007 muß sich in den Quartalsvergleichen an einem nochmals deutlich nach oben revidierten Vorjahr messen, die hohen optimistischen Zukunftserwartungen an das Jahr könnten im Verlauf schmerzhaft mit der begonnenen und möglichen weiteren realwirtschaftlichen Abschwächung kollidieren. Sodaß sich die notwendig zu schließende Schere zwischen Klima/Lage und Erwartung auf sehr viel tieferem Niveau treffen wird als derzeit noch angenommen.
Die Hausse nährt die Hausse - leider gilt dies umgekehrt genauso. Insofern droht ausgerechnet aus der außergewöhnlichen Stärke des Vorjahres und den damit verbundenen hohen Erwartungen eine mögliche "große Enttäuschung" bei weiterhin rückläufiger Realwirtschaft. In dem Moment wo die noch tragende Stimmung jedoch ebenfalls kippt, würden die Kräfte sich zu einem deutlicheren Abschwüng verdichten. Diese Möglichkeit besteht, aber noch sind wir nicht soweit. Der laufenden Karnevalskonjunktur tut dies jedenfalls garantiert noch keinen Abbruch.
Thomas A. Spörer