von Thomas A. Spörer

Trend in Gefahr
Etwas früher als gewohnt der KID im April. Auf den ersten Blick im Bild erkennbar, mit der Momentaufnahme des aktuellen Datenkranzes haben wir leider erneut den unteren Rand des mittelfristigen konjunkturellen Aufwärtstrendkanals erreicht. Die Frage an die kommenden 4 Wochen und ihre neuen Zahlen lautet also: Wird der Trend wiederum und noch einmal halten, oder droht uns nach einem Jahr des langsamen Dahinbröckelns nun ein Absacken von der Nullkommaneunneun mindestens bis auf die Null, mit entsprechend etwas zeitversetzten Folgen für Aktien- und Rentenmarkt?
Das herrschende wechselhafte Aprilwetter sowie die davor über
längere Zeit nur in einzelnen kleinen Schrittchen marginal schwächeren
Daten verführen vielleicht dazu, den in der Addition vieler kleiner
Abschwächungen liegenden Ernst der Lage zu übersehen. Noch
ist der Trend ein "Friend" der deutschen Konjunktur, doch
die Freundschaft beginnt jetzt merklich abzukühlen.
Parallele Warnzeichen
Am deutlichsten wird diese Gefahr mit den jüngsten Zahlen der
deutschen und europäischen Einkaufsmanager-Indices: Deutschland
zuletzt abwärts von 52.20 auf 50.30, Euroland von 51.90 auf 50.40,
beide liegen damit nur noch ein winziges Stück über der 50er-Grenze,
die Stillstand und "die Null" andeutet, sowie die Trennlinie
zwischen Wachstum oberhalb 50 und möglicher Rezession unterhalb
50 bildet. Einzelkomponenten wie der Auftragseingang zeigten dabei
bereits eine "rote 49" vor dem Komma. Ausser einem deutlichen
Warnsignal bestätigt sich hiermit auch die Sinnhaftigkeit der
(chart)technischen Analyse bei KID und Konjunktur-Zeitreihen. Obwohl
mit völlig anderen Methoden ermittelt und umgesetzt, zeigen die
Einkaufsmanager-Indizes das exakt gleiche Bild wie der KID mit seinem
Fast-Aufsetzer auf den unteren Rand des Trendkanals: Wir stehen aktuell
fast direkt "am Punkt" zwischen Wachstum und Rezession.
Gemischter Datensalat
Zwischen den weiteren Daten zeigte der ZEW-Index einen kleinen Anstieg, den man jedoch als Pullback unter den langfristigen Mittelwert interpretieren kann, zumal die IFO-Indices danach erheblich schwächer ausfielen. Ganz leicht verbessert die neuen Arbeitsmarktzahlen, was aber rein saisonal jeden Frühling stattfindet und keine Trendwende bedeutet. Deutlich negativ fiel dagegen der (richtungweisende) deutsche Auftragseingang aus. Lediglich der Konsum gab ein winziges Hoffnungssignal, sowohl per GfK-Konsumklima als auch bei den jüngsten Einzelhandelsumsätzen. Trotzdem hat sich inzwischen auch der harte KID verschlechtert und zeigt das Risiko einer deutlicheren Trendwende nach unten.
Auch bei den US-Daten kam keine rechte Freude auf. Die Retail-Sales schwächer als erwartet, Produktion und Kapazitätsauslastung in Folge des davor zunächst höheren Auftragseingangs zwar verbessert. Die jüngsten "New Orders" begeisterten nicht mehr, boten aber auch noch keinen Anlaß zur Sorge. Umfragen zum Verbrauchervertrauen sowohl der Uni Michigan als auch von TCB fielen enttäuschend schwächer aus. Bei den Arbeitsmarktdaten frustrierte die deutlich geringere Zahl neu geschaffener Stellen im März, auch die Erstanträge (Jobless Claims) zogen nach den guten Vormonatszahlen wieder an. Die Leading-Indicators haben im Jahresvergleich Richtung abwärts fast wieder den Stand des Vorjahrs erreicht. Der nationale Einkaufsmanagerindex fiel dafür nur marginal von 55.3 auf 55.2 und liegt damit anders als seine europäischen Kollegen noch weit oberhalb der kritischen 50er Marke.
Insgesamt ein zwar weiter leicht abgeschwächtes aber immernoch komfortabel hoch oberhalb der Sorgengrenze liegendes US-Datenbild. Europa und Deutschland jedoch nähern sich bedrohlich der Marke, die Wachstum von Stillstand bzw. Schwund trennt. Der allgemeine Tenor in den Kommentaren zu den jüngsten etwas schwächeren deutschen Zahlen lautete jedoch "Nicht beunruhigend". Wer im europäischen Vergleich schon am unteren Tabellenende angekommen ist, muß sich wohl nur noch wenig Gedanken um die Haltungsnote machen.
Schwunglose Umschwünge 2005?
Hier und da wird schon nicht mehr vom konjunkturellen deutschen Aufschwung, sondern vom "Umschwung" gesprochen. Der Blick auf den KID-Oszillator deutet an, daß wohl im laufenden Jahr noch mehrere Umschwünge drin sind, nach aktuellem Stand jeweils zwischen Nullkommamehr und Nullkommaweniger beim Wachstum. Der Kanzler ist bereits voll auf 2006 eingestellt, viele Prognosen deuten über 2005 hinweg hoffnungsvoll in die gleiche Richtung. Wo jedoch, ausgehend vom derzeitigen Bild einer langsam aber stetig abschwächenden Weltkonjunktur, ausgerechnet 2006 der dynamische Umschwung herkommen soll, bleibt offen.
Der KID-Oszillator relativiert zwar insgesamt ein wenig das Warnsignal
im KID, indem er für 2005 ein längerfristiges Pendeln "am
Punkt" zwischen Wachstum und Rezession vorhersagt. Wenn der positive
Trend jedoch bricht, kann dieses Pendeln durchaus auch "unter
Null" stattfinden, da der Oszillator eindeutig die Richtung anstelle
der Höhe präferiert. Immerhin liegen noch 3 Quartale vor
uns, in denen sich das Bild durch externe Faktoren ausserdem deutlich
verändern kann (siehe früher schon zu "Wildcards 2005").
Chancen und Risiken lassen vieles offen
Erster allerdings interner Faktor ist die NRW-Wahl, deren Ausgang durchaus Folgen für die weitere Reformpolitik bis zur Bundestagswahl haben kann. Ausserdem besteht danach eine wenn auch geringe Chance, daß Regierung und Opposition etwas mehr Energie konstruktiv zum Wohl des Landes aufbringen, statt nur für die Bekämpfung des politisch-ideologischen Gegners. Halbherzige, an Ideologie statt praktischer Vernunft orientierte und durch gegenseitige Blockaden behinderte Reformen tragen den Kern des Mißerfolgs in sich und wirken zudem auf Dauer sehr stark reformdemotivierend. Warnungen zu höherem Tempo und entschlossenerem Handeln kamen zuletzt auch von mehreren Institutionen aus dem Ausland.
Zugunsten anderer Nachrichten ist es stiller geworden um das Thema Iran/Nahost. Dennoch liegt hier immernoch die vielleicht entscheidende Wildcard für die Konjunktur 2005 über die zukünftige Entwicklung der Energiepreise. Alan Greenspan hat mit 7 Erhöhungsschritten inzwischen die relative Zinsnormalisierung fast wieder erreicht, damit wächst aber auch die Gefahr einer zeitverzögert zunehmenden Bremswirkung auf US-Konjunktur und -Konsum. Falls der Euro/Dollar-Trend früher oder später bricht, kann daraus eine gewisse Stimulation der Euro-Konjunktur erwachsen.
Zusammen also ein ganzes Bündel von offenen Faktoren, die je
nach weiterer Entwicklung 2005 positiv oder negativ wirken können.
Das stärkste ungenutzte Potential liegt aber nach wie vor in uns
selbst, und wer hier von einer Angstspirale beim Bürger spricht,
macht es sich eindeutig zu leicht und ignoriert die politisch-bürokratische
lähmende Mehltauspirale, die wie eine Wolke Feinstaub weiter über
dem Land schwebt.
Endlich wieder "finanzieller Handlungsspielraum"?
Der Stabilitätspakt ist erfolgreich "wachstumsfreundlich" reformiert, der Umschwung kann also endlich kommen und die Nettoneuverschuldung legal ohne Konsequenz und feste Grenze weiter freundlich wachsen. Entsprechende "Ausnahmetatbestände" lassen sich sicher jederzeit leicht finden, wenn schon ein gewaltiger Weltwirtschaftsboom mit anderswo zeitweise zweistelligen Wachstumsraten hierzulande offiziell als "unverschuldete wirtschaftliche Ausnahmesituation" gilt. Konsolidiert und gespart wird dann wieder ganz konsequent in wirtschaftlich noch besseren Zeiten.
Viel wichtiger als eine Nachkommestelle beim Defizitwert ist allemal die Frage der aktuell richtigen Wirtschafts- und Finanzpolitik. Für diesen Satz allein braucht es schon ein entsprechendes Haushaltsdefizit an mathematischem Lehrerwissen zur Zinseszinsrechnung. Was machen schon 3, 3.5 oder 3.9 Prozent "nur vorübergehend" und ausnahmsweise alle Jahre wieder laut langfristiger Verzinsungstabellen für einen Unterschied, abgesehen von einer dann mathematisch gesicherten X-fachen zusätzlichen Schuldenlast. Zuletzt hat Standard & Poors ganz unaufgeregt dazu eine realistische Gegenrechnung aufgemacht und die zukünftige Bonität von Deutschland, Frankreich und den USA längerfristig deutlich mahnend absolut in Frage gestellt.
Statt strikter Neuverschuldungsobergrenzen und somit direktem Zwang zu wirtschaftlich solidem Haushalten erfolgt nun eine "ausgewogene Analyse des Einzelfalls" auf individuelle Sonderfaktoren, bestimmte Ausnahmetatbestände, sonstige einschlägige Faktoren, erfolglos emsige Sparbemühungen und eifrige Lippenbekenntnisse sowie internationale (Zahlungs-)Solidarität mit darausfolgend entsprechend schwammig weicher "Ermessensentscheidung". Das klingt so sachlich vernünftig stabil wie die verwendeten Worthülsen. Wenigstens die "Nachhaltigkeit" ist garantiert, zumindest was die weitere Verschuldung und ihr stabiles dynamisches Mißwirtschaftswachstum betrifft.
Besonders betont wurde noch die "Generationengerechtigkeit".
Nach erkennbarer Definition der heutigen Politgeneration also egozentrisch
noch mehr Schulden fürs unmittelbare "Hier und Jetzt",
dazu moralische Verachtung für die Wiederaufbaugeneration, die
den heute selbstverständlichen Wohlstand aus Trümmern mühsam
erarbeitet hat, sowie Mißachtung aller Zukunftschancen der folgenden
Generationen, die den wachsenden Schuldenberg unter absehbarer demografischer
Verschärfung mit sinkendem Wohlstand später tragen müssen
bzw. eventuell mühsam wieder abarbeiten dürfen.
Euro/Dollar zeigt erste Wirkung
Euro/Pfund und Euro/Dollar sägen aktuell wieder fleissig am dicken Brett. Gemeint ist die schon erwähnte kräftige Widerstandszone, die quasi umgehend nach der politischen Euro-Aufweichung wieder angestrebt und zügig erreicht wurde. Nur der Yen blieb wegen schwacher Zahlen deutlich zurück. Dem Pfund gelang am 5.4. mit 0.6827 kurzzeitig schon ein Verlassen der Brettl-Zone 0.6835 bis 0.6875, im Moment sehen wir einen Rücksetzer wieder mitten ins Brett mit bis dato noch ungewissem Ausgang.
Dem Dollar verhalf die irrtümliche Vor-Veröffentlichung des ISM-Dienstleistungsindex statt des erwarteten Index für das verarbeitende Gewerbe am vorigen Freitag zu einem ungewöhnlichen Schub. Der kurzzeitig sichtbare Wert von 63.1 statt 55.2 beendete die grade laufende Konsolidierung schlagartig, in den Folgetagen herrschte jedoch merkliche Verunsicherung ob des plötzlichen, eigentlich widerrechtlichen Landgewinns. Ob sich die Händler nun für Fortsetzung der einmal begonnenen Bewegung oder erst noch weiteren Konsolidierungsbedarf entscheiden werden, erscheint besonders wegen der zwischenzeitlichen Verwirrung ungewiß.
Euro/Pfund und Dollar/Yen haben ihre 200-Tage-Schnitte schon erfolgreich in Arbeit, bei Euro/Dollar fehlt noch ein Stück. Trotzdem scheint der Wechsel im mittelfristigen Trend früher oder später gewiß, entweder jetzt mit Mühe oder erst im nächsten Anlauf. Dann wird es stark darauf ankommen, wann wo und wieviele längerfristige Positionen ausgestopt werden. Euro-Bullen drohen sehr wahrscheinlich spannende Zeiten. Trotzdem sollte man nicht zu früh zuviel erwarten.
Spiegelbildlich beim Gold drehte die Bewegung an 445.- und strebt
aktuell wieder der 200-Tage-Linie zu (aktuell bei 421/22 steigend).
Sollte sie diesmal fallen, wartet darunter der Widerstand bei 409/410
und schon bei 400.- der 2-Jahres-Schnitt. Erst nach deutlichem Unterschreiten
und Trendbruch kurz oberhalb 390.- würde das Ziel dann knapp 360.-
lauten, wo ein Kreuz aus zwei sehr langen gleitenden Durchschnitten
Einhalt gebietet. Umgelegt auf Euro/Dollar mit dem breiten Daumen etwa
1.18 bis 1.22, aber das ist noch weichgespülte Zukunftsmusik,
zu der grade erst die Ouvertüre erklingt.
Bonds reagieren erwartungsgemäß
Die beim letzten KID für den BUnd angenommene "unerwartete Zwischenerholung" fiel nach einem ersten abgebrochenen Versuch im zweiten Anlauf sogar noch kräftiger aus und führte Ende der Woche bis auf ein Top von 119.37 und damit einem klaren Ausbruch über die Zone 118.50 bis knapp unter 119.00. Da der US-T-Bond aber dann an gut 112.00 scheiterte und in Folge zurückfiel, stand der Bund plötzlich ganz allein oben im Wind. Dementsprechend wurde den ganzen letzten Freitag unsicher oberhalb der Ausbruchszone zwischen 118.91 und 119.17 herumgeturnt und unsicher abwartend auf die T-Bonds geschielt.
Eigentlich wäre jetzt Raum frei bis ungefähr 119.70/80,
aber ohne Hilfe des großen US-Bruders wird das wohl nur schwerlich
gelingen. Alles was darüberliegt, wäre auch schon wieder übertrieben,
bis Ende April, Anfang Mai könnte schon der nächste Test
des mittelfristigen Aufwärtstrends anstehen. Wahrscheinlich erneut
erfolgreich, wenn das Konjunkturbild weiter in die jetzt angezeigte
Richtung läuft. Bricht der Konjunkturtrend, ist es mit dem Bondbubble-Szenario
endgültig vorbei. Bricht der Euro-Trend, belastet dies sicher
aber auch den deutschen Rentenmarkt. Gepflegtes Hin-und-her scheint
daher wahrscheinlich.
Last and least zum DAX, ...
... der seit Ende Januar kaum mehr als Seitwärts zwischen 4275 und 4435 herumpendelt. Der jüngste Angriff auf 4400 fand trotz Chance auf 4470 relativ geringe Beteiligung, ein Dreifach-Top droht und falls die Umsätze in Gegenrichtung wieder zulegen sollten, eine kleine Kopf-Schulter-Formation mit eventuellem anschliessendem Test der 200-Tage-Linie bei ca. 4100. So oder so kein Bang- sondern aktuell mehr ein Boring-Szenario.
Zur Vorsicht mahnt der S&P 500, der sehr nach "nachrangiger Erholung" und Pullback unter die waagrechte 100-Tage-Linie aussieht, wenn 1195 Punkte nicht schnell wieder überwunden werden. Zwar liegen unten mit dem Horizontalwiderstand 1163 und um 1150 noch harte Unterstützungen, werden die aber rasiert, sind knapp 1100 Punkte als möglich angesagt.
Das aktuelle Konjunkturszenario bremst den Aktienmarkt und könnte bei weiter fortgesetzter Abschwächung sogar das Eis dünner werden lassen. Umgekehrt erhalten die Renten aus schwächeren Zahlen tendeziell weiter Unterstützung, solange die Inflation nicht deutlicher anzieht. Und mit relativer Wahrscheinlichkeit dürften auch die kurzfristig verstummten Rufe nach staatlichen Wirtschaftsförderprogrammen wieder lauter werden, falls der Konjunkturtrend einbricht. Finanzieller Spiel-Raum für Panem et Circenses im alltäglichen Ausnahmezustand ist jetzt schließlich wieder vorhanden.
