von Thomas A. Spörer

What will tomorrow bring???
Mit der großen Konjunkturlupe betrachtet sieht es aktuell so aus, daß der Aufwärtstrend im KID-Indikator seit 2002 einerseits stetig leicht unterschritten wurde, andererseits durch die jetzt schon mehrmonatige Seitwärtstendenz der fallende gleitende Durchschnitt inzwischen wieder ganz knapp erreicht worden ist. Da es sich aber momentan nur um ein "leichtes Berühren" im Bereich von Nachkommastellen handelt, ist das daraus resultierende mögliche Positivsignal im Bild diesmal nur angedeutet und wieder mit gleich etlichen Fragezeichen versehen.
Nüchtern betrachtet kann man so formulieren:
Der Aufschwung in D ist beendet. Derzeit sehen wir eine Seitwärtstendenz,
völlig offen bleibt zum gegenwärtigen Zeitpunkt, ob sich
daraus im Verlauf 2007 ein neuerlicher Aufschwung oder aber eine deutliche
Abwärtsbewegung entwickeln wird. Möglich ist zunächst
auch erst mal eine weitere Fortsetzung in Form einer volatilen Seitwärtsbewegung.
Ebenso gut möglich wäre folgende technische Interpretation
der Grafik:
Die deutsche Sonderkonjunktur 2006 (der "Buckel" von Ende
2005 bis Herbst 2006, genau zwischen den beiden roten Kreisen und oberhalb
der zweiten blauen Abwärtstrendlinie) ist jetzt ausgelaufen, wir
sind nach Fußball-WM-Begeisterung, vorgezogenem privaten Konsum
und vorgezogenen Investitionen inzwischen leider wieder exakt da bzw.
sogar leicht darunter angekommen, wo das "Hoffnungsjahr 2006" gegen
Ende 2005 mit einem deutlichen Ausbruch bzw. schwungvollem Aufbruch
begonnen hatte. Kein unbedingter Grund zum Jubeln also.
Die im KID und im KID-Oszillator sehr frühzeitig angezeigte Abwärtsbewegung rollt soeben ab. Wie stark sie real ausfallen wird, können und werden erst die BIP-Zahlen zum vierten Quartal 2006 sowie ggf. auch noch zum ersten Quartal 2007 zeigen. Solange bleibt auch die Frage nach "Delle oder Einbruch" offen. Der KID als Trendsetter statt Trendfolger ist darauf optimiert, Wendepunkte und neue Trends früher als üblich anzuzeigen, weniger dazu, deren spätere Stärke zu messen oder vorher zusagen. Man darf also gespannt sein, sollte sich dabei aber weder übergroßem Optimismus noch momentan schon zuviel Schwarzseherei hingeben.
Der KID läuft stetig seitwärts. Das bedeutet, das sich die
enthaltenen verschiedenen Komponenten des Indikators zur Zeit noch
exakt die Waage halten. Aufklärung bietet der Blick auf das Bild
des "harten KID" allein aus realwirtschaftlichen Daten ohne
die "weichen" Stimmungskomponenten:

Hier zeigt sich unübersehbar der realwirtschaftliche Trendbruch im Jahresverlauf 2006 (Linie über die Tiefpunkte 2002 und 2003) sowie eine eindeutig laufende Abwärtstendenz aktuell bis zum Jahreswechsel. Ein "Hoffnungshäkchen" oder gar Wende-Ansatz ist hier (Pfeil) bislang nirgends auszumachen. Die Stimmung bzw. Lage-Einschätzung ist also derzeit weitaus besser als die realwirtschaftliche Lage selbst und vor allem als deren aktuelle Tendenz. Im nach Einbruch nun erst mal seitwärts laufenden KID halten sich also derzeit optimistische Stimmung und abrutschende Realwirtschaft (noch) so ungefähr die Balance.
Mit Stimmung allein ist bekanntlich auf lange Sicht keine Konjunktur zu machen. Damit wird aber die immer noch rekordhohe Differenz zwischen "aktueller Lage-Einschätzung" und "Zukunftserwartungen" in den Stimmungsumfragen wie z.b. dem ifo-Geschäftsklima zum möglichen zukünftigen Sprengsatz: sollte sich nach dem "Fußball-, Feier- und Konsumjahr 2006" ab dem 1.1.2007 anläßlich realer Steuer- und Abgabenerhöhungen und zunehmender Wahrnehmung bisher eher ausgeblendeter ebenso real abschwächender Wirtschaftsdaten plötzlich Ernüchterung oder gar Enttäuschung breitmachen, wäre der, dann mit Sicherheit allseits wieder "überraschende" bzw. "unerwartete", kräftige Abschwung regelrecht vorprogrammiert. Das mögliche Überraschungspotential liegt naturgemäß bekanntlich stets und ständig auf der unerwarteten Seite.
Im ZEW-Index Konjunkturerwartungen sahen wir zuletzt eine erfreuliche und entsprechend laut bejubelte Erholung um 9.5 Punkte. Wohlgemerkt von minus 28.5 nur auf minus 19 und zu parallel rückläufigen Wirtschaftsdaten, immer noch deutlich "unter Null" (von wo ab man normalerweise erst von wieder "wachsender Zuversicht" sprechen sollte) und erst recht noch meilenweit unter dem historischen ZEW-Mittelwert bei plus 33.7 Punkten. Die Medien kommentierten, daß die befragten rund 300 Institutionellen und Analysten nun wohl "endlich ihre schwere Depression erfolgreich überwunden hätten". Eventuell lagen sie aber 2006 gar nicht so verkehrt und haben nur den "Sonderkonjunktur-Buckel" im abgelaufenen Jahr einfach unterschätzt und deshalb einige Monate zu früh den Daumen nach unten gedreht.
Aus Fehlern wird man bekanntlich nicht immer klug: Das IfW Kiel schwenkte zuletzt auch direkt und nahtlos von Depression auf Manie um und korrigierte seine aktuelle Wachstumsprognose für 2007 spontan um mehr als das Doppelte nach oben. Trotz gleichzeitig abschwächender Realwirtschaftsdaten, und gleich dazu noch kräftig eins oben drauf mit der (vom ifo sofort und offenbar ohne weitere Sinn-Prüfung aufgegriffenen) These eines "mehrjährigen dynamischen Aufschwungs bis 2008 oder noch weiter. Angesichts der real existierenden Problematik, oft genug wenigstens das nächste Quartal halbwegs richtig vorauszusagen, in der Tat eine heldenhafte Prognoseleistung, möglicherweise irgendwie indirekt angespornt von scharfer politischer Kritik an der Qualität deutscher Konjunkturforschung. Deren Aufgabe dennoch vornehmlich in der eher nüchternen Betrachtung und Kommentierung der möglichen zukünftigen Wirtschaftsentwicklung liegt, und eher weniger in der Zusatzfunktion eines Animateurs für heiter anhaltenden Stimmungsaufschwung im "kollektiven Freizeitpark Deutschland".
In den USA hingegen ist zum Jahreswechsel deutlich mehr Skepsis und besorgte Zurückhaltung als überschäumender Optimismus zu verspüren. Zwar beschwören auch dort die Medien in permanenter Wiederholung das ganz sicher kommende "Soft Landing" der US-Konjunktur. Darin liegt aber schon für sich mehr Realitätssinn: die je nachdem härtere oder weichere Qualität einer offenbar bevorstehenden "Landung" setzt immerhin mindestens vorher auch einen angenommenen vorherigen gewissen Fall von oben nach unten voraus, denn sonst gäbe es nichts zu landen, wie bei den deutschen Dellen-Überfliegern.
Von unten nach oben revidiert wurden zuletzt die "Retail Sales", also die US-Einzelhandelsumsätze mitsamt guten November-Zahlen, was dem Rentenmarkt prompt eine kalte Dusche, dem US-Dollar ein Rebound und den Aktien zuletzt neue Hochs in der laufenden Jahresendrally vor dem Fest bescherte. Ein Haar schwimmt leider auch in dieser Suppe, die wöchentlichen "Chain Store Sales" (Umsätze der großen US-Supermarkt- und Warenhausketten) brachen gleich Anfang Dezember regelrecht tief ein und zeigten in der Woche darauf auch bislang nur eine moderate Erholung. Dies sollte man, trotz und wegen der guten November-Konsumdaten, aktuell unbedingt scharf im Auge behalten - was dank "markt-daten.de" ja eine sehr einfache Übung darstellt.
Weit weniger einfache Übungen drohen in absehbarer Zeit der (US-)Weltpolitik.
Auch hier liegt möglicherweise im kommenden Jahr einiges an marktbewegendem
Potential. Nach der verlorenen Kongresswahl reifte plötzlich Erkenntnis,
daß eine "neue Strategie" dringend erforderlich sei.
Dies beinhaltet indirekt natürlich auch, daß die bisherige
endgültig gescheitert ist, einschließlich offensichtlich
aller US-Alleindominanz-Doktrin der letzten Jahre.
Vereinfacht ausgedrückt, sind die beiden Brückenköpfe
Irak und Afghanistan mit ihrem permanent hohen Blutzoll so und auf
Dauer nicht zu halten, schon gar nicht gegen die wachsende Stimmung
im eigenen Land. Anders als z.B. an den Märkten gibt es da militärisch
gesehen eigentlich nur noch zwei Optionen: vorwärts oder rückwärts.
Beides kann unter den gegebenen Verhältnissen schnell zum Desaster
geraten. Oder dem momentan um 60.- bodenbildenden Ölpreis wieder
neue Brisanz verleihen.
Dem oben gesagten ist zu entnehmen, daß wichtige Richtungsentscheidungen für Aktien, Renten, Edelmetalle, Öl und Dollar erst im Verlauf des ersten Quartals 2007 fallen werden, und daß deren voraussichtliche Trendrichtung für 2007 entgegen aller kalendarische Zwänge auch erst dann wirklich sinnvoll prognostizierbar sein wird. Der KID geht jedenfalls in stabiler Seitenlage ins Neue Jahr und liefert damit leider nur eine sehr zweifelhafte Vorbildfunktion für die Bürger und Bürgerinnen unseres Landes.
In diesem Sinne,
vergnügliche Feiertage und lassen Sie es zum Jahresende 2006 ruhig
noch mal ordentlich knallen - denn auch Knallen wird 2007 sicher drei
Prozent teurer.
